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Der Super-Sonntag kann kommen

Nach neun Winterspielen vor Ort sitzt unser Autor dort, wo alles begann: Vor dem Fernseher. Ein Rückblick von Russis frechstem Rennen bis zu den Goldhamstern von heute.

1976 fesselten sie die Zuschauer vor der Flimmerkiste: Franz Klammer (l.) und Bernhard Russi, hier an der Nuit Blanche 2004 in Davos.
1976 fesselten sie die Zuschauer vor der Flimmerkiste: Franz Klammer (l.) und Bernhard Russi, hier an der Nuit Blanche 2004 in Davos.
Arno Balzarini, Keystone

Klammer gegen Russi. Das grosse Duell der Olympischen Winterspiele von Innsbruck 1976. 60'000 Zuschauer wollten «Kaiser Franz» siegen sehen. Bernhard Russi, der Olympiasieger hielt dagegen. Er zeigte das frechste Rennen seiner Karriere, fuhr überall eine «Olympia-Linie», war am Ziel mit überlegener Bestzeit um zwei Sekunden schneller als im Training. Klammer war gefordert. Er riskierte noch mehr, beging Fehler, doch er wurde immer schneller. Bei der letzten Zwischenzeit lag Russi noch vorn, doch Klammer fing ihn ab.

Klammer gegen Russi. Es sind Bilder, die in meinem Hirn – etwas verschwommen zwar – auch 38 Jahre danach noch immer präsent sind. Aber es sind die einzigen. Die Spiele von Innsbruck waren die letzten, die ich nur vor dem Bildschirm erlebte, und da gibt es nichts, das sich so tief eingeprägt hätte, dass die Konturen noch immer klar erkennbar wären. Ganz im Gegensatz zu den neun, bei denen ich zwischen Innsbruck und Sotschi dabei war. Da kann ich auf den Knopf drücken und es tauchen Bilder auf.

Lake Placid 1980. Die Spiele im Kaff. Neun Journalisten von drei Zeitungen und einer Agentur im gleichen Haus gleich neben dem Eisstadion, Transportchaos, italienische Kollegen, die zwei Stunden in der Kälte auf den Bus warten und alle krank werden, die Casa d’Italia als rettender Hort, der Wiener Journalist Charly Pointner, des es auf den Punkt bringt: «Aber am Mond sans gfahrn».

Sarajevo 1984. Eine gemütliche Altstadt, in der die Menschen verschiedenster Herkunft und Religion friedlich zusammen leben und mit Stolz geniessen, dass auch ein Land wie Jugoslawien Winterspiele durchzuführen. Wohnen in Silos, die von netten Frauen am Eingang bewacht werden. Ein Tag, an dem ich ohne Akkreditierung trotzdem überall durchkomme. Das Pfeifkonzert, das Max Julens Olympia-Goldfahrt begleitet, weil Jure Franko führt.

Calgary 1988. Die jamaikanischen Bobfahrer, die in einem Warenhaus Raggae spielen, um Geld zu sammeln für ihr Abenteuer. Eddie the Eagle. Die tägliche zweistündige Busfahrt von Calgary zu den Alpinen nach Nakiska. Frühlingswärme und bittere Winterkälte. Und die Enttäuschung, wenn es statt Gold nur Bronze gibt.

Albertville 1992. Wir nennen sie Silberfische und sie sind eine Plage. Wo immer man durchfahren oder gehen will, versperren sie den Weg: Die «Volontaires», die im Gefühl schwelgen, Olympia sei nur für sie organisiert.

Lillehammer 1994. Das pure Gegenteil. Jeder will helfen, auch ungefragt. Und dann all diese Rucksäcke, in denen ein Norweger-Fähnli steckt.

Nagano 1998. Eine Stadt, die erst nach Beginn der Spiele merkt, dass sie von Fremden heimgesucht wird. Wayne Gretzky live. Und der abendliche Treff bei Haro – den wir so nennen, weil er Englisch gelernt hat und «Hello» so ausspricht.

Salt Lake City 2002. «How are You doing today» – die allmorgendlich Begrüssung im Hauptpresssezentrum die schon auf 50 Meter Distanz entgegen geschleudert wird. Mormonen, die sich bemühen, weltoffen zu sein. Sicherheitskontrollen noch und noch. Sechs Stunden Anstehen beim Heimflug-Check-in.

Turin 2006. Morastige Parkplätze, herzlose Schmudeligkeit abseits des TV-Bereichs, unpünktliche Busse und eine Stammbeiz, in der uns eine sizilianische Familie ein bisschen mit Italien versöhnt.

Vancouver 2010. Ein Wintersportort, der so gross ist, dass er Olympia in den ganz normalen Ferienbetrieb integriert. Die Sportbar, in der sich Olympioniken und Tiefschneefahrer ungehindert treffen. Und natürlich der Super-Sonntag mit Défago, Ammann und Cologna.

Und jetzt also Sotschi 2014. Die Putin-Spiele, für die ich mich altershalber nicht mehr qualifiziert habe. Die wieder mit einem Super-Sonntag beginnen, an dem ich – im Gegensatz zu Vancouver – bei jeder Bewegung unserer Gold-Verteidiger dabei sein kann, ohne nur Défago nachrennen zu müssen und sonst nichts mitzubekommen.

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