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Schlimmer Verdacht zum Brückeneinsturz von Genua

Ein neuer Bericht stellt das Alibi der Betreiber der Ponte Morandi infrage.

Oliver Meiler, Rom
Der Tag nach der Tragödie: 43 Menschen sind ums Leben gekommen. (Keystone/Alessandro Di Marco/15. August 2018)
Der Tag nach der Tragödie: 43 Menschen sind ums Leben gekommen. (Keystone/Alessandro Di Marco/15. August 2018)

An der Stabilität des Ponte Morandi in Genua hatten selbst Laien immer gezweifelt. Lange vor dem Einsturz, intuitiv. Beim Überqueren der imposanten Brücke über dem Val Polcevera befiel einen stets ein mulmiges Gefühl, zuweilen zitterte sie. Doch was war mit den inkriminierten Managern der Betreibergesellschaft – wussten die tatsächlich nichts von den Gefahren, wie sie behaupten?

Die Zeitung «La Repubblica» berichtet jetzt exklusiv, dass die Ermittler in den Computern am römischen Hauptsitz von Atlantia schon vor etlichen Monaten eine «Bescheinigung» von Experten gefunden hätten, die das Alibi entkräften könnte. Atlantia ist die Holding der Familie Benetton, zu der unter anderem das Unternehmen Autostrade gehört, das weltweit 14'000 Kilometer Autobahnen betreibt, sowie Spea, die das italienische Netz nach Sicherheitsproblemen überwachen soll.

Von 2014 bis 2016 hiess es in den Rapporten von Spea jeweils, beim Ponte Morandi gebe es ein «Einsturzrisiko». Ab 2017 dann, ohne leicht ersichtlichen Grund, wurde die Gefahr herabgestuft auf «Risiko eines Stabilitätsverlusts». Bei Einsturzrisiko hätte die Brücke natürlich sofort und ganz gesperrt werden müssen, was nie passierte.

Erst für Herbst 2018 war ein sogenanntes «Retrofitting» der Konstruktion geplant gewesen, das heisst: eine Gesamtkonsolidierung des Baus, der 1967 eingeweiht worden war. Die Brücke kollabierte am 14. August, einem regnerischen Sommertag mit viel Ferienverkehr. Um 11.36 Uhr. 43 Menschen stürzten in den Tod.

Fahrlässige Tötung in 43 Fällen

Seitdem laufen zwei Untersuchungen der Justiz, mit insgesamt 73 Angeklagten. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung in 43 Fällen und fahrlässige Verursachung einer Katastrophe. Zu den Verdächtigen gehören unter anderem die Führungsspitzen der involvierten Firmen.

Video: Letzte Pfeiler werden gesprengt

Fast ein Jahr nach dem Unglück werden die restlichen Brückenteile beseitigt. (Video: Local Team via Youtube)

«Repubblica» berichtet, die aufgetauchten Dokumente von Spea seien auch bei Aufsichtsratssitzungen verhandelt worden, die Manager seien also bereits vier Jahre vor dem Einsturz gewarnt gewesen. Offenbar war es aber so, dass die internen Überwacher den Zustand von Strassen, Brücken und Tunneln in ihren Berichten oftmals schönfärbten – angeblich auch unter Druck von oben.

«Die Kosten müssen maximal reduziert werden»

Die Fahnder haben Telefongespräche ausgewertet; in einem davon hört man einen Manager der Wartungsgesellschaft mit einem Untergebenen reden, der einen Reparaturenkatalog für eine Brücke in Pescara erstellt hatte. «Was ist mit allen diesen 50?», fragt er; 50 ist ein Code für unbedingt notwendige Baumassnahmen. «Die musst du alle rausnehmen, jetzt schreibt ihr alles neu und macht aus Pescara 40.» Dann fügt er an: «Ich soll so wenig wie möglich ausgeben, die Kosten müssen maximal reduziert werden – verstehst du das, oder verstehst du das nicht?» Der Manager deutet in dem Gespräch auch noch an, dass die Aktionäre es so wollten.

Warum die Ermittler ihren Fund bislang nicht publik gemacht hatten, ist nicht so klar. «Repubblica» vermutet, die Staatsanwaltschaft habe ihn sich als «Trumpf im Ärmel» aufgehoben – für das Verfahren. Dann soll den Managern ja nachgewiesen werden, dass sie von den Gefahren gewusst hätten, schon lange, und dass sie die Brücke dennoch nicht gesperrt haben.

Der Wiederaufbau in Genua läuft auf Hochtouren. (Keystone/Antonio Calanni/9. Februar 2019)
Der Wiederaufbau in Genua läuft auf Hochtouren. (Keystone/Antonio Calanni/9. Februar 2019)

Unterdessen laufen die Arbeiten für die neue Brücke, sie soll im kommenden Frühjahr fertig werden. Gezeichnet hat sie Renzo Piano, der Stararchitekt aus Genua und Senator auf Lebenszeit. 43 grosse Kandelaber sollen sie dann einmal beleuchten, sichtbar von weither, einer für jedes Opfer.

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