Sie nannten ihn den «Paten von Boston»

James «Whitey» Bulger wurde 89-jährig im Gefängnis ermordet. Geschichte eines verrückten Gangsters.

Ein Gangster und Gentleman? So sah sich James «Whitey» Bulger zumindest selbst (hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 1953).

Ein Gangster und Gentleman? So sah sich James «Whitey» Bulger zumindest selbst (hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 1953).

Als er das erste Mal jemanden umbringt, erwischt James Bulger aus Versehen den falschen Mann. Eigentlich soll er, der wegen seines weissblonden Haars von allen nur «Whitey» genannt wird, einen Konkurrenten der Killeen-Brüder aus dem Weg räumen. Die irische Gang kontrolliert Ende der 60er Jahre den Süden Bostons. Bulger setzt als Enforcer die Interessen der Bande durch, notfalls mit Gewalt.

Nun soll er seinen ersten Auftragsmord begehen. Bulger stoppt sein Auto also neben dem Wagen eines Mannes, den er für einen rivalisierenden Gangsterboss hält, und schiesst ihm durch das Seitenfenster in den Kopf. Der Mann ist sofort tot. Nur dass es sich dabei nicht um Paul McGonagle handelt, Anführer der verfeindeten Mullens-Gang. Sondern um dessen jüngeren Bruder Donny – im Gegensatz zum älteren McGonagle ein unbescholtener Bürger Bostons.

Für Bulger ein «Disaster». Ihn plagt nicht das schlechte Gewissen. Ihn wurmt, dass er versagt hat. Seiner kriminellen Karriere tut die Verwechslung indes keinen Abbruch. Als es Jahrzehnte später zum Prozess gegen James «Whitey» Bulger kommt, ist er wegen 19-fachen Mordes angeklagt – elf Morde können ihm nachgewiesen werden. Dass er 2013 überhaupt verurteilt wird, gleicht einer Sensation: Bulger hatte sich den Behörden 16 Jahre lang entzogen und in Kalifornien unter falscher Identität gelebt. Auf der «Most Wanted»-Liste der USA wurde er zeitweise gemeinsam mit einem gewissen Osama Bin Laden geführt.

An diesem Dienstag hat einer der berüchtigtsten Gangster Amerikas nun ein Ende gefunden, das so gewaltsam ist wie das Leben, das er über weite Strecken führte: James Bulger wurde in einem Gefängnis in West Virginia von einem Mitinsassen getötet. Er sass dort eine doppelte lebenslängliche Freiheitsstrafe ab und war 89 Jahre alt.

Eine Vita, die sich liest wie ein Filmskript

Ein Hollywood-Regisseur hätte sich wohl keinen passenderen Tod für den betagten Berufskriminellen ausdenken können. Und tatsächlich war das Leben des «Paten von Boston» Inspiration für gleich mehrere Filme. 2006 spielte Jack Nicholson im oscarprämierten Film «The Departed» einen Gangster, der an James «Whitey» Bulger angelehnt war. In «Black Mass» aus dem Jahr 2015 wurde er von Johnny Depp porträtiert. Viel ausdenken mussten sich die jeweiligen Macher nicht – Bulgers Vita liest sich auch ohne Zutun wie ein Filmskript.

James Joseph Bulger wird am 3. September 1929 in Everett, nördlich von Boston, als Sohn irischer Einwanderer geboren. Sein Vater war als Jugendlicher unter einen Zug geraten und hatte einen Arm verloren. Wegen dieser Behinderung findet er nur schwer Arbeit, die Familie lebt in Armut. Als sie in ein soziales Wohnprojekt in Süd-Boston zieht, ist James acht Jahre alt und für seine Mutter und die Nonnen in der Schule bereits kaum zu bändigen. Wenn er keine Lust mehr hat, spaziert er einfach aus dem Klassenzimmer.

Mit 14 schmeisst James die Schule endgültig hin – etwa zur gleichen Zeit wird er zum ersten Mal von der Polizei abgeholt. Fünf weitere Festnahmen noch als Jugendlicher folgen, verurteilt wird James nie. Sein Vater verprügelt ihn regelmässig mit dem einen Arm, den er noch hat – aus lauter Frust über seinen missratenen Sohn. Das zumindest erzählt der später im Gefängnis.

Verpfeifen und schmieren, so kommt «Whitey» jahrzehntelang durch

Bald werden aus Regelverstössen echte, schwere Straftaten. 1955 raubt Bulger mit anderen Gangstern drei Banken in Boston aus. Im Jahr darauf wird er verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt – und das, obwohl er zwei seiner Komplizen an die Behörden verrät. Es ist das erste Mal, dass Bulger in offiziellen Akten als Informant auftaucht. Später wird er sich auf diese Art immer wieder der Strafverfolgung entziehen. Verpfeifen und schmieren, so kommt «Whitey» jahrzehntelang durch. Mit seinem Selbstbild als Gentleman-Gangster, der zwar kriminell, aber moralisch integer ist, hat das wenig zu tun. Im Prozess 2013 wird der berüchtigte Gangster nur einmal laut: als ihn ein ehemaliger Weggefährte als «Ratte» bezeichnet.

Während seines ersten Gefängnisaufenthalts lässt sich «Whitey» dazu überreden, für eine geringe Reduzierung seiner Haftstrafe bei einer LSD-Studie mitzumachen. Ihm wird gesagt, es gehe um die Suche nach einem Heilmittel für Schizophrenie. Tatsächlich erhofft sich die CIA im Kalten Krieg mit Gedankenkontrolle-Experimenten einen Vorteil über den Klassenfeind. Bulger leidet in der Folge Zeit seines Lebens unter Schlafstörungen.

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