Erst angeschossen, dann angeklagt

Nach einem blutigen Streit starb ihr Ungeborenes. Nun wird Marshae Jones für Totschlag zur Verantwortung gezogen.

Stritt sich mit einer anderen Frau um einen Mann: Marshae Jones. (Foto: Reuters)

Stritt sich mit einer anderen Frau um einen Mann: Marshae Jones. (Foto: Reuters)

Hans Brandt@tagesanzeiger

Der Fall aus Birmingham im US-Bundesstaat Alabama hat weltweit Empörung ausgelöst. Dort unten im Süden der USA sind die Abtreibungsgegner besonders fundamentalistisch, im Mai verabschiedete Alabama ein drakonisches Gesetz zum Schutz des ungeborenen Lebens, obwohl es gegen übergeordnetes Recht verstösst. Das ist Teil einer Kampagne der Südstaaten, Befürworter der Abtreibung zu einer Klage vor dem Obersten Gericht der USA zu provozieren. Davon erhoffen sich die Fundamentalisten, dass das inzwischen konservativ besetzte Gericht die geltende grosszügige Regelung zum Schwangerschaftsabbruch zurücknimmt.

Gegen die 23-jährige Jemison, die geschossen hatte, wurde anfangs ebenfalls Anklage erhoben. Doch Jones habe den Streit provoziert, sagte der zuständige Polizist Danny Reid zur Begründung. Jemison habe sich nur verteidigt. «Jones liess den Streit, der zum Tod ihres eigenen ungeborenen Babys führte, eskalieren», sagte Leutnant Reid. «Das einzige Opfer war das ungeborene Kind.»

Jones, Jemison und der Mann, um den sie sich stritten, sind Arbeitskollegen. Ihre konfliktträchtige Dreiecksbeziehung war bekannt. Der Streit habe schon viel früher an dem Tag begonnen, sagte Patrice Jones, die Grossmutter der Angeklagten. «Jemison war im Auto mit drei anderen Leuten», sagte Patrice Jones. «Als Marshae die Pistole sah, hat sie sich umgedreht und sich entfernt. Erst dann wurde auf sie geschossen.»

Kritiker sagen, dass in Alabama das Leben des Ungeborenen höher gewichtet wird als das der Mutter.

Marshae Jones, die schon eine sechsjährige Tochter hat, wurde am Mittwoch vorläufig festgenommen, nachdem eine Grand Jury die Anklage gegen sie bewilligt hatte. Eine Grand Jury, bestehend aus zu diesem Zweck berufenen Bürgern, ersetzt in den USA den Haftrichter. Jones muss eine Kaution von 50'000 Dollar hinterlegen, um wieder auf freien Fuss zu kommen. Der Yellowhammer Fund, der sich für die Finanzierung von Abtreibungen in Alabama einsetzt, ruft zu Spenden für die Zahlung der Kaution auf. Und eine Onlinepetition, die schon gut 1500 Unterschriften erhalten hat, fordert den Rückzug der Anklage gegen Jones. Kritiker sagen, dass in Alabama das Leben des Ungeborenen höher gewichtet wird als das der Mutter. Zudem heisst es, dass Schwarze auch in diesem Bereich des Gesetzes systematisch diskriminiert werden.

Allerdings wurde der Fall unter der Aufsicht der ersten schwarzen Staatsanwältin in Alabama untersucht. «Dieses Verfahren wurde wie jedes andere behandelt», sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. «Die Grand Jury hatte alle relevanten Angaben zur Verfügung.» Wann Jones vor Gericht erscheinen soll, ist noch nicht bekannt.

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