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Kriegszustand in den Slums von Rio

Mit einer massiven Offensive will Brasiliens Polizei die Herrschaft der Drogenbanden brechen – mit Blick auf die Fussball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Sportverbände begrüssen den Grosseinsatz.

Baden in der Favela: Kinder vergnügen sich im Swimmingpool eines Drogenhändlers.
Baden in der Favela: Kinder vergnügen sich im Swimmingpool eines Drogenhändlers.
Keystone
Erobert: Polizisten hissen im Elendsviertel Complexo do Alemão die brasilianische Flagge.
Erobert: Polizisten hissen im Elendsviertel Complexo do Alemão die brasilianische Flagge.
Keystone
... vor den Augen der verängstigten Bevölkerung.
... vor den Augen der verängstigten Bevölkerung.
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Mit gepanzerten Fahrzeugen, unter dem Schutz von Hubschraubern und mit Sturmgewehren im Anschlag gingen Sicherheitskräfte am Freitag in den seit Jahrzehnten von kriminellen Banden beherrschten Stadtteilen im Norden und Westen der Millionenmetropole Rio de Janeiro gegen Kriminelle vor. Es gab zahlreiche Razzien; rund 800 Soldaten riegelten das Slum Vila Cruzeiro ab.

Bei Strassenkämpfen am Donnerstag wurden laut Behörden acht Menschen getötet und ein Polizist verwundet. Damit stieg die Zahl der Getöteten seit Ausbruch der Gewalt am Sonntag auf mindestens 25. Bei den meisten Opfern soll es sich um Bandenmitglieder handeln. 192 Personen seien verhaftet worden, sagte Polizeisprecher Henrique de Lima Castro Seraiva. Bei Durchsuchungen am Freitagmorgen seien über 80 Motorräder und eine Leiche sichergestellt worden, hiess es weiter.

«Atmosphäre der totalen Sicherheit»

Die Razzien sind Teil der Bemühungen der Regierung, die Gewalt in der Stadt in den Griff zu bekommen und Rio de Janeiro mit Blick auf die Fussball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 sicherer zu machen. Das Organisationskomitee für die Olympischen Spiele 2016 stellte sich hinter das Vorgehen der brasilianischen Behörden. «Wir erklären öffentlich unsere volle Unterstützung für die ausgeführte Politik der öffentlichen Sicherheit», sagte OK-Chef Carlos Nuzman. Rio könne alle Sportfans versichern, dass die Spiele in sechs Jahren in einer «Atmosphäre der totalen Sicherheit» stattfinden.

Auch der Brasilianische Fussballverband stellte sich mit Blick auf die Fussball-WM in vier Jahren hinter die Polizeiaktion. «Ich kann der Sportwelt versichern, dass Rio de Janeiro das Klima der Normalität bieten wird, das für den Confederations Cup im Jahr 2013 und die WM im Jahr 2014 nötig ist», sagte Verbandspräsident Ricardo Teixeira.

Polizisten durchsuchen Haus für Haus

Während Polizisten ein Haus nach dem anderen durchkämmten, riegelten Soldaten das Viertel ab, um eine Flucht der Bandenmitglieder zu verhindern. Im Fernsehen waren am Donnerstag Luftaufnahmen gezeigt worden, auf denen Dutzende schwer bewaffnete Drogenhändler zu sehen waren, die aus Vila Cruzeiro durch mit Dschungel bewachsene Hügel in eine benachbarte Hochburg der Kriminalität, Alemao, flohen. Wann die Sicherheitskräfte ihre Offensive auf diesen Stadtteil ausdehnen, gaben die Sicherheitskräfte nicht bekannt.

Die Soldaten, die in Rio eingesetzt werden, seien in Konfliktunterdrückung ausgebildet und hätten bereits in Haiti gedient, sagte Militärsprecher Enio Zanan. Zwei weitere Bataillone à 800 Mann stünden für den Einsatz bereit. Sollten sie benötigt werden, könnten sie angefordert werden.

Der Einsatz der Streitkräfte war von Präsident Luiz Inacio Lula da Silva genehmigt worden. Am Rande eines Gipfels der Vereinigung der südamerikanischen Nationen sagte er, «alles was wir für Rio tun können, werden wir tun. Es ist inakzeptabel, dass 99 Prozent der wohlgesinnten, hart arbeitenden Menschen, die in Frieden leben wollen, von gewalttätigen Banden beeinträchtigt werden.»

Kriminellen verbarrikadieren Strassen

Die Drogenbanden reagierten mit Barrikaden auf grösseren Strassen auf die Razzien. An diesen Strassensperren wurden Autofahrer ausgeraubt. Mehr als 95 Autos und Busse seien angezündet worden, hiess es. Viele Geschäfte blieben geschlossen und für rund 12'000 Schüler fiel der Unterricht aus. Zahlreiche Bewohner der umkämpften Viertel konnten nach der Arbeit nicht in ihre Häuser zurückkehren. «Was soll ich tun? Ich kann nicht zur Arbeit und ich kann nicht nach Hause», sagte die Putzfrau Maria das Gracas Fonseca, «ich weiss noch nicht einmal, wo ich heute Nacht schlafen werde.»

Bislang haben die Sicherheitskräfte noch nicht alle bei den Kämpfen Getöteten identifiziert, doch Polizeisprecher Lima Castro räumte bereits ein, dass auch Unbeteiligte unter den Opfern sein könnten. Im Getulio-Vargas-Krankenhaus wurde nach Angaben der Gesundheitsbehörde ein 81-Jähriger mit einem Streifschuss und ein zehnjähriges Kind mit Splitterverletzungen eingeliefert.

Keinen sicheren Hafen für Verbrecher

«Wir haben diesem Krieg nicht angefangen», sagte Polizeisprecher Lima Castro, «wir wurden provoziert. Aber wir werden siegreich sein.» An den Razzien in den vergangenen Tagen seien 17.500 Polizisten beteiligt gewesen. «Wir nehmen den Kriminellen, was ihnen vorher noch nie genommen worden ist – ihr Territorium, ihren sicheren Hafen», sagte der Direktor für öffentliche Sicherheit des Staates Rio de Janeiro, Jose Beltrame, «es ist wichtig, sie zu verhaften, aber noch wichtiger ist es, ihr Territorium einzunehmen. Gelingt uns das nicht, können wir keine Fortschritte erzielen».

Juliana Barbassa/dapd

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