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Der Feigling und der Held

Italien schämt sich für das Verhalten des Kapitäns der havarierten Costa Concordia. Zum Glück gibt es aber Gregorio De Falco, Kommandant des Hafenamts von Livorno. Er ist der neue Nationalheld Italiens.

«Gehen Sie an Bord, das ist ein Befehl»: Francesco Schettino und Gregorio De Falco.
«Gehen Sie an Bord, das ist ein Befehl»: Francesco Schettino und Gregorio De Falco.

Nach der Havarie der Costa Concordia führte der Kapitän des Kreuzfahrtschiffs, Francesco Schettino, ein erregtes Telefonat mit Gregorio De Falco, Kommandant der Hafenkommandantur in Livorno. Dabei versuchte Schettino, sich vor einer Rückkehr auf das Schiff zu drücken – obwohl die Evakuierung noch nicht abgeschlossen war. Während der 52-jährige Kapitän ins Telefon winselte, sprach De Falco, der den Ernst der Lage realisiert hatte, Klartext. «Kommandant, jetzt habe ich das Kommando.» Und weiter sagte er in erbostem Ton: «Sie gehen an Bord, das ist ein Befehl.»

Inzwischen ist De Falco ein landesweit bekannter Mann. Die Italiener zollen ihm grossen Respekt, wie die Zeitung «Repubblica» und andere italienische Medien berichten. Auch ausländische Medien sind auf De Falco aufmerksam geworden. «Vergesst mich», sagt er ganz bescheiden. Und er möchte jetzt in Ruhe gelassen werden. Schlaflose Nächte verbrachte der Hafenkommandant von Livorno, um die Rettungsaktion zu koordinieren. Die vielen Todesopfer lasten ihm schwer auf der Seele. «Er ist erschöpft, doch er meint, er wird keine Ruhe haben, bis nicht klar sein wird, wie sich die Dinge abgespielt haben», sagte ein Mitarbeiter des Kommandanten.

«Wir hätten alle retten können»

Der 46-jährige Hafenkommandant von Livorno ist sozusagen der gute Kapitän, der seine Verantwortung wahrnahm und klare Entscheidungen fällte – ganz im Gegensatz zu Schettino, der feige die Flucht ergriff und seither mit teils abstrusen Ausreden für Aufsehen sorgt (siehe Infobox). «Wir hätten alle retten können», sagt De Falco, der auf eine zwanzigjährige Berufserfahrung zurückblicken kann. Er habe in der Unglücksnacht nichts Aussergewöhnliches, sondern nur seine Pflicht getan – so wie es auch Schettino hätte tun müssen.

Der Vater von zwei Töchtern, der aus Neapel stammt, wird in der italienischen Öffentlichkeit als Held gefeiert. Auf Facebook gibt es Fanseiten zu Ehren von De Falco, und auf Twitter häufen sich die Lobesmitteilungen. «De Falco: ein Mann mit Pflichtgefühl», ist etwa zu lesen. Oder: «De Falco for President». Oder auch: «Er ist das wahre Italien.» T-Shirts wurden mit De Falcos Aussage «Gehen sie an Bord, verflucht noch mal!» gedruckt und bereits tausendfach verkauft.

Die Italiener sind offensichtlich erleichtert, dass es neben dem Versager Schettino den Helden De Falco gibt. Schliesslich tangiert die Havarie der Costa Concordia vor der toskanischen Küste auch das Ansehen Italiens in der Welt. «Danke Kommandant!», schrieb die Mailänder Tageszeitung «Corriere della Sera». «Das dramatische Telefongespräch zwischen Schettino und De Falco könnte nicht besser die beiden Seelen Italiens darstellen.» Auf einer Seite stehe der hoffnungslos verlorene Mann, der «feige Kapitän», der vor seiner Verantwortung als Mensch und Offizier flieht. Und auf der anderen Seite sei eine energische Persönlichkeit, die sofort das Ausmass der Tragödie begreife und mit Autorität den Kapitän zu seinen Pflichten aufrufe.

Das aufgezeichnete Telefongespräch

Das in der Nacht auf den Samstag geführte Telefongespräch mit der italienischen Küstenwache in Livorno belastet den Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia schwer. Das aufgezeichnete Telefonat zwischen De Falco und Schettino, das in deutscher Übersetzung auch auf Youtube verfolgt werden kann, begann um 1.46 Uhr und verlief wie folgt:

De Falco: «Ich bin De Falco aus Livorno, spreche ich mit dem Kommandanten?» Schettino: «Ja, guten Abend, Kommandant De Falco.» De Falco: «Sagen Sie mir bitte Ihren Namen.» Schettino: «Ich bin der Kommandant Schettino, Kommandant.» De Falco: «Schettino? Hören Sie, Schettino. Es stecken Menschen an Bord fest. Jetzt begeben Sie sich mit Ihrem Rettungsboot auf die rechte Unterseite des Schiffsbugs. Da ist eine Leiter. Besteigen Sie das Schiff. Gehen Sie an Bord, und sagen Sie uns, wie viele Leute da sind. Ist das klar? Ich zeichne dieses Gespräch auf, Kommandant Schettino.» Schettino: «Kommandant, ich möchte Ihnen etwas sagen ...» De Falco: «Sprechen Sie laut. Halten Sie die Hand vor das Mikro und sprechen Sie lauter, alles klar?» Schettino: «Das Schiff hat sich gerade zur Seite gesenkt ...» De Falco: «Verstanden. Hören Sie: Leute sind dabei, die Leiter am Bug hinabzusteigen. Sie müssen diese Leiter in die umgekehrte Richtung hoch, das Schiff besteigen und mir sagen, wie viele Menschen da sind und was an Bord los ist. Ist das klar? Sie müssen mir sagen, wie viele Kinder, Frauen und hilfsbedürftige Menschen da sind. Und Sie sagen mir, wie viele Menschen aus diesen Kategorien da sind. Ist das klar? Hören Sie, Schettino, Sie haben vielleicht geschafft, sich aus dem Meer zu retten, aber das da, das wird wirklich schlecht ausgehen ... Ich werde Ihnen verdammt viele Scherereien machen. Gehen Sie an Bord, verflucht noch mal!» Schettino: «Kommandant, ich bitte Sie.» De Falco: «Nein, ich bitte Sie. Gehen Sie jetzt dorthin, gehen Sie an Bord. Sagen Sie mir zu, dass Sie dabei sind, an Bord zu gehen.» Schettino: «Ich bin bereits dabei, dorthin zu gehen, ich bin da, ich gehe nirgendwo hin, ich bin da ...» De Falco: «Was machen Sie gerade, Kommandant?» Schettino: «Ich bin da, um die Hilfe zu koordinieren.» De Falco: «Wer koordiniert dort? Jetzt gehen Sie wieder an Bord, um die Hilfe an Bord zu koordinieren. Weigern Sie sich?» Schettino: «Nein, nein, ich weigere mich nicht.» De Falco: «Sie weigern sich, wieder an Bord zu gehen? Sagen Sie mir, aus welchem Grund Sie nicht dorthin gehen?» Schettino: «Ich bin nicht dabei, dorthin zu gehen, weil das andere Boot (Rettungsboot, Anm. d. Red.) dort festgemacht hat.» De Falco: «Sie gehen an Bord, das ist ein Befehl. Sie dürfen an nichts anderes mehr denken. Sie haben die Evakuierung des Schiffs angeordnet. Jetzt habe ich hier das Kommando. Sie gehen zurück an Bord! Ist das klar? Haben Sie mich verstanden? Gehen Sie dorthin und rufen Sie mich sofort vom Schiff aus an. Meine Hilfe aus der Luft ist bereits da.» Schettino: «Wo ist Ihre Hilfe?» De Falco: «Sie ist am Bug. Gehen Sie. Es gibt schon Leichen, Schettino.» Schettino: «Wie viele?» De Falco: «Ich weiss nicht. Aber das ist sicher, ich habs gehört. Es ist Ihr Job, mir zu sagen, wie viele es sind, in Gottes Namen!» Schettino: «Aber Sie wissen, dass es Nacht ist und man hier nichts sieht?» De Falco: «Was wollen Sie machen, Schettino, nach Hause gehen? Es ist Nacht, also wollen Sie nach Hause gehen? Gehen Sie die Leiter am Bug hoch und sagen Sie mir, was man tun kann, wie viele Leute da sind, was Sie brauchen. Sofort!» Schettino:«Ich bin mit dem stellvertretenden Kommandanten (im Rettungsboot, Anm. d. Red.).» De Falco: «Gehen Sie beide an Bord. Sie und Ihr Adjutant gehen jetzt an Bord, ist das klar?» Schettino: «Und, Kommandant, ich würde gerne an Bord, aber das andere Rettungsboot hier ... Andere Rettungskräfte sind hier. Es hat angehalten und ist blockiert, ich habe andere Rettungskräfte gerufen.» De Falco: «Das sagen Sie mir schon seit einer Stunde. Jetzt gehen Sie an Bord, gehen Sie an Bord! Und sagen Sie mir jetzt gleich, wie viele Menschen da sind.» Schettino: «Jawohl, Kommandant.» De Falco: «Gehen Sie jetzt endlich!» Nach Angaben der Hafenkommandantur hat der um kurz nach Mitternacht auf einen Felsen geflüchtete Kapitän sein Schiff auch nach diesem Telefonat nicht wieder betreten.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen AFP, SDA und DAPD.

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