Zum Hauptinhalt springen

Groteskes Schauspiel zur besten Sendezeit

Im Drama um Missbrauchsvorwürfe und den US-Sänger R. Kelly stilisieren sich viele zum Opfer. Beobachtungen zum Fall und zur Rolle der Medien.

Im Fall R. Kelly nehmen die Medien eine ganz besondere Rolle ein. (Foto: AFP)
Im Fall R. Kelly nehmen die Medien eine ganz besondere Rolle ein. (Foto: AFP)

Azriel Clary will sich gar nicht beruhigen. «Das sind alles Lügen», ruft sie so laut, dass es nun wirklich niemand überhören kann. Aus dem Hintergrund ist Robert Kelly zu hören, wie er ganz besonders laut hustet, dann beginnt Clary zu weinen: «Es geht nur ums Geld, und wer das nicht versteht, der ist verdammt noch mal ignorant und dumm.» Clary, 21, sitzt in einem Hotelzimmer, neben ihr die zwei Jahre ältere Joycelyn Savage, mehrere Kameras sind auf die beiden gerichtet. Sie behaupten, mit diesem 52 Jahre alten Musiker liiert zu sein, der weltweit unter dem Künstlernamen R. Kelly bekannt ist. Sie seien keiner Gehirnwäsche unterzogen worden. All die Vorwürfe gegen Kelly seien erstunken und erlogen.

Der TV-Sender CBS strahlte einen Teil des Interviews in der Morgensendung «This Morning» aus, zur zweitbesten Sendezeit für solch brisante Themen, der zweite Teil folgte am Freitagabend, zur Primetime für den Massenmarkt. Soviel dazu, wie bedeutsam dieser Fall für die amerikanische Gesellschaft und die Popkultur weltweit ist.

Es muss jetzt endlich mal um die Opfer gehen bei diesem Fall. Nein, das stimmt nicht: Es muss um die mutmasslichen Opfer gehen, denn bis zur Verurteilung durch ein Gericht gilt für Kelly, so wie für jeden anderen Menschen auch, die Unschuldsvermutung, und jede Frau, die behauptet, von ihm vergewaltigt, genötigt, versklavt, angepinkelt, bespuckt, geschlagen, als Minderjährige zu sexuellen Handlungen gezwungen oder wenigstens verführt worden zu sein, gilt zunächst einmal als mutmassliches Opfer.

Das ist wichtig, weil die Öffentlichkeit gerade von sehr vielen Seiten dazu gedrängt wird, ein Urteil zu fällen. Es sind, die Beobachter sollten das unbedingt wissen, häufig von Anwälten und Helfern geplante und komplett choreographierte Aufführungen, teils groteske Schauspiele, und die mutmasslichen Opfer spielen dabei eine bedeutsame Rolle.

Es gibt die Dokumentarserie «Surviving R. Kelly», in der mehrere Frauen (darunter seine ehemalige Ehefrau Andrea) detailliert beschreiben, was Kelly ihnen angetan haben soll. Die Befragung, und auch das ist wichtig, findet nicht durch Ermittler oder vor einem Gericht statt, die Frauen dürfen frei sprechen, sie werden nicht ins Kreuzverhör genommen, sie bekommen keine zweifelnden Fragen gestellt. Sie nennen den Grund für ihr Schweigen bislang («Wir sind schwarze Mädchen.») und verleihen dem Fall damit eine Rassismus-Ebene. Die Serie ist kein Polizeibericht und auch kein objektiver Journalismus, es ist eine sechsstündige Anklage, die Regisseure Nigel Bellis und Astral Finnie steuern die Zuschauer ganz bewusst so, dass die gar nicht anders können, als Kelly für ein Monster zu halten.

Im Gefängnis sitzt Kelly, weil er Unterhaltszahlungen nicht geleistet hat

Es gibt dieses Interview mit Clary und Savage, die sich zu Opfern stilisieren – nicht zu Opfern Kellys, den sie von aller Schuld freisprechen, sondern zu Opfern ihrer Eltern. Geldgierig seien die, und zu vielem bereit. «Als ich Robert kennen gelernt habe, da war ich 17 Jahre alt – meine Eltern haben mir geraten zu lügen», sagt Clary: «Sie haben mich aufgefordert, Fotos und Sexvideos mit ihm zu machen.» Auf Nachfrage, warum Eltern so was von ihrer Tochter fordern könnten, sagt Clary: «Sollten sie ihn jemals erpressen wollen, dann hätten sie was gegen ihn. Genau das passiert nun.»

Als Zwischenspiel ein paar Fakten, bevor es weitergeht mit dem zweiten Akt des Schauspiels: Es gibt derzeit laut Polizei keine Hinweise darauf, dass Kelly von den Eltern der beiden Frauen jemals erpresst worden ist. Es geht bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft des US-Bundesstaates Illinois auch nicht um Clary und Savage, sondern um völlig anderer Fälle. Es gibt ein Video, auf dem Kelly offenbar beim Geschlechtsverkehr mit vier Frauen zu sehen ist, von denen drei zum Zeitpunkt der Aufnahmen minderjährig gewesen sein sollen. Gegen Kelly ist Anklage in zehn Fällen der sexuellen Körperverletzung erhoben worden. Im Gefängnis sitzt er derzeit, weil er Unterhaltszahlungen in Höhe von 161'000 Dollar an seine ehemalige Ehefrau Andrea nicht geleistet hat. Zudem wird im Bundesstaat Michigan gegen Kelly ermittelt, weil er im Jahr 2001 in Detroit mit einem damals erst 13 Jahre alten Mädchen geschlafen haben soll.

Noch ein Zwischenspiel: Der Anwalt von Clarys Eltern ist Michael Avenatti, berühmt geworden dadurch, dass er die Porno-Schauspielerin Stephanie Clifford vertritt, bekannt unter dem Künstlernamen Stormy Daniels und für eine mutmassliche Affäre mit US-Präsident Donald Trump. Er hat die Videoaufnahmen mit den angeblich minderjährigen Mädchen der Staatsanwaltschaft übergeben und angekündigt, möglicherweise noch mehr Beweismittel besorgen zu können.

«Ihr wollt mich fertigmachen mit dieser Scheisse!»

Zurück zum Schauspiel: Kelly selbst hat in dieser Woche ebenfalls ein Interview gegeben. Seine Gefolgsleute haben es mit CBS eingefädelt. Sie wollten die öffentliche Meinung offenbar dahingehend drehen, dass Kelly einer ist, dem gerade übel mitgespielt wird. Der aufgrund der immensen Rufschädigung keine Platten verkauft, keine Konzerte geben darf und deshalb keinen Unterhalt zahlen kann. Als Opfer also. Nur: Während des Gesprächs mit der Journalistin Gayle King springt er auf, trommelt sich mit der Faust gegen die Brust und brüllt derart, dass sich seine Stimme überschlägt: «Ihr wollt mich fertigmachen mit dieser Scheisse! Ihr wollt die Wahrheit einfach nicht glauben, weil Ihr mich fertigmachen wollt!»

Er hatte sich darstellen wollen als jemand, der sich leidenschaftlich verteidigt und der unter der aktuellen Situation ausserordentlich leidet, doch er zeichnete ein Bild von sich, das eher dem der Klägerinnen entspricht. «Ich glaube nicht, dass er sich damit einen Gefallen getan hat», sagte King der New York Times nach dem Gespräch: «Ich hatte erwartet, dass er die Vorwürfe abstreitet – aber nicht, dass er überhaupt kein Fehlverhalten zugibt. Wir waren uns danach einig, dass wir so was noch nicht erlebt haben.»

King führte auch das Gespräch mit Clary und Savage, und sie berichtete danach bei CBS, dass Kelly dabei eine bedeutende Rolle gespielt habe: «Er hat immer wieder sehr laut gehustet und sie dadurch wissen lassen, dass er da ist.» Zudem habe er hinter den Kulissen ein paar Mal versucht, das Interview mit den beiden abzubrechen: «Sie haben eher nachgeplappert, was er schon gesagt hatte. Es war keine gute Situation. Ich glaube, dass die Leute in ein paar Jahren zurückblicken und sagen werden, wie traurig das gewesen ist.»

Wer sich in dieser Woche noch gemeldet hat: der Anwalt Edward Genson, der Kelly im Jahr 2008 gegen Missbrauchsvorwürfe verteidigt und einen Freispruch erwirkt hatte. Kelly sei damals «guilty as hell» gewesen, sagte Genson nun der Chicago Sun-Times, also: schuldig wie sonst nur was. Er habe gewusst, dass sich Kelly zu jungen Frauen hingezogen fühle: «Ich verrate Euch jetzt mal ein Geheimnis: Wir haben ihn zu einem Arzt geschickt, der ihm Spritzen gegen die Libido verabreicht hat. Deshalb ist er nicht für irgendwas anderes verhaftet worden.»

Es wird gerade sehr viel geredet bei diesem Fall, und es gibt sehr viele Leute, die sich gerade zu Opfern stilisieren und die öffentliche Meinung mit diesen Auftritten und Aussagen beeinflussen möchten. Es wird dadurch deutlich, dass irgendjemand lügt, und es ist nun die Aufgabe der Ermittler herauszufinden, wer das ist. Allerdings, und das ist wichtig: Nicht alles, was nun gesagt, gezeigt oder anderweitig veröffentlicht wird, wird vor Gericht als Beweismittel zugelassen sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch