Wegen dieser Zeichnung schickte Rios Bürgermeister die Polizei los

Man müsse diesen Marvel-Comic in «schwarzes Plastik einpacken», sagt Marcelo Crivella und sandte seine Beamten los.

Dieses Bild schockte den Bürgermeister von Rio de Janeiro. Foto: Instagram/jimcheungart

Dieses Bild schockte den Bürgermeister von Rio de Janeiro. Foto: Instagram/jimcheungart

Christoph Gurk@gurk_christoph

Es war früher Nachmittag, als am vergangenen Freitag uniformierte Beamte die Stände der Internationalen Buchmesse von Rio de Janeiro durchkämmten. Sie waren auf der Suche nach Büchern mit «unangebrachtem» Inhalt, allen voran einer Ausgabe der Comicreihe «Avengers – The Children's Crusade». Darin geben sich die beiden homosexuellen Superhelden Wiccan und Hulkling einen Kuss, vollbekleidet wohlgemerkt, und eher romantisch als erotisch.

Dennoch war die Szene für Marcelo Crivella, Bürgermeister von Rio de Janeiro, wohl ein Schock. Am Donnerstag wandte er sich in einer Videoansprache an seine Twitter-Follower. Man müsse solche Bücher in «schwarzes Plastik einpacken», erklärte er, mit einem Warnhinweis darauf, schliesslich seien sie eine Gefahr für die Jugend.

Als Gegenreaktion veröffentlichte die grösste Tageszeitung Brasiliens die Abbildung der sich küssenden Comic-Helden auf ihrer Titelseite.

Historisch gesehen ist das alles andere als neu, geschweige denn sehr einfallsreich. Schon in den Fünfzigerjahren protestierten konservative Lehrer und Politiker in den USA gegen den angeblich verderblichen Einfluss der bunten Bildergeschichten auf die Jugend. Seitdem sind aber ein paar Jahrzehnte ins Land gegangen, Comics und Graphic Novels gehören längst zur Pop- und teilweise Hochkultur, nicht nur in den USA, sondern auch in Brasilien.

In dem südamerikanischen Land ist dazu auch noch seit rund sechs Jahren die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt, die Bücher sollten also kein Grund zur Aufregung sein, doch ultrakonservative politische Kräfte sind in Brasilien auf dem Vormarsch. Zu ihnen gehört Präsident Jair Bolsonaro, der laut eigenen Aussagen lieber einen toten als einen schwulen Sohn hätte, aber eben auch Rios Bürgermeister.

Januar 2017 ist er Stadtpräfekt der Millionenmetropole am Zuckerhut. Diesen Posten hat er vor allem auch seinem Onkel zu verdanken, Edir Macedo, einem ehemaligen Lotterielosverkäufer, der die Igreja Universal do Reino de Deus gegründet hat, eine von Brasiliens einflussreichsten Pfingstkirchen, mit eigenen Radiosendern, Fernsehkanälen und Verlagen. Die Glaubensgemeinschaft hat beste Verbindungen in die Politik. Erst vor ein paar Tagen hat sich Brasiliens Präsident öffentlich an der Seite von Kirchengründer Macedo gezeigt.

Der Bürgermeister: ein Ex-Missionar

Rios Bürgermeister war selbst lange in der Kirche seines Onkels aktiv, als Prediger und Missionar. Allein Gott habe die Welt erschaffen, glaubt Crivella, Schwangerschaftsabbrüche seien Sünde und Homosexualität von Grund auf böse. Diese Weltanschauung kommt bei vielen seiner Wähler gut an, weshalb Crivella vergangene Woche wohl auf die Idee kam, gegen den Sittenverfall auf der Buchmesse von Rio de Janeiro vorzugehen.

Der Zuspruch hielt sich in Grenzen, dafür gab es aber einen Sturm der Entrüstung, von Kunstschaffenden genauso wie von Politikern und Staatsanwälten. Viele fühlten sich an die Zensur erinnert, die Brasiliens letzte Militärdiktatur bis 1985 ausübte. Es gab also Strassenproteste in Rio de Janeiro und ein gleichgeschlechtliches Kuss-Event. Die Folha de São Paulo, eine der grössten Tageszeitungen Brasiliens, druckte das Bild der knutschenden Superhelden aus Protest sogar auf die Titelseite.

Am Sonntag entschied nun der Oberste Gerichtshof, Crivella habe verfassungswidrig gehandelt. Seine Beamten hätten nicht das Recht gehabt, die Buchmesse zu durchsuchen. Gefunden haben sie dort ohnehin nichts. Nach Veröffentlichung von Crivellas Videoansprache war es zu einem Massenansturm auf die Comicstände der Messe gekommen. Innerhalb kürzester Zeit waren alle Exemplare der «Avengers»-Ausgabe ausverkauft.

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