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Gegner des StaumauerprojektsProtestbesuch in der Trift

Das Vorfeld des Triftgletschers soll der Stromproduktion geopfert werden. Jetzt haben die Gegner des Staumauer-Projekts reagiert.

Mit einer Protestvisite bei der Triftbrücke wehrten sich Mitglieder des Triftkomitees gegen die «Opferung einer der letzten unberührten Landschaften der Schweiz für einen unsinnigen Stausee».
Mit einer Protestvisite bei der Triftbrücke wehrten sich Mitglieder des Triftkomitees gegen die «Opferung einer der letzten unberührten Landschaften der Schweiz für einen unsinnigen Stausee».
Hans Peter Roth

Die spektakuläre Triftbrücke? Würde von einer gigantischen Betonwand überragt. Das hundert Meter darunter in die Tiefe donnernde Triftwasser? Davon bliebe ein kümmerliches Restwasser-Rinnsal. Schon in zehn Jahren könnte dieses Szenario Tatsache sein. Dies, falls die Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) ihr Projekt Trift umsetzen sollte. Vorgesehen ist ein Speichersee und ein Wasserkraftwerk für die Stromproduktion.

Das Projekt, für welches die KWO 2017 das Konzessionsgesuch einreichte, würde am Ende des heutigen Gletscherrandsees – unweit von der Triftbrücke – errichtet. Die Oberkante der 177 Meter hohen und 25 Meter dicken Staumauer läge damit noch rund 12 Meter höher als das obere Ende der schräg ansteigenden Brücke.

Im Gegenwind

Genau deshalb bevölkerte am vergangenen Wochenende ein buntes Häufchen von Aktivistinnen und Aktivisten mit Fahnen und Bannern das Gelände bei der berühmten Fussgänger-Seilbrücke. Sie sind entsetzt, «dass diese grossartige, praktisch unberührte Gebirgs- und Gewässerlandschaft hinter einer gigantischen Staumauer versenkt werden soll». Katharina von Steiger hat die «Protestvisite in der Trift» mitorganisiert. «Die Trift geht uns alle an, sie ist ein Exempel für den Umgang mit neu entstehenden Gletscherseen, und wir müssen diese einmalige Hochgebirgslandschaft retten», sagt die Psychologin aus Meiringen.

So klein sich die Gruppe der Protestierenden vor dem monumentalen Hintergrund über dem Gadmertal ausnimmt, so einsam fühlt sich das dahinterstehende Triftkomitee in der politischen Landschaft. Der Angstbegriff «Stromlücke» und das Schlagwort «Energiewende» haben auch im Berner Grossen Rat Wirkung gezeigt. Mit grosser Mehrheit und vielen Stimmen aus dem linken und selbst dem grünen Lager hat das Kantonsparlament diesen Frühling der Konzession für den Speichersee zugestimmt.

«Wir müssen diese einmalige Hochgebirgslandschaft retten.»

Katharina von Steiger, Mitorganisatorin

Genügend Alternativen

Selbst grosse Umweltorganisationen fühlten sich durch die Energiewende genötigt, die Opferung bunter Alpwiesen, wilder Bachläufe, von Wald, einem natürlichen See und einem frischen, dynamischen Gletschervorfeld zu befürworten, bedauert von Steiger. Die Energiewende sei notwendig, betont sie, weil die Schweiz aus den fossilen Energien und aus der Atomenergie aussteigen müsse.

«Für die Deckung unseres künftigen Strombedarfs brauchen wir aber keine neuen Stauseen.» Es gebe genügend alternative Möglichkeiten, um die Energieverschwendung einzudämmen oder erneuerbare Energie umweltfreundlich und günstig zu erzeugen, so Katharina von Steiger weiter.

Mitglieder des Triftkomitees mit Protestbannern im Grimselgebiet.
Mitglieder des Triftkomitees mit Protestbannern im Grimselgebiet.
Hans Peter Roth

Gutachten verfasst

Ähnliches sagt Heini Glauser, während er den natürlichen, vom Triftgletscher zurückgelassen See überblickt. Der Energieingenieur hat zuhanden des Triftkomitees ein Expertengutachten verfasst. Darin kommt er zum Schluss, dass der Beitrag des Trift-Projekts an die gesamte Stromproduktion mit 0,25 Prozent nicht nur
«unerheblich», sondern auch «ökonomisch unsinnig» sei. «Mit dem Investitionsvolumen von 387 Millionen Franken lässt sich mittels neuer Fotovoltaikanlagen, etwa auf Dachflächen von Wohn- und Gewerbebauten, doppelt so viel Strom erzeugen.»

«Landschaftsnotstand»

Klimaschutz habe oberste Priorität, unterstreicht auch er: «Doch neue Stauseen in den letzten unberührten Naturlandschaften zu bauen, ist keine ‹Wende›, sondern altes Denken aus dem letzten Jahrhundert.» Über 90 Prozent des Wasserkraftpotenzials in der Schweiz werde bereits genutzt. «Davon betroffen sind insbesondere wertvolle Gebirgslandschaften, die unwiderruflich zerstört wurden.» Die wenigen verbliebenen Bäche und Flüsse, unberührten Täler und Gletschergebiete müssten erhalten bleiben. Nachdenklich steht Heini Glauser auf der Triftbrücke, die vielleicht schon bald von einer Betonsperre überragt wird, und fasst zusammen: «Wir haben keinen Energie-, sondern einen Landschaftsnotstand.»