Wer heiratet, wird ohnehin nicht Ärztin

Die Bosse einer Medizin-Uni in Tokio haben Ergebnisse von Aufnahmetests verfälscht, um mehr Männer zuzulassen. Angeblich, um einem Ärztemangel vorzubeugen.

Bloss eine Formalität: Die Interims-Bosse der Uni, Tetsuo Yukioka und Keisuke Miyazawa, entschuldigen sich mit tiefen Verbeugungen. Reuters

Bloss eine Formalität: Die Interims-Bosse der Uni, Tetsuo Yukioka und Keisuke Miyazawa, entschuldigen sich mit tiefen Verbeugungen. Reuters

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Eine private Medizin-Universität in Tokio hat ihre Aufnahmeprüfungen verfälscht. Dabei wurde die Punktzahl weiblicher Bewerber systematisch um zehn bis zwanzig Prozent reduziert. Mit der Manipulation, die seit Jahren lief, hielt das Rektorat den Frauen-Anteil der Studenten unter 30 Prozent. Eine Untersuchung durch unabhängige Anwälte hat den Skandal diese Woche bestätigt.

Die Untersuchung war angestrengt worden, nachdem aufgeflogen war, dass Masahiko Usui und Mamoru Suzuki, der Vorsitzende und der Präsident der «Tokyo Medical University» (TMU), einen Chef-Beamten des Wissenschaftsministerium bestochen hatten. Der Beamte hatte ihrer Uni eine staatliche Unterstützung von 35 Millionen Yen zugeschanzt, etwa 270'000 Euro. Dafür garantierten die Uni-Bosse seinem Sohn einen Studienplatz.

Der Deal war kein Einzelfall, Usui und Suzuki liessen in den vergangenen Jahren 18 Studenten, die «mit ihrer Uni verbunden waren», vermutlich durch Spenden ihrer Eltern, durch eine Hintertür zum Studium zu, so die Untersuchung. Ihre Punkte wurden massiv aufgebessert. Die Punktabzüge und -zuschläge waren in den Computer einprogrammiert, der die Examen auswertete. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen die zwei Uni-Bosse erhoben, der Beamte sitzt bereits in Untersuchungshaft.

Japans Medizinerinnen überrascht der Skandal kaum. «Es war immer klar, dass Frauen besser sein müssen, um gleich gut abzuschneiden wie die Männer», sagt eine Hausärztin, die anonym bleiben will. Sie vermute, die 1916 gegründete Hochschule sei nicht die einzige, die Ergebnisse verfälsche.

Berufstätige Mütter gelten als egoistisch

Usui und Suzuki haben sich Anfang Juli auf einer Pressekonferenz, wie sie in Japan nach einem fixen Muster ablaufen, mit langen tiefen Verbeugungen für die Bestechung entschuldigt und sind zurückgetreten. Damals behaupteten sie noch, bei dem zugelassenen Beamtensohn handele es sich um einen absoluten Einzellfall. Das Aufnahmeverfahren sei sonst nie manipuliert worden. Das ist nun widerlegt, Frauen wurden systematisch für ihr Geschlecht bestraft. Dafür verbeugten sich nun diese Woche die zwei Interims-Bosse der Uni, Tetsuo Yukioka und Keisuke Miyazawa, lange und tief. Doch das ist bloss eine Formalität.

In Japan erwarten Arbeitergeber, dass Frauen ihre Stelle kündigen, wenn sie heiraten. Oder spätestens, wenn sie mit dem ersten Kind schwanger sind. Obwohl das Gesetz Mütter schützt und ihnen Anrecht auf drei Monate Mutterschaftsurlaub gewährt, hat die grosse Mehrheit der Japanerinnen keine Chance, ihre Stelle zu behalten, wenn sie Kinder bekommen. Versuchen sie es trotzdem, werden sie oft rausgemobbt. Weil der Druck der Gesellschaft so gross ist, erwarten die meisten Mütter gar nicht, arbeiten zu können. Viele Japaner, oft auch die Schwiegermütter, werfen berufstätigen Müttern Egoismus vor.

Uni-Bosse rechtfertigen Manipulationen

Nach einer Babypause von einigen Jahren haben die meisten Japanerinnen dann keine Chance mehr, in ihren gelernten Beruf zurückzukehren. Der alte Arbeitgeber weist sie ab, zumal sie womöglich keine Überstunden machen wollen, da sie sich um die Kinder kümmern müssen. Dieser Druck ist in der Medizin nicht geringer als in anderen Branchen.

So landen selbst Akademikerinnen, die besser qualifiziert waren als ihre männlichen Kollegen, schliesslich in unqualifizierten Teilzeit-Jobs. Etwa an einer Ladenkasse. Erst in den letzten Jahren haben sich Aktivistinnen zu «Matahara» (Maternity Harassment) formiert, einer Bewegung gegen das Schikanieren von Schwangeren und Müttern.

Wie anonyme Quellen aus dem Umfeld der TMU in der japanischen Presse berichten, reagierten die zwei Uni-Bosse auf diese Entwicklung und griffen ihr voraus: Ärztinnen würden ohnehin bald aus dem Beruf ausscheiden, sollen sie ihre männerbündische Haltung gerechtfertigt haben. Ein hoher Frauenanteil unter den Studenten könnte deshalb zu einem Ärztemangel in den Krankenhäusern führen, die ihrer Hochschule angeschlossen sind.

Deshalb hätten sie die Aufnahmeprüfungen manipuliert. Im Falle mancher Bewerberinnen hätten die beiden auch in Erfahrung zu bringen versucht, ob sie Heiratsabsichten hätten. In Japan sind nur 20 Prozent der Ärzte Frauen, das ist der geringste Anteil der OECD (in der Schweiz 39), in Estland sind es 74 Prozent.

Wie die Untersuchung weiter festhielt, liessen Usui und Suzuki auch Männern heimlich Punkte abziehen, wenn diese die Aufnahmeprüfung nach einem Scheitern wiederholten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 21:33 Uhr

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