Dutzende Tote nach Untergang von Flüchtlingsboot befürchtet

Nach einem Bootsunglück vor Tunesien werden Dutzende Flüchtlinge vermisst. Fischer konnten 16 Schiffbrüchige retten.

«Die tödlichste Meeresüberquerung der Welt»: Flüchtlingsboote vor Lampedusa (Archiv)

«Die tödlichste Meeresüberquerung der Welt»: Flüchtlingsboote vor Lampedusa (Archiv)

Beim Untergang eines Flüchtlingsbootes im Mittelmeer vor der tunesischen Küste sind mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. Bis zu 50 weitere Flüchtlinge wurden nach Angaben der tunesischen Behörden am Freitag noch vermisst. Das Unglück ereignete sich in internationalen Gewässern, wie das Verteidigungsministerium in Tunis mitteilte. Ein Fischerboot habe 16 Schiffbrüchige retten können, sagte ein Ministeriumssprecher der Nachrichtenagentur AFP.

Die geretteten Menschen seien an Bord eines von drei Marineschiffen gebracht worden, die an der Suche beteiligt waren, sagte der Sprecher. Auch ein Hubschrauber habe nach den Schiffbrüchigen gesucht. Die Leichen der drei Ertrunkenen seien am Freitag gefunden worden.

Insgesamt hätten sich nach Angaben der Überlebenden 60 bis 70 afrikanische Flüchtlinge auf dem Boot befunden, das am Donnerstag von der libyschen Stadt Suara, 120 Kilometer westlich von Tripolis, aus aufgebrochen war. Die Menschen hätten versucht, illegal nach Italien zu gelangen, sagte ein Sprecher des tunesischen Innenministeriums.

Die EU hat die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer vorerst eingestellt. Auch die meisten Hilfsorganisationen können ihre Rettungsmissionen wegen bürokratischer und juristischer Hürden nicht mehr durchführen.

Das Tunesische Forum für ökonomische und soziale Rechte sprach von einer «menschlichen Tragödie». Sie sei das «unvermeidliche Ergebnis der restriktiven und unmenschlichen Politik der EU», teilte die Hilfsorganisation mit.

Libysche Küstenwache zuständig

Im März hatte die EU die Mittelmeer-Mission «Sophia» vorerst beendet, auch wenn der Marine-Einsatz formell bestehen bleibt. Hintergrund ist die Weigerung vieler EU-Staaten, gerettete Bootsflüchtlinge aufzunehmen.

Seit Juni 2018 ist offiziell die libysche Küstenwache für die Seenotrettung in diesem Bereich des Mittelmeers zuständig. Sie brachte in dieser Woche mehrere hundert Flüchtlinge nach Libyen, trotz der anhaltenden Gefechte in dem Land. Vertreter der UNO und Hilfsorganisationen kritisieren dies scharf.

Während Hilfsorganisationen früher tausende Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer bewahren konnten, sehen sie sich inzwischen mit immer grösseren Schwierigkeiten konfrontiert. Ihre Schiffe werden beschlagnahmt oder dürfen Häfen in Italien und Malta nicht mehr anlaufen oder verlassen. Ende 2018 musste etwa die von Ärzte ohne Grenzen (MSF) und SOS Méditerranée betriebene «Aquarius» ihre Mission einstellen.

Italien fährt restriktive Flüchtlingspolitik

Die «Mare Jonio», die von der italienischen Hilfsorganisation Mediterranea betrieben wird, ist das einzige verbliebene Hilfsschiff in der Region. Die Besatzung rettete am Donnerstag 30 Menschen vor der libyschen Küste. Auch die italienische Küstenwache bewahrte am Donnerstag 36 Menschen vor dem Ertrinken.

Die 66 Geflüchteten konnten am Freitag in Italien schliesslich an Land gehen. Italiens Innenminister Matteo Salvini hatte am Donnerstag noch erklärt, dass er die Flüchtlinge auf keinen Fall ins Land lassen werde. Regierungschef Giuseppe Conte zufolge erklärten sich Frankreich, Malta, Luxemburg und Deutschland bereit, einen Teil der Menschen aufzunehmen. Daraufhin wurden die 36 Geflüchteten nach Sizilien gebracht.

Die 30 Menschen, die «Mare Jonio», aufgegriffen hatte, gingen auf der italienischen Insel Lampedusa an Land. Das Innenministerium kündigte Ermittlungen wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung an und beschlagnahmte die «Mare Jonio». Das Schiff war bereits im März festgesetzt, aber nach einer Woche wieder freigegeben worden.

Die italienische Regierung fährt eine extrem restriktive Flüchtlingspolitik. Sie schloss mehrfach die italienischen Häfen für internationale Rettungsschiffe und kündigte an, keinen Flüchtling ins Land zu lassen.

Immer wieder ertrinken zahlreiche Flüchtlinge im Mittelmeer beim Untergang ihrer oft nicht seetüchtigen Boote, die meisten beim Versuch der Überfahrt von Libyen in die EU. Das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR spricht deshalb von «der tödlichsten Meeresüberquerung der Welt». Einer von 14 Menschen sei im vergangenen Jahr bei der Überfahrt von Libyen nach Europa gestorben.

aru/AFP

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