«Ich würde ihm am liebsten an die Gurgel gehen»

Der Krankenpfleger Niels H. wurde zum vierten Mal verurteilt, diesmal für 85 Morde an Patienten. Viele weitere lassen sich wohl nicht mehr nachweisen.

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. wurde zum vierten Mal verurteilt, diesmal für 85 Morde an Patienten. Video: Reuters
Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Wie kaltblütig, gewissenlos und manisch Niels H. getötet hat, zeigte sein letzter Mord. Sein unfassbares Tun war damals, im Juni 2005, gerade aufgeflogen, weil eine Krankenschwester beobachtete, wie der Pfleger einem Patienten eine lebensgefährliche Dosis eines Herzmittels spritzte. Zwei Tage später erstattete die Klinikleitung Anzeige.

Niels H., der wusste, was auf ihn zukam, beendete am gleichen Tag seine Schicht, wie wenn nichts passiert wäre: Er tötete zum letzten Mal einen Patienten. Dann fuhr er in die Ferien.

Kein Deutscher hat seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Menschen getötet als der heute 42-jährige Niels H. Wie viele es sind, kann niemand genau sagen. 100 Morde zwischen 2000 und 2005 warf ihm die Anklage im neusten Prozess vor, 43 von ihnen hatte er gestanden. Die Ermittler sahen Mordverdacht in insgesamt 332 Fällen. Da aber viele Leichen verbrannt wurden und H. auch mit Medikamenten tötete, die sich nach dem Tod verflüchtigen, lassen sich viele Fälle nicht mehr klären. Im Laufe der Ermittlungen wurden 134 Leichen exhumiert, auf 67 verschiedenen Friedhöfen.

Bei Angehörigen entschuldigt

Das Urteil gegen den Serienmörder stand schon 2015 fest, als er im dritten Prozess gegen ihn wegen fünf Morden zu lebenslänglicher Haft verurteilt und die «besondere Schwere der Schuld» festgestellt wurde; diese Massnahme verhindert in der Regel eine bedingte Freilassung nach 15 Jahren. Im vierten – und vermutlich letzten – Prozess wurde Niels H. nun in Oldenburg für den Mord an 85 Patienten nochmals zur Höchststrafe verurteilt. In 15 Fällen sprach ihn das Gericht frei.

Man sei es den Angehörigen der Opfer, den Gatten, Töchtern, Söhnen und Enkeln also, schuldig gewesen, die Verbrechen so gut aufzuklären wie irgend möglich, erklärten die Richter den neuerlichen Prozess. Niels H., der vor Gericht stets nur zugab, was man ihm beweisen konnte, und ansonsten log, wie es ihm gefiel, entschuldigte sich am Tag vor dem Urteil noch bei den Angehörigen. Die nahmen ihm die Reue aber nicht ab. «Er ist ein Massenmörder», sagte die Tochter eines Mordopfers. «Ich würde ihm am liebsten an die Gurgel gehen.»

Angehörige blieben hartnäckig

Es war vor allem der Hartnäckigkeit der Angehörigen und ihrer Anwältinnen zu verdanken gewesen, dass das wahre Ausmass von Niels H.'s Mordserie überhaupt bekannt wurde. Erst deren Engagement führte 2009 zu ersten Exhumierungen und 2014 endlich zur Bildung einer Sonderkommission.

Zuvor waren Klinikverantwortliche in Oldenburg und Delmenhorst sowie niedersächsische Staatsanwälte skandalös untätig geblieben, obwohl klare Indizien auf die Mordspur hingewiesen hatten: Auf beiden betroffenen Intensivstationen hatten sich die Todesraten seit Niels H.'s Arbeitsaufnahme verdoppelt bis verdreifacht, der Verbrauch verdächtiger Medikamente war sogar auf die siebenfache Menge gestiegen. Dennoch schritt niemand ein oder nahm Untersuchungen auf. Mehrere Verantwortliche werden sich deswegen bald selbst vor einem Richter verantworten müssen.

Niels H. hatte stets behauptet, die Patienten nicht mit Tötungs-, sondern mit Rettungsabsicht krankgespritzt zu haben: Er habe es gebraucht, bei der Reanimation als Retter glänzen zu können – leider sie dies halt oft auch schief gegangen. Vom Gericht beauftragte Psychiater sprachen davon, dass der Pfleger nach Kick und Anerkennung, ja, nach Allmachtsgefühlen süchtig gewesen sei und damit tief sitzende Ängste kompensiert habe. Aus Sicht der Ermittler war diese Darstellung eine Schutzbehauptung des Täters: Am Ende, als Niels H. oft in jeder zweiten Schicht jemanden getötet habe, sei es wohl nur noch um «Mordlust» gegangen.

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