Der Ü-70-Stammtisch für Frauen

Einmal pro Monat trifft sich in Thalwil eine Gruppe älterer Frauen, um über alles zu sprechen – ausser über Krankheiten. Nun haben sie einen Wunschzettel zusammengestellt. Er richtet sich nicht nur ans Christkind.

«Wir haben ein Recht darauf, dass man unsere Anliegen ernst nimmt»: Heidy Dierauer (Mitte), Initiantin des Stammtisches. Foto: G. Müller

«Wir haben ein Recht darauf, dass man unsere Anliegen ernst nimmt»: Heidy Dierauer (Mitte), Initiantin des Stammtisches. Foto: G. Müller

Helene Arnet@tagesanzeiger

Thalwil – Zwei haben geschummelt und sich älter gemacht, als sie sind. Sie wurden nicht aufgenommen. Dieser Stammtisch ist nur für Frauen gedacht, die über siebzig Jahre alt sind. Sie treffen sich einmal pro Monat an einem runden Tisch im Alterszentrum Serata, um über Themen rund ums Alter zu diskutieren. Kein Gesprächsstoff ist tabu – ausser Krankheiten. «Über Krankheiten kann ich mit dem Doktor oder dem Therapeuten sprechen», sagt Heidy Dierauer, die Initiantin dieses Über-70-Stammtisches.

Heidy Dierauer ist 88 Jahre alt, eine elegante Erscheinung, eine Dame von Welt. «Sagen Sie nicht Dame», kommt es wie aus der Pistole geschossen. «Ich bin eine Zürcherin, und hier sagt man Frau.» Also: eine Frau von Welt, eine resolute Frau von Welt. Sie war jahrzehntelang in der Modebranche tätig. Ihr Mann war der vor einem Jahr verstorbene Paul Gredinger, Mitinhaber der international erfolgreichen Werbeagentur GGK. «Nach dem Tod meines Mannes habe ich viel darüber nachgedacht, was ich vom Leben noch erwarte», sagt Heidy Dierauer. Und da sei der Wunsch aufgetaucht, sich mit Frauen auszutauschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie.

Diskutieren, nicht nur plaudern

Einem ersten Aufruf in der «Zürichsee-Zeitung» folgten über dreissig Frauen. Mittlerweile sind es etwa zehn, die sich am zweiten Dienstag des Monats um 10 Uhr am runden Tisch des Alterszentrums Serata treffen. Sie kommen aus der Umgebung, von Wädenswil, vom Hirzel, von Langnau, von Thalwil. Männer sind nicht zugelassen. «Nicht etwa, dass Sie schreiben, wir seinen männerfeindlich», sagen sie. «Aber Männer sprechen einfach anders und über andere Dinge.»

«Wir sind immer noch daran, uns kennen zu lernen», sagt eine aus der Runde. So ist noch nicht ganz klar, wie man sich anspricht: «Sie und der Vorname», schlägt Heidy Dierauer vor. «Das ist doch altmodisch, heute sagt man schneller du als früher», sagt eine andere. Ihr gefällt, dass hier nicht nur geplaudert, sondern richtig diskutiert wird. Denn die Teilnehmerinnen kommen aus verschiedenen Welten, ihre Biografien unterscheiden sich, ihre Meinungen auch. Einige haben Computer und Internet, andere schreiben lieber noch Briefe oder telefonieren.

Was sie verbindet: Sie erleben konkret, was es heisst, in unserer Gesellschaft alt zu werden. Und: Sie wollen nicht alles einfach so hinnehmen. «Wir haben Ideen und Anliegen und haben ein Recht, dass man diese ernst nimmt», sagt Dierauer, die sich selbst als «Rebellin» bezeichnet. Und schon setzt sich Heidy Dierauer ihre knallrote Lesebrille auf die Nase und zückt einen Zettel, auf dem sie von Hand geschrieben und mit Leuchtstift markiert jene fast vierzig Wünsche vermerkt hat, welche die Runde in den letzten Treffen zusammengetragen hat.

Der Wunschzettel geht von A wie Architektur bis Z wie Züri-Tram: die zu schmalen Treppenstufen, die den sicheren Stand gefährden. Die Türen in Tram und Bus, die zu schnell schliessen. Die Modebranche, die alte Frauen schneidet. An wen richten sich diese Wünsche? «Ans Christkind, natürlich.» Doch wenn Leute aus der Politik oder der Wirtschaft sie aufnähmen, sei es ihnen auch recht.

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