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Erpresser-Sekte: Jetzt sprechen Ex-Mitglieder

In der Gruppe um Ernani Barretta suchten Schweizerinnen und Schweizer Spiritualität. Doch die Anhänger des Sektenführers landeten in einer trostlosen Welt. Die Erpressung reicher Frauen mit Sex-DVDs war nur die Spitze des Eisbergs.

Jesus-Statue mit Helikopter-Landeplatz im Bergdorf Pescosansonesco bei Pescara: Für den Sektenführer Ernani Barretta das Zentrum der Christenheit.
Jesus-Statue mit Helikopter-Landeplatz im Bergdorf Pescosansonesco bei Pescara: Für den Sektenführer Ernani Barretta das Zentrum der Christenheit.
Valerio Simeone/Fotowireless

Das Rifugio Valle Grande, ein luxuriöses Hotel im Landhausstil, thront hoch über dem Bergdorf Pescosansonesco. Eine knappe Stunde Autofahrt von der italienischen Hafenstadt Pescara entfernt, liegt dort das Zentrum der Organisation von Ernani Barretta - dem Sektenführer, der keiner sein will.

Ausser einer sechs Meter hohen Jesus-Statue am Rande eines gigantischen Parkplatzes mit Helikopterlandeplatz deutet nichts darauf hin, dass hinter dem Edel-Agriturismo eine Sekte steckt. Aussteiger aus Barrettas Organisation bestätigen jedoch, dass Sektenmitglieder im Hotel arbeiten. Unzählige Stunden am Tag, sieben Tage die Woche - alles für wenig mehr als Kost und Logis.

Vor zehn Tagen wurde in der Schweiz bekannt, dass Helg Sgarbi Russak, ein Mitglied der ersten Stunde, die BMW-Erbin Susanne Klatten und andere reiche Frauen erpresst und nach Strich und Faden ausgenommen hat. Hinter Sgarbi stand von Anfang an Barretta. Nun bringen ehemalige Anhänger des Sektenführers Licht in die weitgehend unbekannten Hintergründe der Sex-Erpressungen - von den idealistisch motivierten Anfängen in Zürich bis zum Alltag in Barrettas Gemeinschaft in Italien. Der «Tages-Anzeiger» hat die Aussagen mehrerer Aussteiger zu einem einzigen Text verarbeitet.

Liebevoll und wie ein Vater

«Begonnen hat alles 1988, als Barretta an einer Party einen Zürcher traf und später dessen Freund vorgestellt wurde. Die drei waren sich sympathisch, es ging um Spiritualität und Freundschaft. Helg Russak, der spätere Sex-Erpresser Sgarbi, kam 1992 als Nachbar des einen dazu. Die Gruppe sah sich bereits als verschwörerische Gemeinschaft: Man durfte niemandem davon erzählen. Dennoch kamen immer wieder neue Freunde und Nachbarn hinzu, darunter viele Frauen, viele Jusstudenten.

Barretta war sehr liebevoll und wie ein Vater, er schenkte einem viel Aufmerksamkeit. Allen sagte er: «Gott wollte, dass du mich kennenlernst.» Irgendwann hiess es aber: «Du weisst ja gar nicht, wer du bist.» Und natürlich wusste er es, denn er sieht ja ins Jenseits, ins Geistige, er geht in einen anderen Körper und wieder raus. Durch die Haare, sagte er, werde er geistig aus dem eigenen Körper gesaugt, in einer Art Häutung, bevor er dann wieder in den Körper käme. Das sei alles sehr schmerzhaft. Immer wieder sah man Blut. Etwa wenn Barretta in einer Blutlache lag und betete. Das machte Angst. Heute wissen wir: Das war alles inszeniert. Aber damals wirkten die Szenen glaubwürdig.

Der unterdessen verstorbene Andreas G., in dessen Wohnung wir uns trafen, war die rechte Hand von Barretta. Dank anthroposophischer Kenntnisse gab er uns Interpretationen der paranormalen Phänomene, die um Barretta herum geschahen: So konnte Barretta gleichzeitig an zwei Orten sein, er erhielt die Wundmale Christi, konnte Gedanken lesen und auf unerklärliche Weise heilen. Alle waren beeindruckt. Barretta gab uns das Gefühl, er sei geistig in unseren Köpfen. So machte er uns hörig und abhängig.

Die neue Familie

Barretta lebte in Italien, kam aber oft in die Schweiz. Wir waren ein gutes Dutzend Leute, alle irgendwie suchend. Jeder riss sich darum, mit Barretta unter vier Augen die persönlichen Probleme zu besprechen. Barretta gab einem immer zu verstehen, dass er durch seine Gebete einen Segen gebe, der für die ganze Familie gelte.

Gleichzeitig verlangte er, dass man mit der eigenen Familie keinen Kontakt mehr habe; er wollte über uns alle die volle Kontrolle. «Bis jetzt haben euch eure Eltern erzogen, nun werde ich euch alles andere lehren, das Wichtige im Leben: Ich flösse euch den Glauben ein.» Immer sprach er über den Glauben: Was ist die Seele, was ist der Geist. All die Anthroposophen unter uns, die etwas älter waren, machten grosse Augen und sagten, ja, das hat Rudolf Steiner auch gesagt. Andere, die um die 25 Jahre alt und unerfahren waren, fühlten sich geehrt, bei solchen Gesprächen überhaupt dabei zu sein.

Dabei waren die meisten von uns eher intellektuell, während Barretta ein einfacher Mensch ohne grosse Bildung ist. Aber er hat Charisma und weiss, wie man die Leute packen muss. Hinzu kam das Italienische: Er kochte eine gute Pasta, wir assen zusammen bei Kerzenlicht und hörten dazu schöne Musik, Pavarotti etwa. Man muss sich keine Sekte mit Heilandsandalen vorstellen, alles war ziemlich weltlich. Wir alle konnten aber keinen Schritt tun, ohne Barretta zu fragen - selbst in Zürich. Alle hatten riesige Telefonrechnungen.

Seine Jünger, jene, die ihm sehr nahe waren, mussten fast den ganzen Lohn abgeben und wie Jesus in Einfachheit leben. Einige nahmen auch hohe Kredite auf. Es war für alle völlig selbstverständlich, dass man Barretta das Geld überliess. Er war ja der gütige Vater und gab vor, damit unter anderem ein Haus für Kriegswaisen aus Ex-Jugoslawien bauen zu wollen.

Ein Kreuz aus Blut an der Tür

Alle sahen sich irgendwann kuriosen Wundern gegenüber. Eines Tages prangte zum Beispiel ein grosses, mit Blut gemaltes Kreuz an der Wohnungstür von Andreas G. Er erklärte uns das damit, dass Barretta gleichzeitig an verschiedenen Orten sein könne, ähnlich wie der heilige Padre Pio. Das Kreuz an der Tür sei ein Hilferuf, wir müssten jetzt alle für Barretta beten. Das machten wir auch.

Dann hiess es, Barretta sei im Krieg in Ex-Jugoslawien von den Serben niedergestochen worden und vom Roten Kreuz in die USA gebracht worden. Alle waren wir bedrückt, meditierten und zündeten Kerzen für ihn an. Wir pilgerten einzeln nach Einsiedeln, trafen uns aber zufällig alle dort. Das war dann wieder ein Zeichen Gottes. Alles waren Zeichen, Proben.

Plötzlich tauchte Barretta auf, geheilt, natürlich ohne Narbe, er war ja von Gott geheilt. Er habe Zeichen erhalten, dass er jetzt bauen müsse. Es brauche eine Struktur, damit möglichst viele Menschen nach Pescosansonesco kommen könnten. Barrettas Wohnort war für ihn heiliger Boden. Das war für ihn das Zentrum der Christenheit, nicht der Vatikan. Eigentlich sei sowieso er das Oberhaupt der katholischen Kirche, nicht der Papst.

Frauen auch vom Zürichberg

Um zu bauen, brauchte Barretta Geld - noch mehr Geld. Da suchten wir sogar mit Inseraten in Zeitungen nach Spendern für das Projekt. Wir glaubten alle daran und wollten der Menschheit helfen, indem wir möglichst vielen ermöglichen wollten, Barrettas Segen zu erhalten. Das war der Gedanke hinter dem Zentrum in Pescosansonesco. Viele unter uns brachen in der Folge ihre Zelte in der Schweiz ab und zogen zu Barretta ins Dorf. Die allermeisten übergaben ihm auch ihre Pensionskassengelder - bis zu 100'000 Franken.

Am meisten hat sich Russak ins Zeug gelegt - indem er auch in Zürich und schon in den Neunzigerjahren das gemacht hatte, was schliesslich zu seiner Verhaftung führte. Aber davon wussten nur wenige. Barretta sagte ihm, Geld sei Sünde: Um die reichen Frauen davon zu reinigen, müsse Russak es guten Zwecken zuführen. Die Legende von Robin Hood, dem Rächer der Armen. Russak hat sich von Anfang an völlig berechnend und zielgerichtet an reiche Frauen herangemacht. Viele Frauen, auch vom Zürichberg.

In Italien war jeder von uns symbolisch ein Jünger Jesu. Russak musste als Petrus den ersten Stein für das Fundament des Hotels legen. Er war ehrgeizig und verspürte eine riesige Verantwortung für das Projekt. Da hatte er schon eine gewaltige Hirnwäsche hinter sich. Mit Gehirnwäsche und Suggestion hatte Barretta ihn zu seiner rechten Hand gemacht: Russak war nicht mehr sich selbst, er war Barretta.

Russak wurde von Barretta eindeutig als Werkzeug benutzt; von den Millionen der Frauen hat er nur das Nötigste gekriegt. Das meiste musste er abliefern, auch wenn Barretta das vehement bestreitet. Es ist beschämend, dass Barretta jetzt nicht Verantwortung übernimmt. Nicht zuletzt hat Russak mit seiner Frau ein Kind, das er jetzt sehr lange nicht sehen wird. Es ist tragisch, dass Russak jetzt auch im Gefängnis Barretta in Schutz nehmen soll. Barretta hat mit seiner Hirnwäsche, der wir alle unterzogen wurden, ganze Arbeit geleistet.

Frauen hatten wie Maria zu sein, die Mutter Gottes: rein, sanft und gläubig. Als Mann konnte man sich hingegen sexuell austoben. Auch Seitensprünge, Hauptsache, es war mit Liebe gemacht. Als Frau stand man in der Küche, kochte und machte den Abwasch. Die Frauen getrauten sich kaum noch, einen Mann anzuschauen. Da hiess es gleich, du hast einen unreinen Gedanken oder seinen Penis vor Augen gehabt. Gleichzeitig hatte Barretta mit fast allen Frauen Sex. Aber keine Frau wusste das von der anderen. Für Barretta ging es dabei wohl vor allem um Macht; während des Aktes war er stets souverän, liess sich nie gehen und betete danach. Auch für die Frauen hatte Sex mit ihm wenig Physisches. Es war wie eine Medizin, ein Ritual zur Blutreinigung und Heilung.

Permanente Schuldgefühle

Alles in allem waren wir alle sehr unterdrückt. Am Tisch war immer eine sehr angespannte Stimmung, keiner konnte offen mit dem anderen sprechen, selten spürte man Heiterkeit. Wenn Barretta unter vier Augen mit uns sprach, umarmte er uns, beteuerte seine Liebe: Wir seien wie seine Kinder. Andern bedeutete er allerdings, was für ein schlechter Mensch man sei. Einer war Judas, der hatte diese Rolle von Anfang an. Die andere war eine Nutte, einer hatte sowieso keinen Glauben und eine war die Verrückte. Alle hatten permanent Schuldgefühle. Denn Barretta zahlte auch für unsere schlechten Taten - wie Christus für die Menschheit. Jeden Freitag hatte er seine Stigmata, seine Wundmale Christi, und litt dann wahnsinnig. Wir wurden dadurch reingewaschen von unseren Sünden, denn wir waren ja nichts als erbärmliche Sünder.

Geld war in Italien ein Riesenthema. Wir konnten nicht selbständig einkaufen gehen und mussten Barretta immer um Geld bitten. Dabei arbeiteten wir sieben Tage die Woche, fast 24 Stunden am Tag. Ab und zu gewährte Barretta uns einen freien Tag oder einen Kinobesuch.

Um eine Gruppe so unglücklicher Menschen zusammenzuhalten, braucht es starken Druck. Bei uns war immer einer der Böse - und alle andern hielten zusammen. Dabei wechselte der schwarze Peter immer wieder den Besitzer. In einer Gruppe von rund 20 Leuten aller Nationalitäten, wie wir das waren, ergibt das eine extreme Gruppendynamik. Immer wieder beteuerte Barretta zudem, wir seien undankbar, er habe seine Familie wegen uns verlassen. Für seine Frau und die beiden erwachsenen Kinder waren wir ganz einfach «die Gruppe».

Wer es wagte, Barrettas Autorität in Frage zu stellen, wurde von ihm sofort vor die Wahl gestellt: «Entweder du vertraust mir oder du gehst.» Gehe man, warte aber der Teufel auf einen - in jeder Form. Aber auch er müsse dafür büssen, warnte Barretta einen, das Verlassen der Gruppe war das Schlimmste, was passieren konnte.

Barretta hat unser Leben zerstört. Er hat uns allen die besten Jahre geraubt.»

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