Der Mörder in den Hollywood Hills

In Los Angeles steht ein Mann vor Gericht, der drei Frauen erstochen haben soll. Mittendrin: Schauspieler Ashton Kutcher.

Schauspieler Ashton Kutcher hatte eine Beziehung mit einem der späteren Opfer von Gargiulo. In Los Angeles sagte er vor Gericht als Zeuge aus. Foto: Reuters

Schauspieler Ashton Kutcher hatte eine Beziehung mit einem der späteren Opfer von Gargiulo. In Los Angeles sagte er vor Gericht als Zeuge aus. Foto: Reuters

Die ganze Geschichte klingt derart unglaublich, dass es einen irgendwann nicht mal mehr wundert, dass Schauspieler Ashton Kutcher mit Schnauzbart, ungebügeltem Hemd und schrecklicher Krawatte im Zeugenstand sitzt – als würde er in einem düsteren Film den heruntergekommenen Detektiv verkörpern. Es geht um Michael Gargiulo, 43, besser bekannt als «Hollywood Ripper», er soll drei Frauen erstochen und eine weitere schwer verletzt haben, und während der Gerichtsverhandlung in Los Angeles werden beinahe jeden Tag neue, teilweise verstörende Details bekannt. Die Gerichtsakten, die dieser Zeitung vorliegen, lesen sich wie das Drehbuch zu einem Film noir.

Die Geschichte beginnt vor 26 Jahren in Chicago. Der damals 17 Jahre alte Gargiulo soll die ein Jahr ältere Tricia Pacaccio vor deren Wohnung erstochen haben. Der Fall blieb ungeklärt, erst zehn Jahre später konnten Ermittler über einen DNA-Test feststellen, dass das Blut an den Fingernägeln der Ermordeten das von Gargiulo gewesen ist. Der hatte in der Nachbarschaft gewohnt und war ein Freund von Pacaccios Bruder gewesen, lebte zum Zeitpunkt des DNA-Tests jedoch bereits in Los Angeles und soll dort im Jahr 2001 die Studentin, Stripperin und Schauspielerin Ashley Ellerin ermordet haben.

Kutchers Fingerabdrücke an der Tür des Opfers

Das führt zu Kutcher, der damals in der TV-Serie «Die wilden Siebziger!» mitspielte und Ellerin in der Mordnacht zu einer Party anlässlich der Grammy Awards ausführen wollte. «Ich habe an die Tür geklopft, aber keine Antwort erhalten», sagte Kutcher im Zeugenstand: «Ich habe angenommen, dass sie bereits ausgegangen sei. Ich bin zu spät dran gewesen und habe gedacht, dass ich sie verärgert hatte.» Er habe durchs Fenster geguckt und einen dunkelroten Fleck auf dem Boden des Wohnzimmers für verschütteten Wein gehalten: «Als ich am nächsten Tag gehört habe, was passiert ist, bin ich sofort zur Polizei. Meine Fingerabdrücke waren an der Tür, ich war völlig ausser mir.»

Laut Ermittlern ist Ellerin bei der Ankunft von Kutcher bereits tot gewesen, ermordet mit 47 Messerstichen, der Fleck sei Blut gewesen und kein Rotwein. Gargiulo habe seine Opfer jeweils gezielt ausgewählt, er habe sich mit jungen, attraktiven Frauen angefreundet, sie monatelang beobachtet und schliesslich ermordet. Er habe versucht, perfekte Verbrechen zu begehen, so habe er etwa die TV-Sendung «America's Most Wanted» (ein Ableger von «Aktenzeichen XY ... ungelöst») auf mögliche Fehler der Verbrecher analysiert, über das Studium von Kochbüchern den Umgang mit Messern gelernt und absichtlich mit seiner Frau und seinem Kind jeweils in der Nähe der Opfer gewohnt, um nicht verdächtigt zu werden.

«Er hat so getan, als wäre er der Kumpel von nebenan mit Job, Frau und Kind. Dabei hat er ein Doppelleben geführt.»Staatsanwalt

Der damals 22 Jahre alten Ellerin habe er sich als hilfsbereiter Nachbar in den Hollywood Hills vorgestellt, der Autoreifen wechselte, Klimaanlagen reparierte und einem über seinen Nebenjob als Türsteher Zugang zu den angesagten Bars auf dem Sunset Boulevard verschaffen konnte. Zeugen berichten, dass er oftmals stundenlang in seinem Auto gesessen und die Wohnung von Ellerin beobachtet habe, zudem sei er ohne Einladung zu Partys gegangen, auf denen auch Ellerin gewesen sei. In der Mordnacht habe er vor der Wohnung gewartet, bis das Opfer aus der Dusche gekommen sei, dann habe er an die Tür geklopft. «Der Rest ist Geschichte», sagt Staatsanwalt Dan Akemon während der Verhandlung: «Sie hat Bekannte stets reingelassen.»

Danach ist Gargiulo ins 30 Kilometer entfernte El Monte im Osten von Los Angeles umgezogen. Er mietete sich in einen Wohnkomplex ein und soll dort im Jahr 2005 die 32 Jahre alte Nachbarin Maria Bruno brutal ermordet haben. Er soll ihr den Hals aufgeschnitten, die Brüste abgetrennt und eine Brustwarze auf ihrem Mund platziert haben. «Er hat die Frauen permanent beobachtet, es war eine Art Hobby für ihn, die perfekte Gelegenheit abzuwarten», sagt Akemon: «Er hat so getan, als wäre er der Kumpel von nebenan mit Job, Frau und Kind. Dabei hat er ein Doppelleben geführt.»

Kein Haftbefehl trotz Blutspuren

Nun wird es wenig schmeichelhaft für die Ermittler. Wie schon erwähnt, hatte es im Jahr 2003 einen DNA-Test im Bundesstaat Illinois gegeben, der Gargiulo mit dem ersten mutmasslichen Opfer in Verbindung gebracht hatte. Beim Mord an Bruno fand die Polizei einen Schuh mit Brunos Blut und Gargiulos DNA darauf. Der wurde dennoch nicht verhaftet und zog mit seiner Familie weiter in die Küstenstadt Santa Monica im Westen von Los Angeles. Dort soll er im April 2008 die damals 26 Jahre alte Michelle Murphy angegriffen haben – sie überlebte.

«Da ist jemand auf mir gewesen und hat auf mich eingestochen», sagt Murphy im Zeugenstand. Sie sei im Schlaf überrascht worden: «Ich habe das Messer mit beiden Händen an der Klinge festgehalten, um zu verhindern, dass er weiter auf mich einstach. Aber er machte einfach weiter. Ich habe gebrüllt: ‹Warum tust du das?›» Nach sieben oder acht Stichen in Arme und Beine habe sie den Angreifer getreten, er sei daraufhin vom Bett gefallen und geflüchtet. Beim Verlassen der Wohnung habe er sich entschuldigt.

Aufgrund der Blutspuren, die zur nur wenige Meter entfernten Wohnung von Gargiulo führten, konnten ihn die Ermittler als möglichen Täter identifizieren und verhaften. Der Beginn der Gerichtsverhandlung verzögerte sich, weil Gargiulo immer wieder seine Verteidiger gewechselt und sich drei Jahre lang bei Anhörungen selbst vertreten hatte. Auch das gehört laut Staatsanwaltschaft zur Taktik des mutmasslichen Täters, der Zeugen zufolge immer wieder mit den Morden geprahlt und gesagt habe, dass er bei einer Verhaftung alles abstreiten werde. Das tut er nun, er hat in sämtlichen Anklagepunkten auf nicht schuldig plädiert.

Bei der Verhandlung in Los Angeles muss sich Gargiulo wegen der letzten beiden Morde und des Angriffs auf Murphy verantworten. Bei einer Verurteilung droht ihm die Todesstrafe – worüber gerade heftig debattiert wird, weil Kaliforniens neuer Gouverneur Gavin Newsom angekündigt hat, während seiner Amtszeit keinen der mehr als 700 Todeskandidaten des Golden State hinrichten zu lassen. Die Verhandlung soll sechs Monate dauern, danach soll er nach Illinois überstellt werden: Mittlerweile gibt es dort eine Anklage gegen ihn wegen des Mordes an Pacaccio, mit dem diese Geschichte begonnen hat.

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