Ex-Papst Benedikt: 68er sind schuld an der Missbrauchskrise

Der ehemalige Stellvertreter Christi auf Erden findet den Hauptgrund für die Skandale weit ausserhalb der katholischen Kirche.

Stellte eine provokante These zu den Kirchenskandalen auf: Joseph Aloisius Ratzinger. (Archiv)

Stellte eine provokante These zu den Kirchenskandalen auf: Joseph Aloisius Ratzinger. (Archiv)

(Bild: Keystone Claudio Peri)

Für den emeritierten Papst Benedikt sind die 68er eine Ursache für den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche. «Zu der Physiognomie der 68er-Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.»

Grund für die Krise der katholischen Kirche sei auch eine «Gottlosigkeit», schrieb Benedikt in einem Aufsatz, den unter anderen das katholische Nachrichtennetzwerk CNA am Donnerstag veröffentlichte.

Unabhängig davon hätte sich zeitgleich «ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte». «Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmass erreichen? Im Letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes», schreibt der deutsche Ex-Papst, der nächste Woche 92 Jahre alt wird.

Nach Rücksprache mit seinem Nachfolger Franziskus habe er den Text für das bayerische «Klerusblatt» geschrieben. Darin heisst es: In den Jahren von 1960 bis 1980 seien «die bisher geltenden Massstäbe in Fragen der Sexualität vollkommen weggebrochen» und eine «Normlosigkeit entstanden, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat».

«Beschämendes Schreiben»

Katholische Theologen äusserten Kritik. Es sei «verblüffend», «eine freizügige Kultur und progressive Theologie für ein internes und strukturelles Problem verantwortlich zu machen», erklärte Julie Hanlon Rubio, Professorin an der kalifornischen Privatuniversität Santa Clara, auf Twitter. Sie bezeichnete Benedikts Analyse als «zutiefst fehlerhaft» und «zutiefst beunruhigend».

Brian Flanagan, Dozent an der Marymount University im US-Bundesstaat Virginia, twitterte: «Das ist ein beschämendes Schreiben.» Die Annahme, dass der Missbrauch von Kindern durch Geistliche ein Ergebnis der 60er-Jahre und eines angeblichen Zusammenbruchs der Moraltheologie sei, sei eine «peinliche, falsche Erklärung für den systematischen Missbrauch von Kindern und dessen Verschleierung».

Benedikt war von 2005 bis zu seinem spektakulären Rücktritt 2013 Papst. In seiner Amtszeit kam ans Licht, dass weltweit massenweise Kinder von Geistlichen missbraucht wurden. Angesichts der schweren Krise hatte Papst Franziskus im Februar zu einem Anti-Missbrauchs-Gipfel im Vatikan eingeladen. Franziskus weist immer wieder darauf hin, dass der Grund für Missbrauch auch die Machtstrukturen der Kirche sind.

Redaktion Tamedia/sda

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