Die Aufzählung der Opfer dauerte fast eineinhalb Stunden

Niels H. hat gestanden, 100 Patienten getötet zu haben. So lief der erste Tag im Gerichtssaal ab.

Ein Ausmass, das es in der Bundesrepublik noch nie zuvor gab: Angeklagter Niels H. und seine Anwältin. (Video: AFP)

Siebenhundert Quadratmeter gross ist die Weser-Ems-Halle im niedersächsischen Oldenburg, 350 Stühle stehen da, rot gepolstert auf Parkett, fast wie im Theater. Hier wird sonst getanzt, Abitur gefeiert, diniert. Nun aber sitzen hier Menschen, die nervös mit den Füssen wippen, immer tiefer in ihren Schals versinken und in den Händen Taschentücher zerknüllen.

Hier sitzen Hinterbliebene. Aus dem Ballsaal ist ein Gerichtssaal geworden und aus den Besuchern eine Trauergemeinde. Hier findet der grösste Mordprozess statt, den die Bundesrepublik je gesehen hat: 100 Morde an wehrlosen Menschen werden in den nächsten Monaten verhandelt – die Mordserie mit den meisten Opfern in der bundesdeutschen Geschichte. Von etwa 200 Taten des Krankenpflegers Niels H. gehen die Ermittler aus.

Alles an diesem Prozess ist aussergewöhnlich. Schon der Beginn. Der Richter wendet sich ganz ausdrücklich an die Angehörigen der Opfer. Und er verspricht ihnen etwas: «Wir werden mit allen Kräften nach der Wahrheit suchen. Aber die vollständige Wahrheit werden wir nicht erreichen können.» Denn die hängt vom Täter ab, von Niels H., 41, Krankenpfleger aus Wilhelmshaven. Und von seinem Erinnerungsvermögen. Das, was er schon gestanden hat, sprengt jede Dimension.

Richter Sebastian Bührmann, 51, bittet alle im Saal, sich zu erheben, zu einer Schweigeminute. Alle stehen auf, die Angehörigen, das Gericht, die Staatsanwältin, die Verteidiger, auch Niels H.. Er steht mit gesenktem Kopf. Ein massiger Mann mit schweren Lidern, die Schläfen hoch rasiert, an den Wangen und rund um den Mund ein schwarzer Bart.

«Sie müssen sich wirklich anstrengen»

Der Richter ermahnt ihn. «Herr H., Sie müssen sich wirklich anstrengen und so viel wie möglich aus Ihrer Erinnerung wachrufen.» Nur so kann das Gericht möglichst viele Todesfälle aufklären, nur so die vielen Angehörigen aus ihrer Unsicherheit befreien, ob auch ihre Mutter, ihr Vater ermordet wurde. 130 Menschen wurden exhumiert, doch die Untersuchungen sind nur von begrenzter Aussagekraft. Meist hat H. mit dem Herzmittel Gyluritmal getötet, bei vielen hat er aber auch Kalium verwandt, das ist in jeder Leiche zu finden und sagt nichts aus. Und viele Tote wurden feuerbestattet, da ist kein Nachweis des Mittels mehr möglich.

Richter Bührmann sagt zu H.: «Sie kennen mich, ich kenne Sie. Ich verspreche, fair und offen zu verhandeln – in guten wie in schlechten Dingen.» Bührmann verhandelt bereits zum dritten Mal gegen H.. 2009, 2015 und nun 2018. 2015 hat der Richter den Angeklagten bereits zu lebenslanger Haft verurteilt, wegen zweier Morde und zweier Mordversuche und wegen einer schweren Körperverletzung. Das Gericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Erst gegen Ende dieses Prozesses hatte H. ganz plötzlich dem Psychiatrischen Sachverständigen gestanden, mehr als 30 Menschen getötet zu haben. Man glaubte das zunächst nicht.

Immer wieder hat es Serienmörder gegeben, im Allgäu einen Krankenpfleger mit 29 Morden, in Berlin eine Krankenschwester mit sieben Morden. Doch dies hier sprengt alle Massstäbe.

Die Opfer-Aufzählung dauert fast eineinhalb Stunden

Der Richter weiss, dies ist vor allem ein Prozess für die Angehörigen. Und auch der Angeklagte H. weiss das. Noch am Vormittag des ersten Verhandlungstages sagt er unumwunden auf die Frage des Richters: «Treffen die Vorwürfe grösstenteils zu?»–«Ja, auch wenn ich an manche keine Erinnerung mehr habe.» Das Gericht stellt ihm nun einen Laptop mit den Krankenakten der möglicherweise von ihm getöteten Patienten in die Zelle – denn an den Krankengeschichten kann er sich besser orientieren als an den Namen.

Die Namen kommen jetzt. Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann setzt an. Und obwohl sie zu jedem Opfer nur den Namen, das Geburtsdatum und das Sterbedatum sagt, dauert es fast eineinhalb Stunden. Es ist eine Litanei des Todes, ein juristisches Requiem für Väter, Mütter, Töchter, Grosseltern.

Die Staatsanwältin nummeriert durch: Fall 1, Fall 2, Fall 3, Fall 4... Allein 37 Getötete im Krankenhaus Oldenburg. Und dann wieder Fall 1, Fall 2, Fall 3, Fall 4...diesmal im Krankenhaus Delmenhorst. Hier sind es 63 Patienten. Unter den Opfern: Adnan Tüter, geboren 1957, Renate Röper, geboren 1937, Lydia Brandt, geboren 1951, Herbert Becker, geboren 1922, Regina Philipp, geboren 1969. Es waren nicht nur die sehr alten, sehr kranken Menschen, die Niels H. tötete. Es ist ganz still im Saal, niemand sagt auch nur ein einziges Wort.

Nach jedem Namen kommt das Fazit der Staatsanwältin – wie ein Refrain: «Der Angeklagte verabreichte dem Patienten ohne ärztliche Anordnung, ohne Indikation das Medikament (meist Gyluritmal), wodurch es wie beabsichtigt zu einer Reanimationspflichtigkeit kam.» Sprich: Das Herz setzte aus, die Menschen kämpften mit dem Tod. Und Niels H. eilte herbei, um sie wiederzubeleben. Oft schaffte er es nicht. Aus Langeweile habe H. gehandelt, und um zu zeigen, wie gut er reanimieren kann, sagt die Staatsanwältin.

«Der Niels und sein schwarzer Schatten»

H. ist nicht unfreundlich, er will sich nicht querlegen. Er stimmt auch der Aufnahme des 100. Opfers in diesen Prozess zu, obwohl die Ermittlungsergebnisse eigentlich zu spät kamen. Er will offensichtlich nicht noch mehr Leid verursachen.

Es wird ein Mammutprozess: 126 Nebenkläger, vertreten von 17 Anwälten. 200 Plätze für Journalisten. An diesem Tag zieht die Stadt Oldenburg die Aufmerksamkeit der Republik auf sich. Dabei hätte man schon vor 13 Jahren erkennen können, was geschah.

Am 22. Juni 2005 ertappte eine Kollegin H., als er einem schwerkranken Mann auf der Intensivstation im Krankenhaus Delmenhorst ein Herzmittel spritzte, sodass dessen Kreislauf zusammenbrach. H. begann umgehend, den Mann wiederzubeleben. Weil dieser Patient überlebte, wurde H. bei seinem ersten Prozess nur wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Dieser Tag im Juni 2005 war der Beginn eines Ermittlungsmarathons, der vielfältige Missstände aufgedeckt hat. Nicht nur in den Krankenhäusern, auch in der Justiz. Obwohl sich immer mehr Angehörige an die Staatsanwaltschaft wandten, die erklärten, auch beim Tod ihrer Mutter oder ihres Vaters sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen, wollte die Staatsanwaltschaft Oldenburg die Ermittlungen möglichst klein halten.

Exhumierungen? Zu teuer. Hinweise von Mitgefangenen H.s, er habe ihnen von Dutzenden Morden berichtet? Lästig, man liess das monatelang liegen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte sogar gegen Kollegen wegen Rechtsbeugung, weil sie so gar nichts unternommen hatten.

Erst 2014 kam es zum zweiten Prozess gegen H. und dabei zeigten sich Abgründe in den Kliniken. Da berichteten Zeugen, dass bereits im Krankenhaus Oldenburg über den Mann getuschelt wurde: «Der Niels und sein schwarzer Schatten», weil in seinen Schichten immer besonders viele Patienten starben. Ein Chefarzt weigerte sich, weiter mit ihm zusammenzuarbeiten. Aber statt die Polizei zu rufen, schrieb man ihm ein gutes Zeugnis und lobte ihn weg. Umgehend ging H. ans Krankenhaus Delmenhorst, er mordete weiter. Auch dort wurde den Kollegen bald mulmig zumute, doch auch dort liess man ihn gewähren.

H. wird von Kollegen erwischt – und arbeitet trotzdem weiter

Bis zu jenem 22. Juni 2005. Und selbst als die Kollegen ihn in flagranti erwischt hatten, liess man ihn noch ein paar Tage weiter seine Schichten machen – man wollte darauf warten, bis er in die Ferien ging. In dieser Zeit tötete H. noch zwei Menschen. Wegen dieses Wegschauens sind vier Mitarbeiter aus dem Krankenhaus in Delmenhorst angeklagt: wegen Totschlags durch Unterlassen.

Genau darauf geht Richter Bührmann ein. Er sagt zu den Angehörigen: «Wir gehen in diesem Prozess wie durch ein dunkles, leeres Haus. Wir werden mit einem hellen Strahler die Räume beleuchten. Und doch werden Sie manchmal das Gefühl haben: Warum forscht das Gericht nicht weiter?» Denn es gebe ja noch Personen, die ebenfalls für die Morde Verantwortung tragen. «Diese Verantwortung wird nicht vergessen», sagt der Richter. Die Anklage gegen Ärzte und Pfleger in Delmenhorst sei schon zugelassen. Der Prozess gegen sie werde kommen. «Alles zu seiner Zeit.»

Dann wird H. intensiv befragt, vom Richter, von den Anwälten der Nebenkläger. Bei einer Frage halten alle die Luft an «Gab es Momente, in denen Sie den Entschluss gefasst haben, mit den Taten aufzuhören?» H. sagt: «Nein.»

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