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140 Liter Wasser, um eine Tasse Kaffee zu geniessen

Rechnet man den Wasserverbrauch bei der Produktion von Gütern hinzu, importieren wir 80 Prozent des kostbaren Guts.

Der Schweizer ist verwöhnt. Er dreht den Wasserhahn auf und es fliesst sauberes Wasser - rund um die Uhr. Doch bei so viel natürlichem Luxus geht oft vergessen, dass der Mensch nicht nur Wasser konsumiert, wenn er duscht oder trinkt. Am meisten verbraucht er, wenn er isst und produziert.

Die Schweiz wendet durchschnittlich 1682 Kubikmeter Wasser pro Kopf und Jahr auf für Lebensmittel, Konsumgüter und Dienstleistungen; der globale Durchschnitt beträgt 1242 Kubikmeter. Das zeigt der digitale «Wasser-Fussabruck»-Kalkulator der niederländischen Universität Twente und der Unesco. Das Überraschende ist dabei die Schweizer Wasserbilanz für Konsum- und Dienstleistungsgüter: Knapp 80 Prozent unseres Verbrauchs hier zu Lande werden im Ausland abgebucht.

So erstaunlich die Rechnung ist, sie ist erklärbar. Ein Blick auf die Wasserverbrauchsliste der Universität Twente («Water Resour Manage», Bd. 21, S. 35) gibt Anhaltspunkte: Die Reisproduktion verlangt den grössten Wassereinsatz, gut ein Fünftel des weltweiten Aufwandes für den Getreideanbau. Dann folgt der Weizen mit 12 Prozent. Geniessen wir eine Tasse Kaffee, etwas mehr als einen Deziliter, haben wir tatsächlich 140 Liter Wasser konsumiert - für den Anbau, die Produktion, die Verpackung und den Vertrieb der Bohnen.

Milliarden von Litern exportiert

So ist der Handel mit Konsumgütern indirekt auch ein Geschäft mit Wasser: Die USA, Argentinien und Brasilien beispielsweise exportieren gleichzeitig mit dem Fleisch und Getreide jedes Jahr Milliarden Liter Wasser, während Staaten wie Japan, Ägypten oder Italien Wasser importieren.

John Allan vom King's College in London spricht in diesem Zusammenhang von «virtuellem Wasser». Er hat vor 15 Jahren diesen Begriff eingeführt, als er sich mit der Wasserknappheit im Mittleren Osten befasste. Im Rahmen der Weltwasserwoche wird John Allan am Donnerstag aus der Hand des schwedischen Königs Carl Gustav in Stockholm den renommierten Water Prize erhalten, der mit 150'000 Dollar dotiert ist.

Für Allan ist das virtuelle Wasser eine neue «Ressource» für Staaten, die an Wassermangel leiden. Dazu müssten die Regierungen allerdings das Wassermanagement in der Landwirtschaft anpassen. Das heisst zum Beispiel, dass sich diese Länder auf Getreidsorten konzentrieren, die wenig Wasser benötigen. Getreide, das eine starke Bewässerung erfordert, wird dagegen importiert. Damit senken diese Staaten ihren Wasserverbrauch effektiv. Als Allan sein Konzept entwickelte, sah er auch einen marktwirtschaftlichen Vorteil des virtuellen Wassers: Die Preise für Getreide seien gefallen, schrieb er 1998, die Produktionskosten seien höher als der Marktpreis.

In den letzten 15 Jahren hat sein Konzept die Wasserforscher herausgefordert. Zahlreiche Studien sind gemacht worden, um die Vorteile seiner Strategie für einzelne Länder abzuschätzen. In deren Zentrum standen unter anderem Grossstaaten wie China.

Denn immer mehr Menschen auf der riesigen Lössebene Nordchinas leiden unter Wassermangel. Dort könnte die Strategie des virtuellen Wassers aus der Sicht des Wassermanagements effektiver sein als der Bau eines Kanalsystems, der Wasser vom Yangtze in den Norden Chinas führt. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine Studie des Eidgenössischen Wasserforschungsinstituts in Dübendorf.

Es fehlen zuverlässige Daten

Allerdings mangelt es bei fast allen Untersuchungen an detaillierten sozioökonomischen und umweltpolitischen Analysen. Es fehle weltweit an zuverlässigen Daten, zum Beispiel, wie viel Wasser einzelne Getreidesorten brauchen, schreibt die Eawag-Forscherin Hong Yang in der Zeitschrift «Water Resources Research». Zudem seien die Informationen zur Landnutzung und zur Bodenstruktur zu grob für detaillierte Untersuchungen.

Ironie sei, so die Wasserwissenschaftlerin Yang, dass sich vor allem Länder ohne Wasserprobleme mit dem Konzept des virtuellen Wassers beschäftigen. Staaten, die unter Trockenheit leiden, seien noch kaum daran interessiert. Einer der Gründe: Die meisten Studien konzentrieren sich auf den internationalen Handel. Dabei könnte die Strategie in grossen Staaten auch national spielen. Denn die Wasserressourcen können schon zwischen Landesregionen deutlich variieren.

Für den britischen Forscher John Allan ist das virtuelle Wasser einer von vielen Wegen, um die weltweite Wasserkrise zu verhindern. «Wir müssen heute die Art und Weise ändern, wie wir konsumieren und essen», sagte er gestern zum Auftakt der Weltwasserwoche in Stockholm.

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