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Armenhaus-Image nicht gerechtfertigt

WattenwilDas Armenhaus der Schweiz liegt westlich von Thun und heisst Wattenwil. Zu diesem Schluss kommt zumindest «Die Weltwoche». Beim Gemeindepräsidenten stösst diese Einstufung auf Unverständnis.

«André Bähler, haben Sie heute Morgen im Dorf schon Leute gesehen, die im Abfall nach Essensresten gewühlt haben?» Nein, der Gemeindepräsident von Wattenwil hat keine solche Beobachtung gemacht. Als fleissiger Zeitungsleser weiss er aber natürlich, warum der Journalist diese provokative Frage stellt: Gemäss einer Rangliste der «Weltwoche» ist Wattenwil die ärmste jener Gemeinden im Land, die mehr als 2000 Einwohner haben (vgl. Ausgabe von gestern). Doch nachvollziehen kann er diese Einstufung nicht. Um den Reichtum respektive die Armut einer Gemeinde zu erfassen, ging der Zürcher Immobilienspezialist Iazi im Auftrag der «Weltwoche» folgendermassen vor: Er nahm den Steuerertrag pro Einwohner im Jahr 2007 sowie die Immobilienpreise und deren prozentuale Veränderungen in den letzten drei Jahren. Keine detaillierten Zahlen «Wie viel Geld gibt Wattenwil pro Jahr für Mahlzeiten aus, die gratis an die Armen abgegeben werden?» Diese ebenfalls nicht ernst gemeinte Frage geht an Finanzverwalter Markus Jutzeler, der genau weiss, wie es in der Kasse der Gemeinde aussieht. «Null», sagt Jutzeler. Er sei «stärnsverruckt» gewesen, als er gestern Morgen die Schlagzeile gelesen habe. Die «Weltwoche» habe mit ihm nie über die Wattenwiler Finanzen gesprochen. Er möchte sich gegenüber dieser Zeitung nicht weiter äussern, ohne die genauen Zahlen zu kennen, aufgrund welchen die «Weltwoche» die Einstufung vornahm. Doch diese sind nicht greifbar: Weder in der Papier- noch in der Onlineausgabe sind sie aufgeführt. Gemeindepräsident Bähler mag sich indessen gar nicht gross echauffieren: «Sicher, wir sind nicht auf Rosen gebettet und haben mit 1658 Franken pro Person und Jahr tatsächlich keinen grossen Steuerertrag. Aber wir verhalten uns entsprechend und funktionieren als Gemeinde gut.» Die Schulden betragen derzeit acht Millionen Franken. Für eine Gemeinde dieser Grösse sei diese Belastung aber nicht aussergewöhnlich. Die Rechnungen hätten in den letzten Jahren jeweils besser geschlossen als budgetiert – ein Zeichen dafür, dass Wattenwil haushälterisch mit seinen Ressourcen umgehe. «In letzter Zeit haben wir pro Jahr durchschnittlich eine Million Franken für Instandhaltung oder Sanierung der gemeindeeigenen Strassen und Liegenschaften aufgewendet. Jetzt sind wir in dieser Hinsicht à jour.» Für André Bähler ein weiteres Zeichen, das gegen den Armenhaus-Status spricht. Wenig Geld aus Filag Ein weiteres Merkmal armer Gemeinden sind hohe Sozialausgaben. «Bei uns sind es etwa 40 Personen, die von den Sozialdiensten unterstützt werden.» Das entspricht drei Personen auf 200 Einwohner. Ein weiterer Fakt, der gegen die Armenhaus-These spreche, sei das Geld, das Wattenwil aus dem Finanzausgleich (Filag) beziehe. Wenn es um die Gemeinde dermassen schlecht bestellt wäre, müsste dieser Betrag höher ausfallen. «Wir sind glücklich und haben eine hohe Lebensqualität», resümiert Bähler und stellt die rhetorische Frage: «Wenn wir wirklich so arm wären, hätten wir dann nicht massive Probleme mit Jugendlichen?» Marc Imboden>

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