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Retter sprengen vier Löcher ins Wrack

Die Einwohner der Insel Giglio wurden heute von Explosionen geweckt. Auf der Suche nach Überlebenden haben Retter begonnen, Trümmer wegzusprengen. Zudem wurde ein brisantes Telefongespräch veröffentlicht.

Laute Knallgeräusche schreckten am Dienstagmorgen die Menschen auf Giglio auf. Taucher der italienischen Marine haben vier Löcher in die Aussenwand des havarierten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia gesprengt. Marinesprecher Alessandro Busonero sagte dem Fernsehsender Sky TV 24, die Öffnungen ermöglichten es den Tauchern, für die Suche nach den 29 Vermissten leichter ins Innere des Wracks zu gelangen. Die Löcher wurden sowohl über als auch unter Wasser gesprengt. Fernsehbilder zeigen, dass sie einen Durchmesser von weniger als zwei Metern hatten. Busonero sprach von einem Rennen gegen die Zeit.

Im Zusammenhang mit der Havarie der Costa Concordia sind Mitschnitte von Telefonaten öffentlich geworden, die den Kapitän belasten. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa veröffentlichte Zitate aus einem von den Blackboxen aufgezeichneten Telefonat zwischen Francesco Schettino und einem Offizier, der im Hafen der Insel Giglio Dienst hatte. Darin wird der schon kurz nach dem Unglück von Zeugen geäusserte Verdacht erhärtet, wonach der Kapitän früh von Bord gegangen war. Der Hafenmitarbeiter wies Schettino darin an, sich zurück auf das Schiff zu begeben.

Demnach erreichte der Offizier Schettino um 01.46 Uhr auf dem Handy, als noch hunderte Menschen an Bord des sich langsam zur Seite neigenden Schiffes waren. Darin forderte der Mitarbeiter des Hafens: «Jetzt begeben Sie sich zum Bug, Sie klettern die Rettungsleiter hoch und leiten die Evakuierung!» Der Offizier wurde im Verlauf des Telefonats immer ungehaltener. «Sie müssen uns sagen, wie viele Leute da noch sind, Kinder, Frauen, Passagiere, die genauen Zahlen in jeder Kategorie!», forderte er Schettino auf.

Was machen Sie? Jetzt kehren Sie zurück

«Was machen Sie? Geben Sie die Rettung auf?», fragte der Offizier. «Nein, nein, ich bin da, ich koordiniere die Rettung», antwortete Schettino, der von den Zeugen allerdings schon vor Mitternacht am Ufer gesehen wurde. Der Offizier sagte, es gebe «bereits Leichen». «Wie viele?», fragte Schettino zurück. Der Offizier darauf: «Das müssen doch Sie mir sagen! Was machen Sie? – Jetzt kehren Sie nach da oben zurück und sagen Sie uns, was wir machen können!»

Schon 01.42 Uhr sagte der Kapitän in einem anderen Telefonat mit der Hafenmeisterei: «Wir können nicht mehr an Bord des Schiffes gehen, weil es zur Heckseite kippt.» Der Offizier fragte völlig überrascht: «Kommandant, haben Sie das Schiff verlassen?» Der Kapitän darauf: «Nein, nein, natürlich nicht!»

Zahl der Vermissten erhöht sich auf 29

Vier Tage nach der Havarie eines Kreuzfahrtschiffes vor der toskanischen Küste gibt es von 29 Passagieren weiterhin kein Lebenszeichen. Nach Angaben der italienischen Küstenwache haben sich 25 Passagiere sowie vier Besatzungsmitglieder nach dem Unglück nicht gemeldet. Gestern musste die Zahl der Vermissten von 16 auf 29 korrigiert werden.

Medienberichten zufolge ist das erste deutsche Todesopfer identifiziert worden. Bei dem Toten handele es sich um einen Mann, der am Montag als sechstes Opfer geborgen worden sei, berichtete tagesschau.de unter Berufung auf den italienischen Staatsrundfunk RAI. Insgesamt zwölf Deutsche gelten als vermisst.

Notstand erklärt

Italiens Umweltminister Corrado Clini sagte, zur raschen Bewältigung des Unfalls und seiner Folgen werde offiziell der Notstand erklärt. Es gehe darum, die etwa 2400 Tonnen Treibstoff so schnell wie möglich aus den Tanks des Schiffes zu holen.

Die Reederei Costa Crociere sei aufgefordert, bis morgen einen Plan für das Abpumpen vorzulegen und innerhalb von zehn Tagen dann anzugeben, wie sie das gekenterte Schiff abtransportieren wolle. Clini befürchtet erhebliche Umweltschäden, sollte der Treibstoff auslaufen, zumal das Wrack weiter in die Tiefe abrutschen könnte.

Es werde mindestens drei Wochen dauern, den Treibstoff abzupumpen, erklärte die Firma Royal Boskalis, deren niederländische Tochtergesellschaft Smit Salvage mit dem Abpumpen beauftragt wurde.

Möglicherweise müssen die Versicherer einen Schaden von mehr als einer halben Milliarde Euro einkalkulieren. Die Summe von 500 Millionen Euro könne leicht überschritten werden, berichtet die «Financial Times Deutschland» unter Berufung auf Versicherungskreise.

Auf Seekarte eingezeichnet

Am Montag war der Kapitän der Costa Concordia immer mehr unter Druck geraten. Kommandant Francesco Schettino habe die Route eigenmächtig geändert, erklärte die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere. Falsche Seekarten seien nicht Schuld an dem Unglück gewesen. Schettino hatte behauptet, die Felsen seien nicht eingezeichnet.

Er war festgenommen worden und sollte heute vernommen werden. Der Kapitän soll eigenmächtig die gefährlich nahe Route gewählt haben, um seinem von der Insel stammenden Oberkellner die Möglichkeit zu geben, Giglio zu grüssen.

Medienberichten zufolge hatte dessen Schwester auf Facebook angekündigt, dass die Costa Concordia in Kürze ganz nah vorbeifahren werde. Es war nicht das erste Mal, dass ein Kreuzfahrtschiff zu nahe an der Insel vorbeifuhr.

Ohne Befehl evakuiert

Schettino soll das Schiff mit mehr als 4200 Menschen an Bord zu dicht an die Insel gelenkt und schon während der Evakuierung verlassen haben. Das 290 Meter lange Schiff war gegen einen Felsen gelaufen, leckgeschlagen und später dann auf die Seite gekippt.

Weil der Kapitän keine Order gegeben und telefoniert habe, hätten Teile der Besatzung praktisch «gemeutert» und allein Rettungsboote für die Evakuierung fertiggemacht, berichtete der «Corriere della Sera». «Es reicht, evakuieren wir das Schiff», zitiert die römische «La Repubblica» Besatzungsmitglieder des Schiffes.

AFP/sda/dapd/jak/bru

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