Warum löschen aus der Luft keine Option war

In der Notre-Dame herrschte tödliche Hitze, Helikopter konnten nicht fliegen. Experten erklären die Herausforderung für die Feuerwehr.

Standen vor einer Menge von Problemen: Feuerwehrleute kämpfen gegen das Feuer in der Notre-Dame. (15. April 2019) Bild: Benoit Moser/BSPP/AP/Keystone

Standen vor einer Menge von Problemen: Feuerwehrleute kämpfen gegen das Feuer in der Notre-Dame. (15. April 2019) Bild: Benoit Moser/BSPP/AP/Keystone

«Wieso sehen wir keine Helikopter», fragten Journalisten, als die Menschen weltweit den Grossbrand der Pariser Notre-Dame am Fernseher mitverfolgten. Möglicherweise seien keine Helikopter in der Nähe stationiert, oder über der Innenstadt herrsche Flugverbot, lauteten Antworten der Reporter. Viele wunderten sich, weshalb die Pariser Feuerwehr so machtlos schien. Mehr als neun Stunden kämpfte sie nach eigenen Angaben gegen die Flammen, bis sie den Brand unter Kontrolle bringen konnte. Jetzt sagen Experten, die Feuerwehr verdiene Lob für ihre Bemühungen.

Die Herausforderungen für die Einsatzkräfte waren immens. Das grösste Problem sei gewesen, zu den hölzernen Balken zu gelangen, die den Rahmen für das aufragende Dach bildeten, zitieren Medien Experten. Schon 20 Minuten nach Brandausbruch sei es «ziemlich offensichtlich» gewesen, dass es zu einem schlimmen Feuer werden würde, sagt Gregg Favre, ein ehemaliger Feuerwehrmann dem Sender CNN.

Sobald die Balken anfangen zu brennen, werde es sehr schwierig, zum Brandherd zu gelangen. Die Steinfassade hält Hitze und Rauch zurück. Dadurch können die Löschkräfte nicht mehr im Inneren arbeiten.

Löschen aus der Luft war keine Option

Auch die Höhe der Notre-Dame stellte die Feuerwehr vor grosse Probleme. Die Türme wirkten wie eine Art Hochofen, indem sie dem Feuer zusätzlichen Sauerstoff zuführten. «Der Treibstoff für das Feuer liegt in der Luft», sagt ein anderer Experte zu CNN. Die Feuerwehrleute hätten nicht schnell genug zur Quelle der Flammen gelangen können.

Zum Vorschlag mit den Helikoptern sagt der Experte: «Eines der Probleme ist der thermische Aufwind. Das ist ein Schornstein – Sie können keinen Helikopter in heisser Luft fliegen.» Die Luft sei schlicht zu dünn.

Auch Löschflugzeuge seien keine Option. Denn kein Flugzeugpilot könne Wasser genau an einem Punkt fallen lassen. Zudem würde das Gewicht des Wassers die Struktur des Gebäudes gefährden.

Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte dieselbe Idee: «Schnell handeln, Löschflugzeuge einsetzen», riet er der Pariser Feuerwehr über Twitter. Der französische Zivilschutz reagierte: «Wasser aus einem Flugzeug zu werfen, könnte bei dieser Art von Gebäude zum Kollaps der gesamten Struktur führen. Unsere Leute geben ihr Maximum.»

Thomas von Essen, der während der Anschläge vom 11. September der New Yorker Feuerwehr diente, sagt zu CNN, die Fotos aus dem Inneren seien ermutigend. Material, das während Tagen schwelen könnte, sei offenbar rausgeholt worden. Grosse Teile des Gebäudes hätten dank dem Einsatz gerettet werden können. «Diese Feuerwehrleute sollten gelobt werden.»

400 Feuerwehrleute kämpften gegen den Grossbrand. Sie pumpten Wasser aus der Seine und versuchten, sich mit Drohnen einen Überblick zu verschaffen.

Erst kurz vor 10 Uhr am Dienstagmorgen gab die Feuerwehr bekannt, das Feuer sei gelöscht. Der Turm in der Mitte und der grösste Teil des Daches der jahrhundertealten Kathedrale sind zerstört. Die beiden Glockentürme und das Hauptgebäude konnten gerettet werden.


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Zu Beginn der Löscharbeiten hatte die Feuerwehr mit dem Schlimmsten gerechnet: Mit einem Zusammenbruch der Strukturen. Eine Befürchtung war auch, dass die Konstruktion der Türme geschwächt würde und die tonnenschweren Glocken herunterfallen könnten.

Zum Einsatz gehörte auch, Artefakte davor zu bewahren, ein Raub der Flammen zu werden. Die Einsatzkräfte versuchten, Jahrhunderte alte Kunstschätze zu sichern. Als der Spitzturm im Zentrum des Mittelschiffs zusammenbrach, mussten sie aus dem Inneren der Kirche zurückgezogen worden. Ein Roboter setzte dann die Arbeit fort – und den Kampf gegen die weitere Zerstörung von unersetzbaren Zeugen der Geschichte.

oli

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