«Knochenbrüche im Halsbereich»

Nach Jeffrey Epsteins Tod gibt es erste Autopsieergebnisse, die neue Fragen aufwerfen. Ein Opfer des Multimillionärs reichte Klage ein. Es könnte eine Klagewelle folgen.

Wegen Missbrauchs minderjähriger Mädchen angeklagt: Jeffrey Epstein bei einer Gerichtsanhörung im Juli.

Wegen Missbrauchs minderjähriger Mädchen angeklagt: Jeffrey Epstein bei einer Gerichtsanhörung im Juli.

(Bild: Keystone)

Die Autopsie des Leichnams von Jeffrey Epstein hat offenbar keine Klarheit über die Todesursache geliefert. Dass der 66-jährige Financier in seiner Gefängniszelle Suizid begangen hatte, konnte nicht definitiv bestätigt werden, wie aus einem Bericht der «Washington Post» hervorgeht.

Gemäss dem «Post»-Artikel stellte die Autopsie «mehrere Knochenbrüche im Halsbereich» von Epstein fest. Gebrochen war unter anderem das Zungenbein in der Nähe des Adamsapfels. Ein gebrochenes Zungenbein kann auf einen Suizid durch Erhängen hinweisen. Aber nicht nur: Häufiger sei es bei Morden durch Erwürgen zu beobachten, wie Jonathan L. Arden, Präsident des US-Verbands der Gerichtsmediziner, der «Washington Post» sagte. Laut Arden sind weitere Untersuchungen nötig.

Bei einem Suizid durch Erhängen müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden, um die Knochenbrüche im Halsbereich zu erklären, so zum Beispiel das Alter und das Gewicht des Toten oder auch die Art des Stricks und die Höhe des Falls. «Ein Suizid kann nicht ausgeschlossen werden», betonte Gerichtsmediziner Arden, um voreiligen Schlüssen und Verschwörungstheorien im Fall Epstein entgegenzutreten. Gerade bei älteren Menschen, die sich durch Erhängen umbringen, können gebrochene Zungenbeine festgestellt werden. Mit dem Altern wird das Zungenbein brüchiger.

Klage gegen Epsteins Erben und Verbündete

Eines der vielen Opfer von Epstein hat inzwischen eine Klage eingereicht. «Ich bin wütend, dass er mir nicht persönlich vor Gericht antworten muss. Aber mein Streben nach Gerechtigkeit fängt erst an», schreibt Jennifer Araoz in einer Kolumne für die «New York Times». Die heute 32 Jahre alte Frau wirft Epstein vor, sie im Jahr 2002 vergewaltigt zu haben. Ihre Klage auf Schadenersatz richtet sich gegen Epsteins Erben, seine Verbündete Ghislaine Maxwell sowie drei weitere Frauen.

Ein am Mittwoch in Kraft getretenes Gesetz im Bundesstaat New York ermöglichte Araoz’ Klage. Es gibt Opfern von länger zurückliegenden Sexualverbrechen ein Jahr Zeit, um rechtliche Schritte einzuleiten. Das neue Gesetz könnte eine regelrechte Klagewelle gegen Epstein und dessen mutmassliche Komplizen zur Folge haben.

Wo ist die Verdächtige Nummer eins?

Araoz zufolge sprach eine von Epsteins Komplizinnen sie im Alter von 15 Jahren vor ihrer New Yorker Schule an und stellte ihr in Aussicht, Epstein könne ihr zu einer Karriere als Schauspielerin verhelfen. Die ersten Treffen im Luxusappartement des Multimillionärs verliefen ohne Zwischenfälle. Dabei soll Epstein ihr auch Geld gegeben haben. Doch nach wenigen Wochen forderte er sie nach ihren Angaben auf, ihn zu massieren und ihr Oberteil auszuziehen. Die Übergriffe seien von Mal zu Mal schlimmer geworden, berichtet Araoz, schliesslich habe er sie vergewaltigt.

Nach Epsteins Tod ist Ghislaine Maxwell, die Tochter des verstorbenen Medienmoguls Robert Maxwell, die Verdächtige Nummer eins. Mehrere Frauen werfen der 57-Jährigen vor, sie habe aktiv junge Mädchen rekrutiert, um Epsteins sexuelles Verlangen zu befriedigen. Maxwell soll untergetaucht sein. Allerdings berichtete «The Daily Mail», Maxwell befinde sich in Manchester-by-the-Sea im US-Bundesstaat Massachusetts.

Epsteins Tod wirft auch andere Fragen auf. So kam es bei der Gefängnisüberwachung des prominenten Insassen zu «ernsthaften Unregelmässigkeiten», wie das US-Justizministerium inzwischen eingeräumt hat. Zwei Wärter, die Epstein in seiner Zelle in seiner Todesnacht beaufsichtigen sollten, schliefen während der Arbeit. Ausserdem sollen sie die Unterlagen über die Kontrollgänge gefälscht haben. Die beiden Wärter wurden beurlaubt. Und der Direktor der New Yorker Haftanstalt wurde versetzt.

vin

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