Rot, robust, Romands

Nächste Woche werden sie zu den höchsten Schweizern gewählt: Zwei profilierte welsche Sozialdemokraten.

Ständeratspräsident 2014/15 Claude Hêche (links) und Nationalratspräsident 2014/15: Stéphane Rossini. Foto: Büttner-Meienberg (Pixsil)

Ständeratspräsident 2014/15 Claude Hêche (links) und Nationalratspräsident 2014/15: Stéphane Rossini. Foto: Büttner-Meienberg (Pixsil)

Monsieur mag es auch mal provokativ

Er hat Milliarden übers Land verteilt und ganz nebenbei noch eine seltene Pferderasse mitgerettet. Und trotzdem trägt er einen Namen, der in der Deutschschweiz auch Politvernarrte allenfalls an Autonummern denken lässt. CH lauten die Initialen, und fast scheinen sie daran erinnern zu wollen, was Confoederatio Helvetica eigentlich meint: eine Konföderation, die in Biel, Grenchen und Basel nicht zu Ende ist. Claude Hêche, nächster Ständeratspräsident und erster Kantonsjurassier in diesem Amt, steht als CH symbolisch dafür, wie wenig wir über die Sprachgrenzen hinweg voneinander wissen. Seine Geschichte muss in der Deutschschweiz zuerst erzählt werden – besser noch deren drei.

Erstens die Geschichte von Hêche, dem Milliardenverteiler. Das, was man hier «Ochsentour» nennt, hat Sozialdemokrat Hêche innert dreier Jahrzehnte in einflussreichste Positionen gebracht. Geboren vor 62 Jahren, liess sich der gelernte Bauzeichner 1983 in das jurassische Kantonsparlament wählen. Weiter: ab 1985 Gemeindeexekutive von Courroux (wo er heute noch lebt), ab 1988 Gemeindepräsident, ab 1995 jurassischer Regierungsrat, seit 2007 Ständerat. Hier von 2011 bis 2013 Chef der Verkehrskommission und als solcher eine Art Choreograf der 6,4 Milliarden Franken umfassenden Bahnfinanzierungsvorlage Fabi. Fahren die Zürcher dereinst durch den Brüttenertunnel, dann gewissermassen auch mit Hêche-Antrieb.

Zweitens die Geschichte von Hêche, dem Pferderetter. Welches sein schönster Erfolg als Ständerat gewesen sei, wurde Hêche in einem Interview gefragt. Die Antwort war: das Nationalgestüt in Avenches. Dieses ist für die Züchter der traditionell-jurassischen Freiberger Rasse von grosser Bedeutung. Der Bundesrat hatte es vor vier Jahren wegsparen wollen. Dank einer Lobbyingoffensive unter Hêches Beteiligung wurde es gerettet. Mit der Schliessung wäre das «Herz des Jura» touchiert worden, sagte Hêche. Die Bindung von Ständeräten an ihren Kanton ist traditionell eng, aber Hêche und der Jura, das ist schon noch etwas Besonderes. Das Band zwischen ihm und dem Innenleben von Juras Gesellschaft erklärt seine Karriere. Ein Bühnenstar war er nie, immer diskret und zurückhaltend, «ich kenne meine Grenzen in Streitgesprächen», erklärte er einmal. Doch er ist mit Basketballclubs und Blasmusikkapellen verbandelt, man kennt ihn. Man mag ihn.

Drittens die Geschichte von Hêche, dem Politiker. Man kennt ihn, mag ihn – und verschätzt sich leicht in ihm. Hêche vergesse und verzeihe nie etwas, erzählt man sich in Westschweizer Journalistenkreisen, er sei nachtragend und dünnhäutig. Und schlau und zielstrebig ist er. Durch geschicktes Umgarnen der Parteispitze, so heisst es, habe er seine Waadtländer Kollegin Géraldine Savary ausmanövriert, die gerne Ständeratspräsidentin geworden wäre.

Zu Gast in der Separatistenstadt

Und ja, selbst der freundliche Monsieur Hêche kann provozieren und tut es auch, zum Beispiel am kommenden 26. November. Dann wird die Wahl zum Ständeratspräsidenten nach traditioneller Weise im Heimatkanton des Gekürten gefeiert – doch Hêche absolviert seinen ersten Auftritt ausgerechnet in Moutier. Die durch die Kantonsgrenze vom nahen Delsberg abgetrennte Stadt ist seit langem das Zentrum der bernjurassischen Separatistenbewegung. Eine bernfreundliche lokale SVP-Politikerin forderte die Stadtregierung dieser Tage dazu auf, gegen Hêches Auftritt zu intervenieren. Er sei kein Provokateur, kontert Hêche. «Das hat man bei Ständerats­präsident Filippo Lombardi auch nicht gesagt, als er nach seiner Wahl auf dem Weg ins Tessin zuerst in Altdorf auftrat.»

Apropos Lombardi: Wird Hêche auch so viel in der Welt herumreisen? «Man kann sich über die Zahl der Reisen streiten, aber wichtig sind sie», antwortet er. Vielleicht ist es dem freundlichen Monsieur Hêche zu gönnen, wenn er als Ständeratspräsident in der Deutschschweiz doch nicht allzu bekannt wird. Machte das Amt Schlagzeilen, dann zuletzt vor allem negative. (Fabian Renz)

Einer, der tut, was nur wenige wagen

Nie nimmt Stéphane Rossini ein Blatt vor den Mund. Schon gar nicht in ­«seiner Republik», dem Wallis. Und noch viel weniger, wenn er in seinem Kanton an einem Parteikongress der Sozialdemokraten auftritt, wie am letzten Wochenende in Mase im Val d’Hérens. Der 51-Jährige geisselte die Bezüge von Pierre-Marcel Revaz. Der inzwischen ­zurückgetretene Verwaltungsratspräsident der in Martigny domizilierten Groupe Mutuel soll im Jahr 2010 insgesamt 2,2 Millionen Franken Lohn be­zogen haben. «Solche Saläre sind eine Schande», rief Rossini aus. Sie zeigten exemplarisch, welch immense Geld­maschine das Gesundheitssystem sei.

Im Wallis wagen es nur wenige Leute die Stützen der einheimischen Wirtschaft, wie etwa die Groupe Mutuel, ­öffentlich infrage zu stellen. Wer es trotzdem tut, gilt rasch als Verräter und wird bei nächster Gelegenheit abgestraft. Nicht so Rossini. Seine Worte ­haben Gewicht. Seine Kenntnisse im Sozial- und Gesundheitswesen sind unbestritten. Das zeigt sich in seinen Wahlresultaten. 1999 wurde Rossini mit 15 000 Stimmen in den Nationalrat gewählt. Bei seiner letzten Wiederwahl 2011 erreichte er mit 28 300 Stimmen ein Glanzresultat, scheiterte dann aber in der parteiinternen Ausmarchung für die Nachfolge von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey.

Als Linker im CVP-Dorf

Doch die verpasste Wahl in den Bundesrat warf den 51-jährigen Dozenten für Politologie und zweifachen Familienvater nicht aus der Bahn. Im konservativen Wallis lernte er, seine sozialdemokratischen Ideale trotz erbittertem Widerstand hochzuhalten. Das lebte ihm sein Vater vor, der in der Gemeinde Nendaz, wo bis heute die CVP das Sagen hat, für die SP politisierte. Kinder von SP-Fa­milien seien in Nendaz als Aussenseiter­ ­behandelt und regelrecht geächtet ­worden, heisst es. Alt-Staatsrat Thomas Burgener (SP) sagt: «Das hat Stéphane Rossini geprägt und stark gemacht. Von Anfeindungen lässt er sich nicht ­be­eindrucken.» Eine lehrreiche Zeit ­erlebte er auch als Gymnasiast am tra­ditionellen Collège in Saint-Maurice, wo Rossini in den 80er-Jahren als Präsident der Jungsozialisten politisierte.

Die dicke Haut, die er sich in jungen Jahren zulegte, braucht Rossini heute. Als Befürworter der Zweitwohnungs­initiative machte er sich in Nendaz nur wenige Freunde. Doch die im Abstimmungskampf geäusserten Gehässigkeiten wurden dieses Jahr noch einmal übertroffen. Im Januar stellte er sich in Evolène einer Podiumsdiskussion zur Masseneinwanderungs-Initiative. Es war Rossinis einziger Auftritt in dieser Sache – doch einer mit Folgen. Er vertrat die ­Interessen der Initiativgegner, SVP-Nationalrat und Staatsrat Oskar Frey­singer jene der Befürworter. Rossini sagt im Rückblick: «Die Debatte war ­korrekt, aber ich habe an diesem Abend Hass ­gespürt.»

Todesdrohung gegen Familie

Am Tag nach der Annahme der Initiative bekam Rossini ein anonymes Schreiben. In dem in Neuenburg aufgegebenen Brief stand: «Das wirst du teuer bezahlen. Das wird nicht ungesühnt vorübergehen, du Schweinehund. Kleiner Rat: Umgib dich und deine Familie mit Bodyguards.» Rossini schaltete die Polizei ein. Den Vorfall will er nicht hoch­spielen. Natürlich hätten solche Angriffe auch eine entmutigende Wirkung. Aber er dürfe nicht aufgeben, sagt Rossini. Denn er engagiere sich für die Jugend und damit für die Zukunft des Wallis.

Am Montag wird ihn der Nationalrat zu seinem neuen Präsidenten wählen. «Eine Ehre, die mit einer grossen Verantwortung verbunden ist», sagt Rossini, der nach seinem Präsidialjahr zurücktreten wird. Bereits wird im Wallis über seine politische Zukunft spekuliert. Er gilt als Nachfolger für SP-Gesundheitsdirektorin Esther Waeber-Kalbermatten, sollte die Oberwalliserin bei den Staatsratswahlen 2017 nicht mehr antreten. Rossini bleibt vorsichtig. «Natürlich interessiert mich das Amt», sagt er. Doch vorerst bleibt er dem Wallis als un­erschrockener Kritiker erhalten. (Philippe Reichen)

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