Zum Hauptinhalt springen

Ethiker zum Welpenskandal: «Wir sehen in Tieren die Unschuld»

Wenn Tiere gequält werden, gehen die Emotionen hoch. Oft kommt es zu Hetzjagden auf die Täter. Tierquälerei symbolisiere den Verlust der Unschuld, sagt der Freiburger Philosoph und Tierethiker Jean-Claude Wolf.

Herr Wolf, im Internet kursiert ein Video, das eine Frau zeigt, die Hundewelpen in einen Fluss wirft. Internetbenutzer drohen der Unbekannten nun mit Mord. Was halten Sie davon? Jean-Claude Wolf: Solche Videos wecken enorme Emotionen. Die Tierschutzgesetze – etwa in der Schweiz – sind zwar sehr gut, aber der Vollzug nicht. Deshalb ist es verständlich, dass die Leute Tierquälereien ins Netz stellen. In Einzelfällen ist das gar nicht schlecht, weil die Justiz dann reagieren muss.

Die Reaktionen voller Hass überraschen – auch wenn Tierquälerei natürlich schrecklich ist.Die Reaktionen hängen eng mit dem Medium Internet zusammen. Die Anonymität lädt dazu ein, seine Meinung radikal zu äussern. Ausserdem bleibt oft unklar, ob ein solches Video echt ist oder nicht. Diese Unsicherheit wühlt zusätzlich auf.

Und das reicht, dass Morddrohungen ausgesprochen werden? Gleichzeitig essen ja die meisten ohne Gewissensbisse Fleisch.Zum routinierten Töten in der Massentierhaltung schweigen wir. Dafür reagieren wir aus einem latent schlechten Gewissen heraus umso mehr bei einem spektakulären Einzelfall ohne Profitinteressen. Es ist auch etwas anderes, ob jemand seinen Hund quält oder ein Bauer seine Kühe vernachlässigt. Die sogenannte sentimentale Tierhaltung hat eine andere Symbolik als die Nutztierhaltung.

Welche?Unter anderem sehen wir in Haustieren – wie in Kleinkindern – eine Unschuld, nach der wir uns sehnen. Wer dieses Idyll zerstört, der erinnert uns an die Vertreibung aus dem Paradies. Das weckt den Wunsch, diese Person zu vernichten.

Damit wollen die empörten Tierfreunde genau das, was sie den Tätern vorwerfen: ein Leben auslöschen.Ja, sie ahmen die Kultur der Gewalt nach. Es kommt zu einem kollektiven Hass.

Was geht in den Tierquälern vor?Nur in sehr wenigen Fällen handelt es sich um schwer pathologische Personen, denen Grausamkeit einen Kick verschafft. Allermeistens sind es überforderte Halter. Bei dem beschriebenen Fall mit den Welpen, die in einen Fluss geworfen werden, geht es wohl darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Diese Leute wollen provozieren.

In Grossbritannien warf kürzlich eine Frau die Katze ihres Nachbarn in einen Müllcontainer. Wie kommt jemand auf diese Idee? Es gibt zwei mögliche Erklärungen. Entweder kompensiert die Frau Minderwertigkeitsgefühle, indem sie Macht über Tiere ausübt. Oder es ist eine Stellvertreterhandlung. Es geht also nicht um die Katze, sondern um den Nachbarn. Tierquälerei geschieht oft aus Rache. Die Täter denken, ein Haustier zu plagen, falle kriminell weniger auf und tue dem anderen doch sehr weh.

In der Stadt Bern gab es ein Ereignis, das ebenfalls symptomatisch ist für unser Verhältnis zu Tieren. Als ein geistig Behinderter in das Gehege im Bärenpark fiel und der Bär Finn angeschossen wurde, erkundigten sich deutlich mehr Leute nach dem Wohlergehen des Tieres. Die Berner Bären sind – wie alle Tiere – starke Projektionsflächen für unsere Wünsche und Bedürfnisse. Sie werden als so liebenswürdig dargestellt, dass man fast meint, man könnte sie streicheln. Aber Bären sind sicher keine Kuscheltiere. Im Übrigen will auch ein Hund, der sich streicheln lässt, nicht nur kuscheln. Er unterwirft sich. Wir sollten von unseren Bedürfnissen nicht auf die der Tiere schliessen und sie nicht zu sehr vermenschlichen. Deshalb ist es wichtig, sich genau darüber zu informieren, was ein Hund oder eine Katze braucht, bevor man sich ein Haustier zulegt.

Ist unsere Tierliebe egoistisch? Haustiere zum Beispiel werden immer wieder ausgesetzt, wenn sie ihren Haltern lästig werden. Liebe ist stets ambivalent. Deshalb passieren auch die meisten Gewaltdelikte in Beziehungen. Der Hass auf Tiere hat ebenfalls mit der Nähe zu ihnen zu tun. Wer sich ein Haustier zulegt, sieht darin oft ein Familienmitglied – oder einen Ersatzpartner.

Und die Tiere? Sind sie wirklich so unschuldig, wie wir meinen? Sie haben nicht dieselbe Grausamkeit wie wir. Aber die Schimpansen zeigen eine Annäherung daran. Obwohl sie im Grunde kein Fleisch essen, kommt es in jungen Männergruppen vor, dass sie kleine Tiere jagen und zerreissen. Vielleicht verhalten sie sich wie Machos und wollen sich damit beweisen; vielleicht suchen sie auch einfach eine Abwechslung.

Jean-Claude Wolf (56) ist Professor für Ethik und politische Philosophie an der Uni Freiburg und hat das Buch «Tierethik» verfasst.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch