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Das Monster im Mädchen

Zu Beginn des Florapark-Prozesses schildert die junge Angeklagte ihre seelische Not.

Im November 2008 hatten Passanten einen  toten Mann im Florapark gefunden.
Im November 2008 hatten Passanten einen toten Mann im Florapark gefunden.
Jürg Spori
Die Polizei suchte daraufhin das Gelände ab.
Die Polizei suchte daraufhin das Gelände ab.
Jürg Spori
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Jürg Spori
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Es ist, als spräche sie über jemand anders. Im Gerichtssaal des Kreisgerichts Bern-Laupen sitzt eine 24-jährige Frau, ein liebliches Wesen. Die Angeklagte leide unter einer schweren Persönlichkeitsstörung, hat die Forensikerin Karen Fürstenau festgestellt. Quälende Selbstzweifel wechselten mit Gewalt- und Allmachtsfantasien ab. Einem solchen Fall sei er als 30 Jahre intensiv tätiger Rechtsmediziner und forensischer Psychiater nur wenige Male begegnet, schreibt der Gutachter Volker Dittmann.

Ein Gefühl von Macht

Geschehen war es am 18. November 2008. Die Angeklagte, die sich gelegentlich prostituierte, ging im Berner Florapark mit einem Messer auf einen 52-jährigen Freier los. Die Aufnahmen aus dem Computertomografen zeigen: Rund 100 Schnitt- und Stichwunden wies das Opfer auf, die Grosszahl im Brustbereich. Zunächst konnte der alkoholisierte Mann flüchten, doch die Täterin verfolgte ihn. Als die Polizei eintraf, sass sie noch immer auf dem Opfer.

Sie bereue die Tat, sagt die junge Frau. Wenn eine Fee käme und sie einen Wunsch frei hätte, würde sie das Rad der Zeit zurückdrehen. Aber sie räumt auch ein, dass sie während der Tat ein Gefühl von Macht empfand, den Eindruck, etwas unter Kontrolle zu haben. «Das habe ich im Leben selten gehabt.»

Und als der Staatsanwalt wissen will, ob sie die Tat im Kopf oder im Herzen bereue, sagt sie: «Ehrlich gesagt im Kopf. Ich weiss nicht genau, wie es sich im Herzen anfühlen muss.»

Der Vater als Mittelpunkt

Wie die junge Frau aufgewachsen ist, die schon mit 15 Jahren ihren Bruder mit einem Messer angriff und danach eine siebenjährige Psychiatrie- und Gefängniskarriere durchlief, ist bei der Verhandlung wenig bekannt geworden. Einzig dies: Ihr Vater sei ständig der Mittelpunkt der Familie gewesen. «Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich sei unsichtbar, man sieht mich nicht.»

Ein Gefühl, das zur Phobie wurde: Auch in den Tagen vor der Tat ergriff die Angeklagte wieder «diese Panik». Sie hatte Angst, die Weihnachtszeit alleine verbringen zu müssen. Die Therapeutin war fort, die Mitbewohnerin in den Ferien. Mit dem 22. Geburtstag fielen auch die jugendstrafrechtlichen Massnahmen weg – der Aufenthalt in der Klinik Neuhaus der Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) Waldau war fortan freiwillig.

Mit dem Monster ringen

Sie selbst habe einen Fürsorgerischen Freiheitsentzug (FFE) gewünscht, sagt die Angeklagte. Dazu kam es nie – auch weil die Sozialbehörde des Herkunftsortes Mönchaltorf nicht reagierte und der zuständige Betreuer die Angeklagte als nicht gefährlich einstufte.

Es sind erschütternde Sätze, welche die Angeklagte über ihre psychische Not formuliert. Sie gibt zu, dass sie zurzeit eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstelle – ein hoffnungsloser Fall sei sie aber nicht. Auf der Anklagebank sitzt kein Monster, da sitzt jemand, der mit einem Monster ringt.

Das Urteil wird am Freitag eröffnet.

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