Gefordert: Freispruch für alle im An’Nur-Prozess

Die Vorwürfe gegen die Beschuldigten seien «haltlos», sind die Verteidiger am Bezirksgericht Winterthur überzeugt.

«Aufgebauscht»: Laut den Verteidigern hat es die Attacke auf zwei nordafrikanische Gläubige in der An'Nur-Moschee nie gegeben. (Illustration: Robert Honegger)

«Aufgebauscht»: Laut den Verteidigern hat es die Attacke auf zwei nordafrikanische Gläubige in der An'Nur-Moschee nie gegeben. (Illustration: Robert Honegger)

Simone Rau@simonerau

Freispruch. Freispruch. Freispruch. Freispruch. Freispruch. Freispruch. Das fordern die sechs Verteidiger, die am dritten Tag des An’Nur-Prozesses am Bezirksgericht Winterthur plädieren. Es habe keine Körperverletzung gegeben, keine Freiheitsberaubung, keine Nötigung, keine Drohung. Was die Staatsanwaltschaft behaupte, sei nicht bewiesen.

Die Beschuldigten, darunter der ehemalige Imam der inzwischen geschlossenen Moschee, seien von allen Vorwürfen freizusprechen. Damit folgen sie ihren Anwaltskollegen vom Vortag. Einzig einer von ihnen hatte eingeräumt, sein Mandant sei allenfalls geringfügig zu bestrafen. Dieser hatte Beschimpfungen und Spucken zugegeben.

Hätten die Medien nicht seit Monaten negativ über die An'Nur-Moschee berichtet, wäre die Stimmung am Abend des 22. November 2016 nicht derart «aufgeheizt» gewesen.

Die Meinungen der Verteidiger sind also gemacht: Die Anklageschriften gegen die zehn Männer im Alter zwischen 19 und 54 Jahren? Aufgebauscht. Schwer verständlich. Und einzig auf den Aussagen der beiden mutmasslichen Opfer basierend. Die Staatsanwältinnen, die für die Anklage verantwortlich zeichnen? Von den Medien instrumentalisiert. Nicht an einem fairen Strafverfahren interessiert. Die Medien selbst? Schuld an allem. Hätten sie, hätte insbesondere Journalist Kurt Pelda, der heute für diese Zeitung schreibt, vor dem Vorfall nicht seit Monaten negativ über über die An’Nur-Moschee berichtet, wäre die Stimmung am Abend des 22. November 2016 nicht derart «aufgeheizt» gewesen. Damals waren laut Anklage zwei nordafrikanische Gläubige geschlagen, beschimpft, eingesperrt und mit dem Tod bedroht worden. Die Beschuldigten hatten bemerkt, dass einer der beiden Fotos gemacht hatte – mutmasslich für Reporter Pelda.

Laut den Verteidigern hat es die beschriebene Attacke nie gegeben. Die mutmasslichen Opfer, auf deren Aussagen sich die Staatsanwaltschaft abstützt, seien wenig glaubwürdig. So sei beispielsweise zu bezweifeln, ob sich die Szene mit der Zehnernote tatsächlich so abgespielt habe wie vom nordafrikanischen Student beschrieben, sagt ein Anwalt. «Meine Frage ist, ob man eine Zehnernote überhaupt schlucken kann, ohne sich zu verletzen. Eine Note ist ja dick.» Sein Mandant habe jedenfalls nichts dergleichen beobachtet. Auch sei das mutmassliche Opfer nicht geschlagen worden. «Sonst hätte man entsprechende Verletzungen festgestellt. Das ist aber nicht der Fall.»

«Ganz normale Muslime»

Als fraglich bezeichnen die Anwälte auch die posttraumatische Belastungsstörung, an der der Mann aufgrund des Vorfalls angeblich leiden soll. Er sei nachweislich in Kriegsgebiete gereist, nach Syrien und nach Libyen. Womöglich hätten die dortigen Erlebnisse die psychische Erkrankung ausgelöst. Wenn sie denn überhaupt bestehe. Die Psychiaterin, bei der das mutmassliche Opfer seit längerem in Behandlung sei, habe ihm ein «Gefälligkeitszeugnis» ausgestellt, in dem von der «berüchtigten Moschee in Winterthur» die Rede sei. Allein dies zeige, dass die Psychiaterin «voreingenommen» sei.

Die Verteidiger stellen die Beschuldigten allesamt als «unbescholtene Bürger» und «ganz normale Muslime» dar. Sie seien an dem Abend in der Moschee gewesen, das schon – mehr aber auch nicht. Sie hätten beten wollen, in Ruhe. Dann hätten ein paar von ihnen die «Spione» entdeckt. Dass diese für Kurt Pelda gearbeitet hätten, steht aus Sicht einiger Verteidiger zweifelsfrei fest. Einer der Anwälte zitiert aus einem Chat, der angeblich belegen soll, was «der wahre und einzige Grund dafür war, warum die beiden Geschädigten an diesem Abend in der Moschee waren». Sie hätten auf Auftrag und Anweisung von Pelda gehandelt.

Finanzielle Entschädigung gefordert

Die sechs Verteidiger fordern für ihre Mandanten finanzielle Entschädigung für die Untersuchungshaft, je nach Fall zudem Schadenersatz für Erwerbsausfall. Wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht, sollen die Beschuldigten hingegen zu Freiheitsstrafen von 30 bis 36 Monaten verurteilt werden, davon 12 bis 16 Monate unbedingt. Der 54-jährige libysche Imam und die drei weiteren Ausländer sollen bei einem Schuldspruch zudem des Landes verwiesen werden.

Am Donnerstag folgen weitere Parteivorträge. Der Fall des zur Tatzeit minderjährigen Beschuldigten wird am Freitag vor Jugendgericht verhandelt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Urteil erfolgt am 23. Oktober.

Video – So verlief der erste Prozesstag

Erste Einschätzung: Der Imam sieht sich als Vermittler, die zehn Angeklagten als Opfer einer Verschwörung.

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