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Sandy setzt Manhattan unter Wasser

Der Hurrikan hat mehrere Städte der US-Ostküste empfindlich getroffen. In der Metropole New York sind es laut einem Wetterdienst «die höchsten Sturmfluten, die je aufgezeichnet wurden».

Die Ordnungshüter versuchen, Präsenz zu markieren: Ein Wagen der Hafenpolizei in der Nähe des Flughafens Teterboro in New Jersey. (30. Oktober 2012)
Die Ordnungshüter versuchen, Präsenz zu markieren: Ein Wagen der Hafenpolizei in der Nähe des Flughafens Teterboro in New Jersey. (30. Oktober 2012)
Reuters
Die Kraft der Wassermassen: Zerstörte Schiffsstege am Hudson River, New York City. (30. Oktober 2012)
Die Kraft der Wassermassen: Zerstörte Schiffsstege am Hudson River, New York City. (30. Oktober 2012)
Keystone
Ein Arbeiter sichert die Fenster eines Restaurants in Westhampton Beach, New York, mit Brettern. (28. Oktober 2012)
Ein Arbeiter sichert die Fenster eines Restaurants in Westhampton Beach, New York, mit Brettern. (28. Oktober 2012)
Reuters
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Sandy hat New York und anderen Teilen der US-Ostküste in der Nacht Flutwellen, heftigen Wind und schwere Überschwemmungen gebracht. Von drei Seiten läuft Wasser auf die New Yorker Insel Manhattan. Den Süden des Stadtteils traf eine 4,3 Meter hohe Flutwelle. Wegen des Sturms sind laut CNN in 13 Staaten und dem Hauptstadtbezirk Washington mindestens 6,5 Millionen Menschen ohne Strom. Nun bewegt sich der Sturm landeinwärts und verliert damit an Stärke: Das Schlimmste ist überstanden.

In Manhattan kam es in einem Unterwerk der Elektrizitätsgesellschaft Con Edison zu einer Explosion. Um 20.30 Uhr gab es auf der East Side einen grellen Feuerball (siehe Video links). In fast allen Gebäuden südlich der 39th Street gehen die Lichter aus – ein seltener Anblick der Grossstadt. 250'000 Menschen sassen daraufhin im Dunkeln, wie Con Edison gegenüber der «New York Times» bestätigte. Die Ursache für die Explosion ist nicht bekannt. Der Vizepräsident des Stromlieferanten, John Miksad, vermutete, Hochwasser oder Trümmer könnten mit im Spiel gewesen sein.

Nach dem Stromausfall versagte im Spital der New Yorker Universität auch das Notstromaggregat. Alle 215 Patienten wurden daraufhin am Montagabend evakuiert und in andere Spitäler verlegt.

Durch den schweren Wirbelsturm sind in den USA und Kanada bis am frühen Dienstagmorgen mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten Toten wurden durch umstürzende Bäume getötet, hiess es in US-Medien und seitens der Behörden. Zwölf Tote habe es in den Bundesstaaten New York, New Jersey, Maryland, Pennsylvania, West Virginia und North Carolina gegeben. Auch in der kanadischen Metropole Toronto starb nach Polizeiangaben eine Frau durch herumfliegende Gegenstände.

Durch Bäume erschlagen

Mindestens fünf Menschen wurden im Zusammenhang mit dem Unwetter im Bundesstaat New York getötet. Darunter war ein 30-jähriger Mann, der im New Yorker Stadtteil Queens von einem Baum erschlagen wurde. In Morris County in New Jersey starben zwei Menschen, als ein Baum auf ihr Fahrzeug stürzte. In Pennsylvania kam ein Mensch durch einen umfallenden Baum und ein weiterer beim Einsturz eines Hauses ums Leben. In Maryland und West Virginia wurden zwei Frauen bei Autounfällen getötet.

Vor der Küste von North Carolina sank infolge des Sturms ein Dreimaster. Während 14 der 16 Besatzungsmitglieder per Helikopter aus ihren Rettungsbooten geborgen werden konnten, kam für eine 42-jährige Frau, die von der Küstenwache leblos aus dem Atlantik gezogen wurde, jede Hilfe zu spät. Der 63-jährige Kapitän der 1962 für einen Filmdreh gebauten HMS Bounty wird weiter vermisst. In Atlantic City an der Küste des US-Staats New Jersey, wo Sandy auf Land traf, wurden Teile der hölzernen Uferpromenade weggespült.

Spital ohne Strom

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg sagte in einer Pressekonferenz, auch im Universitätskrankenhaus sei der Strom ausgefallen. Einsatzkräfte seien damit beschäftigt, Patienten zu verlegen. In der Stadt hätten herabstürzende Stromleitungen zahlreiche Brände ausgelöst.

Ein Baukran auf der Spitze eines Hochhauses knickte im Sturm ein, ein Teil des Auslegers schwebte gefährlich 74 Stockwerke über der Strasse. Die Fassade eines viergeschossigen Hauses in Manhattan stürzte ein. Verletzt wurde niemand.

Das Nationale Hurrikanzentrum der USA hatte Sandy zuvor vom Hurrikan zum Sturm herabgestuft. Dieser Schritt hatte allerdings kaum praktische Bedeutung: Nicht zuletzt wegen seines riesigen Ausmasses hat der Sturm nichts von seiner Gefährlichkeit für die 50 Millionen Menschen im Osten des Landes verloren. Seine Windgeschwindigkeiten erreichten noch immer bis zu 135 Kilometer pro Stunde. Betroffen waren unter anderem Metropolen wie Washington, Baltimore, Philadelphia und Boston.

«Höchste Sturmfluten, die je aufgezeichnet wurden»

Auf seinem Weg vom Atlantik in Richtung Festland verschmolz Sandy mit einer Kaltfront, was den ehemaligen tropischen Hurrikan zu einem Megasturm werden liess. Meteorologen warnten daher nicht nur vor Starkwind und Regen an der Ostküste, sondern auch vor mehr als sechs Meter hohen Wellen am Ufer des Michigansees in Chicago und bis zu einem Meter Schnee in West Virginia.

Besorgniserregend war nach Angaben von Meteorologen vor allem, dass der Sturm «erstaunlich tiefen» Druck mit sich brachte. Er habe damit enorme Energie, Wasser ins Landesinnere zu drücken. «Wir sehen die höchsten Sturmfluten, die je aufgezeichnet wurden», sagte Jeff Masters, Direktor des privaten Wetterdienstes Weather Underground.

Auch Teile Kanadas bekommen Ausläufer des Sturms zu spüren. Die Menschen in Ontario, Québec und östlich gelegener Provinzen wurden von den Behörden aufgefordert, sich auf das Unwetter vorzubereiten. In Toronto wurde eine Frau nach Polizeiangaben von umherfliegenden Teilen tödlich getroffen.

Alarm in Atomkraftwerk

Im ältesten Atomkraftwerk der USA ist wegen Hochwassers in Folge von Sturm Sandy ein Alarm ausgerufen worden. Das Kraftwerk Oyster Creek im Staat New Jersey war bereits vor der Ankunft von Sandy zu Wartungsarbeiten vom Netz genommen worden. Nach Angaben der Atomregulierungsbehörde wurde gegen 19 Uhr Ortszeit ein «ungewöhnliches Ereignis» ausgerufen, als das Wasser eine bestimmte Höhe erreichte. Knapp zwei Stunden später wurde die Lage zum «Alarmzustand» hochgestuft, die zweitniedrigste von vier Stufen.

Nach offiziellen Angaben sind alle US-Atomkraftwerke weiterhin in einem sicheren Zustand. Die Wassermassen in der Nähe von Oyster Creek in der Nähe des Atlantiks sollten innerhalb der kommenden Stunden zurückgehen. Oyster Creek ging 1969 ans Netz und liefert neun Prozent des in New Jersey verbrauchten Stroms.

Brücke und Tunnel geschlossen

Die Windstärken haben in New York massiv zugenommen, weshalb die Behörden mittlerweile fast alle Brücke schliessen liessen. Wegen des Hurrikans waren zuvor schon zwei wichtige Tunnel in New York City geschlossen worden: der Holland-Tunnel und der Brooklyn-Battery-Tunnel. Seit 14 Uhr Ortszeit (19 Uhr Schweizer Zeit) dürfen keine Autos mehr durch den Holland-Tunnel fahren. Dieser verläuft unter dem Hudson River und verbindet Manhattan mit New Jersey. Das Gleiche gilt für den Brooklyn-Battery-Tunnel, der unter dem East River liegt und Manhattan mit Brooklyn verknüpft. Beides sind Verkehrs-Nadelöhre.

«Getan, was getan werden musste»

Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo gab sich mit den Vorbereitungen auf den anrückenden Hurrikan insgesamt zufrieden. «Wir haben alles getan, was getan werden musste», sagte Cuomo. «Die Leute sind vorbereitet», sagte Cuomo. Gleichzeitig rief er die New Yorker auf: «Unterschätzt diesen Sturm nicht!» Die Wellen dürften höher schlagen als alles, was bislang dagewesen sei.

Hurrikan Sandy hat bereits bei seinem Zug durch die Karibik 65 Menschen in den Tod gerissen. In den USA – im Zentrum seine Weges liegen New York City, New Jersey und Long Island – wird er nach Prognosen der Meteorologen auf zwei winterliche Wetterfronten prallen, was seine Wirkung noch zu einem bisher noch nicht da gewesenen Monstersturm verstärken könnte.

In zehn Bundesstaaten und in der Hauptstadt Washington D.C. wurde der Notstand ausgerufen. In Washington konnten die Regierungsmitarbeiter zuhause bleiben. Für zwei Millionen Kinder in sieben Bundesstaaten fiel der Unterricht aus.

Obama hielt TV-Ansprache

Wegen Sandy ist US-Präsident Barack Obama frühzeitig von einer Wahlkampftournee nach Washington zurückgekehrt. «Dies ist nicht der Zeitpunkt, um Politik zu machen», sagte Präsidentensprecher Jay Carney. Obama will aus dem Lagezentrum unter dem Weissen Haus, das unwettersicher ist, das Krisenmanagement beaufsichtigen.

In Washington hielt Obama eine Ansprache am Fernsehen. «Bitte hören Sie auf das, was ihre Landes- und Kommunalbehörden sagen. Wenn sie Sie zur Evakuierung auffordern, dann müssen sie evakuieren. Warten Sie nicht ab, zögern Sie nicht, stellen Sie die Anweisungen nicht in Frage, die gegeben werden, denn dies ist ein mächtiger Sturm», sagte Obama.

Er habe mit den Gouverneuren aller eventuell betroffenen Staaten gesprochen, sagte Obama weiter und versicherte, es gebe eine ungewöhnlich enge Abstimmung zwischen allen Verwaltungsebenen.

Flüge annulliert – Börse geschlossen

Die Fluggesellschaften strichen knapp 9000 Flüge, auch zahlreiche Transatlantikverbindungen waren betroffen. In der Schweiz annullierten die Flughäfen Zürich und Genf alle ihre Flüge an die amerikanische Ostküste - von Zürich aus betraf dies acht, von Genf aus zwei Flüge.

Die Wall Street bleibt auch heute wegen Sturmgefahr geschlossen. Die US-Wertpapieraufsichtsbehörde SEC in New York hat angeordnet, dass an allen US-Aktienmärkten wegen des Hurrikans Sandy der Handel ausfällt. «Sicherheit muss unsere höchste Priorität sein», erklärte die New York Stock Exchange (Nyse). Weil der Nahverkehr stillsteht, können die Händler nicht zur Arbeit gelangen. Am Mittwoch soll der Handel wieder beginnen, wenn es das Wetter zulässt. Das letzte Mal stand die US-amerikanische Finanzwelt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 still.

Bereits früh hatte die Nyse deshalb entschieden, zumindest den Parketthandel auszusetzen. Nun liegt der gesamte Handel brach – auch bei der konkurrierenden und rein auf Computerhandel basierenden Börse Nasdaq.

Der Handelssaal der Nyse an der Wall Street befindet sich nahe eines Gebiets, das am Sonntag als Vorsichtsmassnahme von den Behörden evakuiert wurde. Die Börse bereitete sich mit Sandsäcken auf mögliche Fluten vor. Um das Hauptquartier der Investmentbank Goldman Sachs und vor der Terminbörse Nymex errichteten Arbeiter Schutzvorrichtungen.

Das letzte Mal war die New York Stock Exchange 1985 sturmbedingt geschlossen, damals war es Hurrikan Gloria. Am 8. Januar 1996 hatte die Börse wegen eines Wintersturms die Handelszeiten verkürzt. Bei Hurrikan Irene im vergangenen Jahr dagegen war die Stadt New York glimpflich davongekommen und die Börsen blieben geöffnet.

Teuer für Rückversicherer

Hurrikan Sandy könnte die Versicherungsbranche teuer zu stehen kommen. Wie Analysten der Zürcher Kantonalbank (ZKB) erklärten, könnten für den Rückversicherer Swiss Re Kosten von mehreren Milliarden Dollar entstehen.

Die durch Sandy verursachten Kosten könnten sogar höher ausfallen als beim Hurrikan Katrina im Jahr 2005. Allein schon durch die Vorsichtsmassnahmen, die wegen des herannahenden Wirbelsturms veranlasst worden seien, stehe ein Teil der US-Wirtschaft still.

Wenn Sandy die grossen Metropolen an der Ostküste treffe, sei mit erheblichen Schäden zu rechnen, so die ZKB-Analysten weiter. Diese setzten sich nicht nur aus materiellem Schaden zusammen, sondern auch aus unterbrochenen Geschäftsaktivitäten.

Wirbelsturm Katrina verursachte nach Angaben der Analysten Versicherungsschäden im Wert von 72 Milliarden Dollar (67,5 Milliarden Franken nach heutigem Kurs). Swiss Re, die zweitgrösste Rückversicherung der Welt, habe damals davon nur 1,2 Milliarden Dollar zahlen müssen.

(sda/dapd/AFP)

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