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«Viele haben alles verloren – es tut weh»

In Manila fiel innerhalb von 48 Stunden so viel Regen wie sonst in einem Monat. Fast zwei Millionen Philippiner leiden unter den Überschwemmungen. Redaktion Tamedia sprach mit Betroffenen.

Sie holen, was nach der Flut noch übrig ist: Männer transportieren die Überreste ihres Hausrates durch die Strassen von Manila. (11. August 2012)
Sie holen, was nach der Flut noch übrig ist: Männer transportieren die Überreste ihres Hausrates durch die Strassen von Manila. (11. August 2012)
Keystone
Langsam fliesst das Wasser ab: Ein Junge geht über einen gefluteten Friedhof am Rande von Manila. (12. August 2012)
Langsam fliesst das Wasser ab: Ein Junge geht über einen gefluteten Friedhof am Rande von Manila. (12. August 2012)
AFP
Auf Vaters Rücken: Ein Helfer kümmert sich um einen Mann und dessen Tochter. (7. August 2012)
Auf Vaters Rücken: Ein Helfer kümmert sich um einen Mann und dessen Tochter. (7. August 2012)
AFP
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In und um Manila herrscht Ausnahmezustand: Inzwischen sind fast zwei Millionen Menschen von den schweren Überschwemmungen betroffen. Laut dem Chef des Zivilschutzes, Benito Ramos, stehen 60 Prozent der Stadtfläche unter Wasser, 300'000 Menschen mussten in Notunterkünfte fliehen. Ganze Stadtgebiete waren von der Aussenwelt abgeschnitten.

Vor allem die Armenviertel der 15-Millionen-Einwohner-Metropole sind von den Überschwemmungen betroffen. Nach offiziellen Angaben kamen in dieser Woche in Manila und Nachbarprovinzen mindestens 20 Menschen ums Leben. Schweizer sind keine betroffen, wie EDA-Sprecher Tilman Renz auf Anfrage sagt. «Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir keine Kenntnis von betroffenen Schweizer Bürgern. Die Schweizer Botschaft in Manila ist jedoch in ständigem Kontakt mit den lokalen Behörden und beobachtet genau, wie sich die Situation vor Ort entwickelt.»

«Schlaf ist ein Luxus»

Zahlreiche Leute sind derzeit im Hilfseinsatz vor Ort. Einer von ihnen ist Richard «Dick» Gordon, Chef des Philippinischen Roten Kreuzes sowie ehemaliger Tourismusminister und Kandidat der letzten Präsidentschaftswahlen. «Die Rettung der Betroffenen ist inzwischen fast abgeschlossen», sagt er im Gespräch mit Redaktion Tamedia. Jetzt gehe es vor allem darum, die Menschen mit Lebensmitteln, Kleidern und Decken zu versorgen. «Viele haben alles verloren. Es tut weh, all das Leid zu sehen.»

Gordon und seine Mitarbeiter waren seit Beginn der Überschwemmungen Tag und Nacht im Einsatz, führten Rettungsaktionen mit Gummibooten, Amphibienfahrzeugen und weiteren Transportmitteln durch. Betroffene riefen an, schrieben SMS und sprachen die Rettungsleute direkt an. An Ruhepausen war praktisch nicht zu denken. «Schlaf ist ein Luxus», sagt Gordon, trotz allem lachend. Zwischendurch ist er auch auf Facebook aktiv, informiert und motiviert die Bevölkerung mit Einträgen wie: «Das Rote Kreuz plant weitere Rettungsaktionen. Kämpft weiter, Philippinen!»

Handy aufladen, solange es Strom gibt

Mit Betroffenen vor Ort in Kontakt ist auch der Schweizer Reisejournalist Emil Hager, der zeitweise auf den Philippinen lebt. Gegenüber Redaktion Tamedia erzählt er von einer Bekannten, die ihm sagte: «Die ärmeren Leute haben alles verloren. Die Hütte ist unbewohnbar, sie sind untergebracht in Schulen, die als Evakuierungszentren umgenutzt wurden. Hausrat und Kleider sind nicht mehr da respektive unbrauchbar.» Die Frau bat Hager, wenn irgendwie möglich, Kleider aus der Schweiz zu schicken.

Weiter erzählte sie dem Schweizer: «Als sich die Überschwemmungen abzeichneten, empfahl die Regierung den Einwohnern, schon einmal ihre Handys aufzuladen für den Fall, dass der Strom ausfällt oder sie das Haus verlassen müssen.» Die Einwohnerin weiss allerdings auch von einer Person, die im Zusammenhang mit den Überschwemmungen an einem Stromschlag gestorben ist.

Aus den Überschwemmungen 2009 gelernt?

Hager erinnert sich an die Überschwemmungen von 2009, als der Taifun Ondoy übers Land fegte. «Sie waren noch schlimmer als die aktuellen.» Nach Ansicht des Schweizers wurde kaum etwas unternommen, um sich gegen künftige Fluten zu wappnen. Dabei regne es in der Taifunsaison fast jedes Jahr in einem vergleichbaren Ausmass wie in den vergangenen Tagen, so Hager.

Dorothy Delarmente, Stadträtin aus dem stark betroffenen Quezon City bei Manila, sieht das anders: «Die Leute lernten viel aus den traumatischen Erfahrungen von 2009», schreibt sie auf Anfrage. «Nach fast 500 Toten damals ist die Zahl heute massiv kleiner. Dies, weil die Bewohner in den anfälligeren, tiefer liegenden Gegenden früher mit dem Evakuieren begannen, teils sogar vor Beginn der Überschwemmungen.» Die lokale Regierung sei heute besser ausgerüstet, und die nationale Regierung – speziell der Rat für Katastrophen- und Risikomanagement und das Wetterbüro – hätte die Leute rechtzeitig gewarnt, was sie vom Wetter zu erwarten hatten. «So konnten sie sich entsprechend auf die Situation vorbereiten.»

«Das ist noch nicht einmal ein Taifun»

Nach Angaben von Dorothy Delarmente waren dieses Jahr gar fast 80 Prozent des Zentrums von Manila überflutet. «Teils ging das Wasser nur bis zu den Knöcheln, teils bis zu den Knien und manchmal leider höher als die Hausdächer.» Weil die Regenfälle aufgehört hätten, seien inzwischen diverse Gebiete wieder trocken. In anderen sei das Wasser langsam am Ablaufen. «Nach und nach kehren einige Einwohner in ihre Häuser zurück und beginnen mit dem Aufräumen», weiss die Politikerin.

Ein Mitarbeiter von TV5, einer bekannten TV-Station, berichtet von unterschiedlichen Fluthöhen. «Häuser stehen vor allem in Marikina, Pasig und Quezon City unter Wasser. Einige Leute sagen, dass es noch schlimmer kommen könnte als 2009 während des Taifuns Ondoy. Denn diesmal haben wir noch nicht einmal einen Taifun, sondern lediglich normale Monsunregen, die ausser Rand und Band geraten sind.»

So verheerend die Auswirkungen der Überschwemmungen sind – vielen Betroffenen ist das Lachen offenbar doch nicht vergangen, wie Emil Hager meint. «Ich finde es erstaunlich, mit welchem Humor die Leute das alles meistern.»

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