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Die verzweifelte Suche nach Ausweichrouten

Die Gotthardlinie bleibt nach dem Felssturz mehrere Wochen lang gesperrt. Nun haben die SBB ein Problem: Denn als Ausweichroute für den Güterverkehr ist die Lötschberg-Simplon-Achse wenig geeignet.

Einen Betriebsunterbruch von «mehreren Tagen» hatten die SBB kurz nach dem Felssturz in Aussicht gestellt – nun ist klar: Die Gotthardlinie bleibt einen Monat lang gesperrt. Für den Güterverkehr wird es nun schwierig. Denn die Lötschberg-Simplon-Achse ist wenig geeignet. Sanierungsarbeiten sind im Gang. Zusätzliche Züge würden die Lötschberg-Simplon-Achse «schnell ans Limit» bringen, sagte SBB-Sprecher Reto Kormann. «Wir versuchen dennoch herauszuholen, was herauszuholen ist, denn es ist die naheliegendste Route.» Für den Güterverkehr suchen die SBB fieberhaft nach Ausweichrouten via Österreich (Brenner) und Frankreich (Mont Cenis).

Weniger Probleme dürfte es beim Reiseverkehr geben. Einem Teil der 4000 täglich die Gotthardlinie benützenden Reisenden – jenen aus den Räumen Basel, Olten, Aarau und Bern – empfehlen die SBB die Lötschberg-Simplon-Achse. Diese zusätzlichen Reisenden sollte die Ausweichroute schlucken können, sagte Kormann. Längere Reisezeiten seien allerdings einzuplanen.

Problem: Schulreisen

«Die Schulreise-Saison stellt uns vor logistische Probleme», so SBB-Sprecher Kormann. «Wir sind am Planen, wie wir die Schulklassen ins Tessin und zurück bringen.» Als Möglichkeit werde der Einsatz von Bussen zwischen Flüelen und Erstfeld geprüft.

Das Tessin gehöre zu den beliebtesten Destinationen. Bereits für kommenden Freitag seien rund 1500 Schülerinnen und Schüler für ihren Ausflug in den Südkanton angemeldet. «Wir müssen schleunigst für Alternativkonzepte sorgen», sagte der SBB-Sprecher.

«Eins zu eins aufgefangen»

Erfahrungsgemäss würden zudem nach einem solchen Ereignis wie dem jüngsten Felssturz Mehrfrequenzen durch internationale Reisende «eins zu eins aufgefangen» durch einen Rückgang einheimischer Reisender.

Rechtzeitig zum Beginn der Ferienzeit im Juli sollte die Bahnlinie am Gotthard wieder in Betrieb sein. Die meisten Ferienhungrigen auf dem Weg in den Süden benützten allerdings sowieso nicht den Zug, sondern das Auto, sagte Kormann. Zu den üblicherweise 4000 Reisenden täglich kämen in den Sommermonaten «nicht viele hinzu».

Probleme wird es deshalb nicht beim Bahnunternehmen, sondern wie üblich auf der Autobahn geben. Die gewohnten Staus vor beiden Portalen des Gotthardstrassentunnels sind vorprogrammiert.

Die Gratis-Hotline unter der Nummer 0800 99 66 33 bleibt aufgeschaltet und der Online-Fahrplan unter www.sbb.ch ist angepasst. Auf allen grösseren Bahnhöfen der Nord-Süd-Achse sowie in Zürich und Luzern stehen in den nächsten Tagen rund 40 Kundenbetreuer der SBB im Einsatz.

Ratlosigkeit

Die zuständigen Geologen zeigten sich heute an einer Medienkonferenz ratlos. Wie der Hang gesichert werden soll, ist weiter offen. Das Felsstück, das sich löste, war 60 auf 40 Meter gross und wies eine Mächtigkeit von bis 15 Metern auf. Ein solcher Bergsturz sei ein ausserordentliches und seltenes Ereignis, sagte SBB-Geologe Marc Hauser an einer Medienkonferenz in Erstfeld.

Der Bergsturz ereignete sich nur wenige Meter neben der Stelle, an der im März ein Felssturz niederging und das Gleis der Gotthard- Nordrampe verschüttete. Arbeiter waren seit April daran, diese alte Absturzstelle zu sichern und den Damm, der das Bahntrasse schützen soll, zu räumen.

Mann liegt immer noch unter Steinen

Drei Männer, die am Damm arbeiteten, wurden vom Bergsturz erfasst. Zwei wurden verletzt, einer wurde verschüttet. Es sei tragisch, dass der Mann bei Sicherungsarbeiten ums Leben gekommen sei, sagte Hauser. Die Arbeiten wären in ein bis zwei Wochen beendet gewesen.

Wann der Verschüttete geborgen werden kann, ist unklar, denn es besteht weiter akute Felssturzgefahr. Sorgen bereitet den Geologen vor allem ein 500 Kubikmeter grosser Felsen am rechten Rand der Absturzstelle.

Damit eine Bergung des Leichnams trotzdem bald möglich ist, wird der Einsatz eines ferngesteuerten Baggers erwogen. Suchhunde hatten gestern den Verschütteten orten können.

Baustelle war gesichert

Markus Liniger von der Firma Geotest, der als Geologe auf der Baustelle tätig ist, sagte, dass die Arbeiter mit einem Steinschlagnetz geschützt worden seien. Auch seien Messgeräte installiert gewesen. Weil die Abbruchstelle aber 60 Meter von derjenigen, an der sich im März das Gestein löste, entfernt war, wurde die gefährliche Felsbewegung kaum registriert. «Es gab keine Anzeichen», sagte Liniger. Die Kluft sei von der Oberfläche her nicht sichtbar gewesen.

Gestern haben Arbeiter begonnen, das Gelände oberhalb des Felssturzes zu roden. Damit ein Einblick in die Geologie möglich wird, soll die Oberfläche ganz freigelegt werden, wie Hanspeter Bonetti von der Baufirma Gasser erklärte.

Die Geologen werden dann mit dem Einsatz von modernster Technologie vom Berghang ein geologisches Modell erstellen. So könne herausgefunden, was zur Gewährung der Sicherheit zu tun sei, sagte Hauser.

Eine Schwierigkeit wird auch sein, die mehreren tausend Kubikmeter Steine von der Absturzstelle zu räumen. Diese ist im engen Tal nur über die beschädigte Bahnlinie zu erreichen.

SDA/bru

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