Zum Hauptinhalt springen

«Ich kann nicht aufhören, daran zu denken»

Der Trickanruf in das Krankenhaus von Kate Middleton beschäftigt Grossbritannien. Viel Wut bekommen die beiden Radiomoderatoren ab. Klar ist jedoch: Die Aktion war von der Chefetage abgesegnet.

Viele Menschen nahmen Anteil: Die Beerdigung von Jacintha Saldanha in Shirva. (17. Dezember 2012)
Viele Menschen nahmen Anteil: Die Beerdigung von Jacintha Saldanha in Shirva. (17. Dezember 2012)
Keystone
Hinterliess drei Abschiedsbriefe: Die Krankenschwester Jacintha Saldanha auf einem Foto. (13. Dezember 2012)
Hinterliess drei Abschiedsbriefe: Die Krankenschwester Jacintha Saldanha auf einem Foto. (13. Dezember 2012)
Keystone
Über sie erhielt der Radiosender Auskunft: Herzogin Catherine mit ihrem Mann Prinz William beim Verlassen des Krankenhauses. (6. Dezember 2012)
Über sie erhielt der Radiosender Auskunft: Herzogin Catherine mit ihrem Mann Prinz William beim Verlassen des Krankenhauses. (6. Dezember 2012)
AFP
1 / 10

Drei Tage nach dem Tod einer Krankenschwester ist die britische Öffentlichkeit immer noch ratlos. Hat sich die 46-Jährige tatsächlich das Leben genommen, weil sie auf einen Telefonscherz hereinfiel?

Während die Behörden noch nicht erklärt haben, ob es sich tatsächlich um einen Selbstmord handelt, präsentiert sich die Geschichte ihres Todes als sehr unwahrscheinliches Zusammentreffen einer pflichtbewussten Mutter und beruflich erfolgreichen Einwanderin auf der einen Seite und der Moderatoren eines populären australischen Radiosenders auf der anderen Seite, der sein Geld mit dümmlicher Unterhaltung verdient.

«Yes, Ma'am»

Als im King-Edward-Krankenhaus frühmorgens das Telefon klingelt und der Empfang noch nicht besetzt ist, nimmt Jacintha Saldanha ab. Saldanha stammt aus Indien, lebte mit ihrem beruflich ebenfalls erfolgreichen Mann zuvor in Oman und nun in einer über hunderttausend Pfund teuren Wohnung in Bristol. Sie hat zwei Kinder und war darüber hinaus in der katholischen Gemeinde aktiv. Saldanha sagt am Telefon nicht viel: «yes, Ma'am» und «einen Moment bitte, ich verbinde».

Der Scherzanruf trifft schliesslich ihre Kollegin. Die Anrufer geben sich als Queen und Prinz Charles aus – im Hintergrund imitierten Redaktionskollegen das Gebell der Corgis, der Hunde der Queen. Die Krankenschwester merkt nicht, dass ihr ein Streich gespielt wird und gibt treuherzig Auskunft über den Gesundheitszustand der Herzogin Catherine, die wegen heftiger Schwangerschaftsübelkeit im Spital behandelt wird: «Sie hatte eine ruhige Nacht und schläft zurzeit.»

«Ehrliche und rechtschaffene Person»

Ein Scherzanruf als Anlass zum Selbstmord – dies scheint von aussen übertrieben, zumal die Folgen schliesslich gering waren und Saldanha nicht einmal selber Auskunft gab. Zu einem Selbstmord würde aber passen, dass die ursprünglich aus Indien stammende Krankenschwester als äusserst pflichtbewusst beschrieben wird. Sie sei eine «ehrliche und rechtschaffene Person» gewesen, sagte ihr Bruder Naveen der britischen Zeitung «Daily Mail». Sie hätte sich sicher stark über den Vorfall geschämt, mutmasst Naveen, der offenbar wie die anderen Beamten von seiner Schwester nicht über den Vorfall ins Bild gesetzt wurde. Auch ihr ehemaliger Fahrlehrer Jeff Sellick legt nahe, dass sich Saldanha stark geschämt haben muss. Laut der Zeitung «Welt » sagte er, dass der Streich «sehr schwer auf ihr gelastet haben muss». Sie habe sich selber als eine sehr nervöse Person bezeichnet und hätte manchmal eine Portion mehr Selbstvertrauen benötigt.

Saldanhas Verwandte zeigten sich hingegen überrascht. «Es ist schwer, zu glauben, dass Jacintha hätte Selbstmord begehen können. Sie war nicht der Typ Frau dazu», sagte ihre Schwägerin Irene D'Souza der Zeitung «Mirror». Sie und ihr Mann seien gut miteinander ausgekommen. Es bestand überhaupt kein Grund für sie, aus welchem Anlass auch immer, Selbstmord zu begehen. «Sie war eine starke Frau mit heranwachsenden Kindern», ergänzte D'Souza gegenüber der Zeitung «Telegraph».

Die Verwandten verwahrten sich auch gegen Andeutungen, hinter dem mutmasslichen Selbstmord der Frau könnte ja genauso gut auch eine Depression stecken. Ein Sprecher des Radiosenders sagte, es sei einfach, den Sender zu beschuldigen, doch niemand untersuche die Rolle des Spitals, das sehr schnell eine Stellungnahme zur Hand gehabt habe. Der Telefonscherz sei als Erklärung «viel sexier» als eine mögliche Depression oder überhaupt darüber zu reden, was zum Selbstmord geführt habe.

Grosser Druck auf das Spital

Die Rolle des Spitals ist tatsächlich noch nicht restlos geklärt. Der Druck der Öffentlichkeit auf das Spital war jedenfalls in den Tagen nach dem Vorfall gross. Wie konnte es passieren, dass einem Spital, das sich für seine grosse Diskretion lobt, ein solcher Vorfall unterläuft, fragten sich die britischen Medien. Eine «erstaunliche Sicherheitsverletzung», kommentierte die «Daily Mail» und zitierte den langjährigen Pressesekretär des Köngishauses Dickie Arbiter: «Das Spital wird ausser sich sein. Ich bin sicher, dass der Palast Antworten verlangen wird. Das gibt ein Feuerwerk.»

Wie das Spital Saldanha in dieser aufgeheizten Stimmung beistand, ist nicht geklärt. Ein Sprecher der Klinik sagte dem «Mirror», es sei keine Disziplinarmassnahme in Erwägung gezogen worden. Im Gegenteil habe das Spital sie als Opfer eines Streiches betrachtet. Auch das britische Königshaus liess verlauten, es sei keine Beschwerde an die Klinik gerichtet worden.

Moderatoren äussern sich erstmals

Als beim Spital das Telefon klingelt und die beiden Schwestern der Nachtschicht überrascht, befinden sich – am anderen Ende der Leitung und am anderen Ende der Welt – zwei Moderatoren des australischen Radiosenders 2 Day FM, der für leichte Unterhaltung bekannt ist. Am Telefon ist einerseits Mel Greig, ein 30-jähriges, früheres Model, das mit fünfzehn Jahren zu Hause ausgerissen war. Greig hat sich inzwischen einen Namen als DJ und Radiomoderatorin gemacht und befindet sich in einer Beziehung mit einem bekannten Footballer. Ebenfalls am Telefon war ihr Kollege Michael Christian, Mitte 20, der bei einem kleinen Radiosender aufgestiegen war und nun erst wenige Tage zuvor zum grossen Radiosender 2 Day FM stiess.

Nach dem Scherz wurden die beiden Moderatoren suspendiert und tauchten vorerst ab. Heute haben sie sich nun aber erstmals geäussert. «Ich kann nicht aufhören, daran zu denken», sagte Greig in einem Interview des Australian TV Networks unter Tränen. «Meine erste Frage war: War sie Mutter?»

Was passiert sei, erscheine ihnen nun unwirklich, da man nie daran denken würde, dass ein Scherzanruf so etwas auslösen könnte. Im Interview geben Greig und Christian Einblick, wie es zum Anruf kam. Die Idee sei an einer Teamsitzung aufgetaucht, sagte Greig. Christian ergänzte, man habe nicht damit gerechnet, mit Kate sprechen zu können oder an einen Primeur zu gelangen. Sie hätten angenommen, dass man ihnen einfach das Telefon aufhängen werde.

Von Chefetage abgesegnet

Auch wenn den beiden nun heftige Empörung entgegenschlägt: Die Moderatoren hatten den Anruf nicht in eigener Regie ausgestrahlt. Wie der Radiosender bestätigte, war der Anruf von der Leitung des Senders abgesegnet worden. Der Chef des australischen Medienkonzerns Southern Cross Austereo, zu dem 2 Day FM gehört, Rhys Holleran, führte laut der Nachrichtenagentur AFP aus, der Sender habe fünfmal versucht, die Klinikverwaltung zu erreichen, um die Aufnahme zu besprechen. Es seien angemessene Vorsichtsmassnahmen getroffen worden, bevor die Aufzeichnung ausgestrahlt worden sei. Die Bänder seien auch Anwälten vorgelegt worden.

Wie auch ein australischer Kommentator schreibt, gehören die Telefonscherze schlichtweg zum Geschäftsmodell des Senders. «Natürlich war der Anruf ein dummer Scherz. Das ist, was 2 Day FM macht. Der Sender macht Geld, viel Geld, mit der Unterhaltung einfacher Gemüter», schrieb denn auch der ehemalige Radiomann und heutige Medienkommentator Mike Carlton im «Sydney Morning Herald», der der britischen Presse Heuchelei vorwirft.

Ein anderer australischer Medienkommentator, Jonathan Holmes, weist aber darauf hin, dass der Radiosender die geltenden Regeln zumindest geritzt habe. Aufnahmen dürfen in Australien nur mit Einverständnis der entsprechenden Person verwendet werden – was bei Scherzanrufen häufig im Nachhinein eingeholt wird. Auch wenn, wie Holmes schreibt, die Anwälte in diesem Falle wohl darum herum argumentieren können – weil eine der entsprechenden Regeln nur für Nachrichten- und nicht für Unterhaltungssender gilt –, kommt der Kommentator zu einem deutlichen Schluss. Der Radiosender habe mit der Ausstrahlung der Aufnahme wenn nicht den Buchstaben, so doch den Geist der Regelung verletzt. Dadurch sei der Sender auch für die Folgen verantwortlich – wie schwierig auch immer es gewesen sein möge, diese vorherzusehen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch