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Ureigene Schweizer Kompetenz

Sotschi 2014 ist für die Schweiz mehr als ein Sportevent. Es geht auch um das positive Image eines Landes, das von Bergen geprägt ist.

Die Schweiz interpretiert Erfolge an Olympischen Winterspielen als Ausdruck von ureigener Kompetenz: Der Schweizer Rodler Gregory Carigiet während einem Training in Sotschi.
Die Schweiz interpretiert Erfolge an Olympischen Winterspielen als Ausdruck von ureigener Kompetenz: Der Schweizer Rodler Gregory Carigiet während einem Training in Sotschi.
Arnd Wiegmann, Reuters
5 von 163: Eishockey-Goalie Florence Schelling, Schlittler Gregory Carigiet, Skirennfahrer Didier Défago und Bobfahrerinnen Fabienne Meyer und Tanja Mayer (von oben links nach unten rechts).
5 von 163: Eishockey-Goalie Florence Schelling, Schlittler Gregory Carigiet, Skirennfahrer Didier Défago und Bobfahrerinnen Fabienne Meyer und Tanja Mayer (von oben links nach unten rechts).
Keystone
«Die Leute wollen dorthin, wo die Sieger herkommen.»: Peter Schröcksnadel, Präsident des österreichischen Skiverbandes.
«Die Leute wollen dorthin, wo die Sieger herkommen.»: Peter Schröcksnadel, Präsident des österreichischen Skiverbandes.
Dominic Ebenbichler, Reuters
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Es gibt nur wenige Länder auf der Welt, für die Olympische Spiele im Winter wichtiger sind als im Sommer. Dazu gehört ganz bestimmt die Schweiz. Sie ist geografisch und touristisch stark von Bergen geprägt, sie sieht sich als Vorreiter im Wintersport. Erfolge bei Olympischen Winterspielen interpretiert sie deshalb als Ausdruck von ureigener Kompetenz.

Damit geht es also ab Samstag in Sotschi und Krasnaja Poljana für die Schweizer Delegation darum, in den 98 Entscheidungen mit möglichst vielen Medaillen zu beweisen, dass die geografischen Möglichkeiten und die Sportstätten erfolgreich genutzt werden, dass das Know-how in Trainingslehre, Medizin und Forschung vorhanden ist, dass die Ausbildungsinstitutionen funktionieren.

Was seit Jahren auffällt: Die Schweizer Delegation ist in der Lage, in nahezu allen Disziplinen um Medaillen mitzukämpfen. Langlauf, Ski alpin, Eishockey, Curling, Snowboard, Freestyle, Skisprung, Bob. Es ist noch nicht lange her, da wurden auch im Eiskunstlauf und Skeleton Podestplätze errungen. Das ist für ein kleines Land mit einer überschaubaren Zahl an begabten Sportlern und Sportlerinnen nicht selbstverständlich. Selbst wenn die Zahl der konkurrenzierenden Nationen an Winterspielen geringer ist als im Sommer.

Die drei Wege zum Erfolg

Es gab und gibt wenig Länder dieser Grösse, die so stark sind. Ein Beispiel war die DDR, wo ebenfalls mit vergleichsweise wenigen Sportlern grosse Erfolge errungen wurden. Dort setzte man auf ein System der wissenschaftlichen Selektion von Kindesbeinen an, des systematischen Dopings und politischen Drucks bei Misserfolgen. Die Schweiz verfolgt eine ganz andere Philosophie, es geht um die grösstmögliche Flexibilität, die Rücksicht auf die handelnden Personen und die jeweiligen Bedürfnisse der Sportarten. Die Entwicklung des Hockeyteams der Männer zum ernsthaften Medaillenkandidaten muss dabei als Einzelfall betrachtet werden. Es ist die einzige Sportart bei Olympischen Winterspielen, die ihre wirtschaftliche und sportliche Stärke über die nationale Meisterschaft herstellt.

Im Prinzip gibt es im Schweizer Wintersport drei Wege zum Erfolg: Da sind die Ausnahmetalente wie Simon Ammann und Dario Cologna; Lara Gut kann jetzt zeigen, dass sie in diese Kategorie gehört. Sie können durch einen Verband im schlimmsten Fall verhindert werden, wie das in Österreich beinahe mit Hermann Maier geschehen wäre, mit 18 Jahren war er aus allen Kadern gefallen. Die Verbandsstrukturen, die für die Mehrheit aller Beteiligten sehr wichtig sind, müssen für diese Ausnahmetalente nicht angepasst oder gar abgeändert werden. Aber man muss ihnen die Freiheiten gewähren, die sie für ihre Entfaltung benötigen.

Der zweite Weg ist der kontinuierliche Aufbau einer Sportart. In der Schweiz ist dies mit ihren dezentralen Strukturen und ihrer stark föderalistisch geprägten Kultur nicht der übliche Weg. Man findet ihn allerdings im Biathlon geradezu vorbildlich. Markus Regli heisst der Mann, der es sich zum Ziel setzte, diesen Sport in der Schweiz zu etablieren, anfangs über einen eigenen Verband, dann unter dem Dach von Swiss-Ski. In Sotschi treten «seine» Athleten und Athletinnen erstmals mit realistischen Medaillenchancen an.

Und dann gibt es den dritten Weg. Der ist geradezu typisch für die Schweizer Kultur und sorgt im Ausland immer wieder für Aufsehen: die individualisierte, oft auf Eigeninitiative setzende Entwicklung von Talenten, die dann von den nationalen Verbänden gefördert und im Idealfall auf die höchste Ebene gebracht werden.

Was die Schülerehrung aussagt

Ein Muster dafür ist der Bereich Freestyle/Snowboard, in dem die Schweiz seit Jahren zu den erfolgreichsten Nationen gehört. In ihrem Fall ist es so, dass ein starker Verband zumeist sogar schadet, weil seine starren Strukturen dem traditionell freiheitlichen Denken der Snowboarderinnen und Freestyler widersprechen. Man muss zum Beispiel nur einmal bei der Schülerehrung der Sportmittelschule Engelberg dabei gewesen sein: Zuerst kommen die Alpinen, zügigen Schritts, ordentlich gekleidet und wohlfrisiert. Danach sind die Freestyler dran, sie schlurfen aufs Podium, die Hose hängt irgendwo in den Knien, die Mütze mit überdimensioniertem Schild soll vor allem Beleg dafür sein, dass der wilde Haarschopf gar nicht zu bändigen ist.

In der Schweiz hat Swiss-Ski diese Eigenarten viel früher erkannt als etwa der Deutsche Skiverband. Der DSV tut sich bis heute enorm schwer, den Freestylern und Snowboardern die Freiheiten zu lassen, die sie für sich als Grundlage eines erfolgreichen Tuns sehen. Hilfreich in diesem Zusammenhang sind Wintersportorte wie zum Beispiel Laax, die ganz stark auf die Freestyle-Szene setzen, eigene Akademien aufbauen, die dafür die nötigen finanziellen Mittel und die Schneesicherheit haben.

Der Präsident des österreichischen Skiverbandes, Peter Schröcksnadel, hat sein Mantra: «Die Leute wollen dorthin, wo die Sieger herkommen.» Er meint damit nicht nur das Image eines Landes als Urlaubsdestination, es geht ihm um mehr, um das positive Image einer Nation generell.

Entweder «wir» oder «die»

Damit tut man nun vielleicht dem Bobfahrer Beat Hefti, der Skifahrerin Lara Gut, dem Snowboarder Iouri Podladtchikov, der Freestylerin Fanny Smith, dem Biathleten Benjamin Weger, dem Langläufer Dario Cologna, dem Curlingteam um Skip Mirjam Ott, dem Skispringer Simon Ammann oder dem Eishockeyteam keinen Gefallen. Sie sollen in erster Linie für sich fahren und springen, wischen und laufen, zielen und treffen, damit es am Ende eine Medaille gibt. Das wird schwierig genug, da sollte niemand zusätzlich die Erwartung einer ganzen Nation auf den Schultern spüren.

Aber so ist das bei Olympia. Gibts viele Medaillen, sind «wir» einfach gut; gibts wenig Medaillen, sind «die» einfach schlecht. Das gehört zum Spiel und vor allem zu den Spielen.

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