Meghans Mut im Bauch

Die Herzogin tritt mit sichtbarem Post-Baby-Bauch vor die Kameras und wird dafür gefeiert. Dabei ist etwas anderes viel bemerkenswerter.

Ein Outfit, das den Bauch sogar betont: Herzogin Meghan mit Gatte Prinz Harry und Sohn Archie.

Ein Outfit, das den Bauch sogar betont: Herzogin Meghan mit Gatte Prinz Harry und Sohn Archie.

(Bild: Keystone Dominic Lipinski)

Michèle Binswanger@mbinswanger

Welche Schönheit, welches Strahlen, welches Glück auf diesem Bild. Es ist am Mittwoch entstanden, kaum zwei Tage nachdem Meghan Markle am Montag ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatte. Am Mittwoch präsentierten die Eltern den potenziellen neuen Thronfolger der Weltöffentlichkeit.

Die britischen Medien, denen auch das kleinste Stirnrunzeln ihrer Herzoginnen eine Schlagzeile wert ist, fieberten im Vorfeld atemlos auf diesen Moment hin. Was würde die Herzogin tragen? Etwas Ähnliches wie Lady Diana nach der Geburt ihrer Söhne? Und vor allem, wie würde sie mit ihrem Post-Baby-Bauch umgehen? Ihn zeigen, wie Kate Middleton im Jahr 2013 – oder ihn eben schamvoll verhüllen, als wären die vergangenen Schwangerschaftsmonate ein leiser Irrtum der Natur gewesen?

«Immer noch schwanger»

Letzteres wäre nach der öffentlichen Reaktion auf Kate Middleton verständlich. Als diese nach der Geburt ihres ersten Kindes in einem Kleid vor die Medien trat, unter dem ihr Post-partum-Bauch deutlich zu sehen war, drehten die Leute durch. Warum sie denn «immer noch schwanger» aussehe, wurde gerätselt. Nach der Geburt von Prinzessin Charlotte 2015 griff Kate deshalb auf ein weit fallendes Kleid zurück.

Im Zeitalter von Instagram und Celebritys mit in wenigen Wochen wegtrainierten Schwangerschaftsbäuchen scheint die Medienöffentlichkeit manchmal zu vergessen, dass der menschliche Körper sich nicht mit Photoshop bearbeiten lässt. Und ein Schwangerschaftsbauch sieht nun mal unmittelbar nach der Geburt sehr ähnlich aus wie vor der Geburt. Er braucht mindestens sechs Wochen, sich zurückzuentwickeln. Ganz zu schweigen von der Psyche, die meist noch deutlich länger braucht, sich auf die neue Situation einzustellen.

Herzogin Meghan und Prinz Harry präsentieren ihren Sohn. Video: Reuters

Am Mittwoch also präsentierte sich Meghan Markle mit ihrer Familie im Windsor Castle in einem ärmellosen weissen Kleid und cremefarbenen Pumps, ein Outfit, das ihren Post-partum-Bauch nicht verbarg, sondern betonte. Anders als noch vor fünf Jahren sorgte das jedoch nicht für dumme Fragen, sondern viel Lob für diese Entscheidung Markles, ihrem Körper keine Gewalt anzutun und ihren Bauch einfach Bauch sein zu lassen.

Druck von idiotischen Schönheitsidealen ist das Letzte, was man da braucht.

Und es ist richtig. So verständlich es ist, wenn Frauen sich nach der Geburt ihren alten Körper zurückwünschen, so widerlich ist der mediale Wettlauf, den gewisse Medien inszenieren, welches Model nach der Niederkunft am schnellsten wieder einen Körper herzeigen kann, an dem die Schwangerschaft scheinbar spurlos vorübergegangen sein soll.

Schwangerschaft und Geburt sind ein Wunder, die Transformation von der Frau zur Mutter nicht nur ein körperlicher, sondern auch ein mentaler Vorgang. Es passiert nicht von einem Moment auf den anderen, sondern braucht Zeit. Das allein ist schwierig genug – da braucht es nicht noch Druck von gehässigen Kontroversen.

Mutterschaft ist kein Fitnesswettbewerb

Das Bemerkenswerteste an Meghans Auftritt war ohnehin nicht ihr Bauch – oder ihr Outfit oder die Frage, ob High Heels gleich nach der Geburt zu empfehlen sind oder nicht. Wen interessiert so was, angesichts des geteilten Glücks, das von der Grösse der Stunden berichtet, die sie gerade hinter sich hat. Sie zeigt: Mutterschaft ist kein Fitnesswettbewerb, sondern eine der tiefsten Erfahrungen, die einem Menschen überhaupt möglich sind. Danke dafür, Meghan.

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