Der Tinder-Schwindler

Ein israelischer Betrüger gaukelt jungen Frauen die grosse Liebe vor und knöpft ihnen Geld ab. Reporter haben ihn monatelang gesucht – und in München gefunden.

So luxuriös lebte der Schwindler: Ein Opfer hat Journalisten Aufnahmen zur Verfügung gestellt. Video: VG

Privatjet, teure Sportwagen, Luxushotels. Simon Leviev ist Multimillionär, Erbe eines israelischen Diamantenkönigs. Er jettet zwischen Oslo, London und Tel Aviv hin und her, immer auf der Jagd nach dem nächsten grossen Deal. An seiner Seite: Schöne junge Frauen, meist sind sie blond, es könnten Models sein. So präsentiert er sich in sozialen Medien und auf Tinder.

Simon Leviev ist ein Betrüger. Und die Frauen sind seine Beute.

Das norwegische Boulevardmagazin VG hat in monatelanger Recherche aufgedeckt, wie perfid Leviev seine Opfer umgarnt, manipuliert und unter Druck setzt. Und wie sich zwei Frauen zur Wehr setzen, als sie erkennen, dass Leviev ein Schwindler ist.

Cecilie Fjellhoy lernt Simon Leviev im Jahr 2017 über die Dating-App Tinder kennen. Die Software-Entwicklerin aus einer kleinen Stadt in der Nähe der norwegischen Hauptstadt Oslo findet Gefallen an seinen Profilbildern, die von Luxus und Eleganz erzählen. Die beiden treffen sich im Luxushotel Four Seasons in London. Fjellhoy ist für ihr Masterstudium in die britische Hauptstadt gezogen. «Er war unglaublich charmant, ein richtiger Gentleman», erzählt Fjellhoy dem Magazin VG.

Schnell mit dem Privatjet nach Sofia: Simon Leviev und Cecilie Fjellhoy. Foto: VG

Leviev legt einen beeindruckenden Auftritt hin. Ein Team von Assistenten und Bodyguards begleitet ihn beim Treffen. Er sei der CEO von LLD Diamonds und Sohn des israelischen Rohstoffmagnaten Lev Leviev. Er habe ein Business-Meeting in Sofia. Ob sie ihn begleiten wolle?

Sie fliegen mit dem Privatjet nach Bulgarien, in der Luft wird Kaviar serviert. «Es war überwältigend», sagt Fjellhoy. «Er hat Charisma, eine spezielle Ausstrahlung.»

Was die Norwegerin zu diesem Zeitpunkt nicht weiss: Simon Leviev heisst eigentlich Shimon Hayut. Mit der Familie des Diamantenkönigs Leviev hat er nichts zu tun. In Wahrheit ist Hayut in einem ultraorthodoxen Vorort von Tel Aviv aufgewachsen, sein Vater ist ein Rabbi. Als Zwanzigjähriger stahl er einer Familie Bankchecks, als er für ihren Sohn babysittete. Auch einen Geschäftsmann bestahl Hayut, schreibt die israelische Zeitung «Haaretz», die sich die Anklageschrift gegen den Betrüger besorgte. Vom Geld leistete er sich einen Porsche und Flugstunden.

Rohstoffmagnat Lev Leviev hat gegen Shimon Hayut Klage eingereicht: Dieser gab sich als Levievs Sohn aus. Foto: Reuters

Deswegen wird er von der israelischen Polizei gesucht. In Schweden, England und Norwegen haben sich weitere Opfer bei den Behörden gemeldet. In Finnland wurde der 28-Jährige im Jahr 2015 bereits verurteilt, weil er mehrere Frauen um Geld betrogen hatte. Hayut verbüsste eine Gefängnisstrafe.

Dann beginnen die Drohungen

Für Cecilie Fjellhoy ist Shimon Hayut aber immer noch Simon Leviev, der charmante Milliardenerbe. Und sie verliebt sich in ihn. Über Monate schreiben und telefonieren sie jeden Tag, Leviev besucht sie Anfang 2018 in London und Oslo, nimmt sie mit auf Geschäftsreisen. Fjellhoy hält ihn für den Mann ihres Lebens.

Auch als Leviev anfängt, sie um Geld zu bitten, schöpft sie keinen Verdacht. Er werde von der Konkurrenz bedroht und könne daher keine Kreditkarten unter seinem Namen benützen. Fjellhoy gibt ihm immer mehr, nimmt sogar Kredite auf, um Leviev zu unterstützen. Der wendet perfide Mittel an, um seine Lügengebilde aufrechtzuerhalten. Einmal schickt er ihr Bilder von seinem blutenden Bodyguard auf dem Weg ins Spital, er selber hat Schrammen im Gesicht. Er sei aus dem Nichts angegriffen worden, wahrscheinlich steckten seine Konkurrenten dahinter.

Cecilie Fjellhoy ist zu Tode erschrocken. Und überweist ihm weiter Geld. Insgesamt über eine Viertelmillion Franken. Als Leviev ein Treffen mit ihrer Familie in Oslo mit fadenscheinigen Ausreden absagt und mehr Geld verlangt, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihre Ersparnisse wird sie nie wieder sehen. Sie bricht den Kontakt ab.

Dann beginnen die Drohungen.

Fjellhoy geht in Norwegen und England zur Polizei. Und kontaktiert das Boulevardblatt VG. Den Journalisten stellt sie ihren gesamten Chatverlauf, Fotos und Videoaufnahmen zur Verfügung. Die Journalisten machen sich auf die Suche nach dem Betrüger Shimon Hayut.

Shimon Hayut alias Simon Leviev mit Pernilla Sjoholm. Foto: VG

Bei ihren Recherchen stossen sie auf ein weiteres Opfer, die Schwedin Pernilla Sjoholm. Mit Fjellhoys Geld hatte Hayut ihr mehrere Flugtickets gekauft. Die norwegischen Reporter kontaktieren Sjoholm. Da wird ihr klar, dass sie ebenfalls dem Tinder-Schwindler aufgesessen ist.

Vorderhand tut Sjoholm jedoch so, als wäre sie immer noch Levievs Freundin, und lockt ihn nach München. Die Journalisten warten im Gebäude gegenüber dem Luxushotel. Bislang kennen sie ihn nur von Bildern und Videoaufnahmen. Leviev taucht auf, und die Journalisten können ihn anhand von Polizeibildern identifizieren. Jetzt haben die VG-Reporter die endgültige Gewissheit, dass Simon Leviev wirklich Shimon Hayut ist.

Einige Tage später konfrontiert Sjoholm Hayut mit ihrem Wissen um seine wahre Identität. Die Journalisten nehmen das Telefongespräch auf. Auch hier reagiert Hayut mit Drohungen: «Wenn du dich gegen mich stellst, wird das einen Preis haben.» Dann verliert sich seine Spur. Sein israelischer Anwalt sagt gegenüber den Medien, dass er den Kontakt zu Shimon Hayut in den letzten Monaten verloren habe.

Der Tinder-Schwindler ist immer noch auf der Flucht.

Haben Sie einen Hinweis zu Simon Leviev, senden Sie bitte eine E-Mail an: hannes.vonwyl@tages-anzeiger.ch

hvw

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