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«Wir lesen in der Zeitung, dass so was in Bremen passiert - aber hier?»

In Niedersachsen tötete ein Vater seine vier Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Die Anwohner des Ortes Ilsede versammelten sich am Abend zu einem Gedenkgottesdienst. Die Menschen stehen unter Schock.

Die Mutter befand sich ausser Landes: Ermittler am Tatort in Ilsede. (15. Juni 2012)
Die Mutter befand sich ausser Landes: Ermittler am Tatort in Ilsede. (15. Juni 2012)
Keystone

Zu einer Gedenkandacht für die vier in Ilsede bei einer Familientragödie getöteten Kinder sind am Freitagabend Einwohner in die evangelische St. Nikolai-Kirche gekommen. Das etwa 170 Menschen fassende Gotteshaus war voll besetzt. Unter den Teilnehmern der Andacht, zu der Pastors Walter Faerber die Kirche geöffnet hatte, waren viele Kinder. «Wir trauern um Kinder, die zum Leben geschaffen waren und nicht zum Sterben», hiess es in einem Aushang an der Kirche.

Diese liegt nur wenige Strassen vom Wohnhaus der Kinder im Alter zwischen zwölf und fünf Jahren entfernt, die offenbar von dem 36 Jahre alten Vater getötet wurden.

Schüler und viele Mikrophone

Stunden zuvor: Kirchenglocken läuten irgendwo hinter den Reihenhäusern. Es ist 12.00 Uhr in Gross Ilsede, wo ein Vater seine vier Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren getötet haben soll. Ein Mann mit weissem Kittel und blauen Handschuhen kommt aus einem der Reihenhäuser und geht zu einem weissen Bulli mit Blaulicht auf dem Dach. In dem Fenster rechts über der Eingangstür hängt eine Sonnenblume aus Papier. Im Garten hinter dem Haus stehen eine Schaukel mit kleinem Baumhaus und zwei kleine Fussballtore. Dann verstummen die Glocken.

«Wir haben heute keinen Unterricht mehr», sagen sechs Teenager. Sie stehen auf der Strasse vor dem Haus, umringt von Kameras und Mikrofonen. «Alle Lehrer haben geweint», sagt eine Neuntklässlerin. «Die waren fix und fertig, es war das totale Chaos», pflichtet ihr eine andere bei. «Wir dachten, es wäre etwas mit der Dame aus der Cafeteria, die schon länger krank war», sagt sie. Zunächst habe ihnen niemand etwas gesagt. «Ich hatte richtig Angst, diese Ungewissheit», sagt sie. «Es sind nur Kinder, wie kann man die nur töten», bricht es aus einer ihrer Freundinnen heraus.

«Heute hätte sie ihr Zeugnis bekommen»

Das älteste der vier getöteten Kinder, ein zwölfjähriges Mädchen, ging auf ihre Schule. «Heute hätte sie ihr Zeugnis bekommen, es hätte sich entschieden, auf welche weiterführende Schule sie gekommen wäre», sagt der einzige Junge in der Gruppe. «Wir kannten sie vom Sehen», sagt er und verstummt. Ein anderes Mädchen beantwortet die Frage einer Reporterin. «Wir lesen immer in der Zeitung, dass so was in Hamburg oder Bremen passiert - aber hier?», sagt sie und blickt zu Boden. Nachdem die Teenager noch erzählt haben, dass auch der Abschiedsstreich der Zehntklässler abgeblasen worden ist, fallen den Reportern keine Fragen mehr ein.

Die Teenager stehen noch eine Weile im Kreis. Plötzlich fängt ein blondes Mädchen an zu schluchzen. Die Gruppe wird nervös, schnell gehen die Schüler davon. Es wird ruhig in der Wohnstrasse. Die Reporter stehen herum. Einige diskutieren ab und zu mit zwei Polizistinnen, dürfen aber trotzdem nicht näher an das Haus der Familie. Gegenüber kommt ein Mann mit schlohweissem Haar aus der Haustür. «Natürlich habe ich die Familie gekannt», sagt er. Er wimmelt ab, holt ein Schälchen Erdbeeren aus der Garage und geht wieder rein.

«So etwas kann man sich gar nicht vorstellen»

«Die Ruhe lügt einem etwas vor», sagt eine junge Frau mit langen blonden Haaren und einem zweijährigen Sohn an der Hand. «Wenn hier doch so etwas passiert», hebt sie an, aber spricht nicht weiter. Die 32-Jährige wohnt einige Strassen entfernt. «So etwas spricht sich schnell rum im Kreis», sagt sie. Eine Freundin sei am Vormittag «völlig aufgelöst» zu ihr gekommen. Der Vater, der nun nach einem Selbstmordversuch in einem Krankenhaus im Koma liegen soll, sei oft mit den vier Kindern auf einem Spielplatz in der Nähe gesehen worden. Nichts Auffälliges. «So etwas kann man sich gar nicht vorstellen», sagt sie und hebt ihren Jungen hoch. «Komm, wir gehen nach Hause», sagt sie im Weggehen.

Aus dem Haus kommen drei Männer in weissen Overalls. Die Kameraleute interessieren sie nicht. Sie streifen sich die blauen Überschuhe ab, die Handschuhe und werfen ihre weissen Schutzanzüge in den Bulli. «Das war ein Tag», sagt einer von ihnen zum Abschied zu den Polizistinnen. Die beiden bleiben weiter auf Posten.

dapd/kpn

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