Als Jaber A. Heisskleber kauft, schlägt die Polizei zu

Der 22-jährige Syrer stand offenbar kurz davor, einen Anschlag zu verüben. Die Polizei gibt nun Details ihrer «Detektivarbeit» preis.

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Die Verbindungen des in Leipzig festgenommenen Syrers zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bleiben unklar. Aus Sicht der Nachrichtendienste habe der Verdächtige Jaber A. Beziehungen zum IS unterhalten, sagte Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maassen im Sender ZDF, ohne Details zu nennen. Ob der 22-jährige Syrer sich bereits in Syrien radikalisierte oder erst in Deutschland, ist ungeklärt.

Maassen nannte das Aufspüren und Ergreifen des Verdächtigen einen grossartigen Erfolg. «Uns ist es gelungen, kurz vor zwölf Uhr einen Terroranschlag zu verhindern.» Die Gefahr eines Anschlags auf einen Berliner Flughafen sei «sehr konkret» gewesen. Seit Anfang September habe es Hinweise gegeben, dass der IS in Westeuropa und auch in Deutschland Anschläge etwa gegen Bahnhöfe und Flughäfen plane.

Rund um die Uhr überwacht

Innerhalb eines Monats sei es gelungen, mit A. die Person zu identifizieren, die den Anschlag ausführen sollte. «Es war wirkliche Detektivarbeit, um auf diese Person zu kommen», sagte Maassen. Seit Freitag sei A. rund um die Uhr überwacht worden. Der Zugriff sei vorbereitet worden, nachdem er Heisskleber gekauft habe – die möglicherweise letzte noch fehlende Chemikalie zum Bau einer Bombe.

Maassen – als Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Chef des deutschen Inlandsgeheimdienstes – wies Kritik an der Polizei zurück, weil der Verdächtige ihr bei der Erstürmung seiner Wohnung am Samstag entkommen konnte. Es könnten immer Fehler passieren oder die Umstände liessen keinen Zugriff zu, sagte Maassen.

Laut Bundesanwaltschaft wurden in der Wohnung rund 1,5 Kilogramm «extrem gefährlichen Sprengstoffs» und Materialien zur Herstellung einer Sprengstoffweste gefunden.

Von syrischen Landsleuten dingfest gemacht

Die Polizei hatte den Syrer am Montag in Leipzig festgenommen, nachdem er von zwei syrischen Landsleuten in einer Wohnung überwältigt und gefesselt worden war.

Der «Bild«-Zeitung zufolge hatte A. den Unterschlupf über ein Online-Netzwerk syrischer Flüchtlinge gefunden. Seine Gastgeber hätten ihn überwältigt, nachdem sie über soziale Netzwerke auf die Fahndungsaufrufe aufmerksam geworden seien.

«Er bot uns 1000 Euro und 200 Dollar an, wenn wir ihn freilassen», sagte einer der Wohnungsinhaber der «Bild«-Zeitung. «Ich bin Deutschland so dankbar, dass es uns aufgenommen hat. Wir konnten nicht zulassen, dass er Deutschen etwas antut», wird Mohamed A. zitiert.

Der Linken-Politiker André Hahn forderte für die Syrer Asyl. «Das wäre ein ganz wichtiges Signal an alle hilfebedürftigen und ehrlichen Flüchtlinge», sagte er im Bayerischen Rundfunk.

Offenbar mehrere Monate in der Türkei

Wie die Zeitung «Die Welt» unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtete, hielt sich Jaber A. im Sommer mehrere Monate lang in der Türkei auf. Der anerkannte Asylbewerber sei erst Ende August wieder nach Deutschland zurückgereist.

Geprüft wird demnach auch, ob er von der Türkei aus nach Syrien reiste und sich dort in einem Ausbildungslager islamistischer Terroristen schulen liess.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland hat der Syrer dem «Welt»-Bericht zufolge nach einer neuen Wohnung in Sachsen gesucht. Dabei soll er andere Asylbewerber um Hilfe gebeten haben, die allerdings misstrauisch geworden seien. Auch habe er über auffällig viel Bargeld in US-Dollar verfügt, hiess es.

Forderung nach Vorbeuge-Haft

Vor dem Hintergrund des Falles ist in Deutschland eine Diskussion über mehr Kompetenzen für die Geheimdienste bei der Überprüfung von Flüchtlingen entbrannt.

Der innenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion (CDU/CSU), Stephan Mayer, sprach sich dafür aus, im Aufenthaltsrecht einen eigenen Haftgrund bei Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu schaffen. Damit sollten so genannte Gefährder vorbeugend inhaftiert werden können, wenn von ihnen eine unmittelbare Bedrohung ausgehe, sagte der CSU-Politiker der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Linken-Innenpolitikerin Ulla Jelpke wiederum warnte, eine Schutzhaft sei verfassungswidrig. Laut Maassen liegen dem deutschen Inlandsgeheimdienst keine Hinweise auf weitere Anschlagspläne ähnlicher Art vor.

woz/sda

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