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Die wahren Helden

Tanja Frieden

Ich flitze durch den Maulbeerkreisel, schlängle mich zwischen den Menschen auf dem Fussgängerstreifen hindurch, parke mein Velo. Hopp! Bald 19 Uhr, noch schnell ga poschte. Vor mir ein Mann im Rollstuhl, er meistert gerade den Randstein und konzentriert sich darauf, sich einen Weg durch die Leute zu bahnen. Ich schenke ihm einen bewundernden Blick und verlangsame meine Bewegungen. «Tanja, slow down sei bewusster!», sage ich mir. Im Geist bin ich augenblicklich sechs Monate zurückversetzt: Februar, die Schweizer Schneedelegation fliegt an die Olympischen Spiele in Vancouver. Just an diesem Tag nehme ich meinen Rollstuhl in Empfang, welcher mich die nächsten drei Monate begleiten wird, bis meine gebrochenen Knochen und die beiden Achillessehnenrisse wieder verheilt sind und ich laufen kann. Ein Schock für mich! Doch ich hatte als Spitzensportlerin früh gelernt, mit Niederlagen umzugehen; das half mir in dieser Zeit enorm. Meine Rolli-Zeit ist mir jetzt, ein halbes Jahr später, eigentlich recht kurzweilig in Erinnerung; vor allem weil der Tag schnell ausgefüllt war. Aufstehen und duschen: zwei Stunden, Frühstück machen: eine Stunde. Danach ausruhen. Bis ich mit dem Bus am Bahnhof in der Physio und wieder zu Hause war, war der Tag gelaufen, und meine Füsse wollten Ruhe. Meine Erfahrungen in dieser Zeit, mit einer Behinderung den Alltag zu meistern, sind prägend, ich könnte ein Buch füllen. Dankbar bin ich, den Stuhl wieder verlassen zu können, und voller Bewunderung und Verständnis für die wahren Helden, die den nicht immer behindertengerechten Alltag leben. Hier einige Beispiele, die zum Denken anregen können. Öffentlicher Verkehr, mit Krücken im Bus: Wer weiss, was der wahre Berufswunsch einiger Buschauffeure in Thun ist? Professioneller Bowlingspieler! Es scheint, einige Herren machen sich ein Spiel daraus, vom Bahnhof bis an den Endpunkt ihrer Route möglichst ein Baabeli zu machen. Auf gut Deutsch: möglichst viele Leute im Bus fast oder ganz umfallen sehen Ich dachte immer, meine Mutter, die nicht so gut zu Fuss ist, übertreibe masslos, wenn sie davon spricht, manchmal Schiss vor dem Busfahren zu haben. Vor allem beim Aussteigen sei es auch manchmal schlimm. Als ich dann meinen Kopf zuerst zwischen den Klapptüren hinaus ziehen und mich umdrehen musste, um den Öffnungsknopf zu bedienen, meine Krücken ein zweites Mal fasste und beim zweiten Schritt meine Schultern aus den wieder zugeklappten Türen ziehen musste, wusste ich nicht recht, ob ich zornig sein oder lachen sollte Mutti, jetzt weiss ich, was du meinst! Es gibt zum Glück aber auch die enorm hilfsbereiten Chauffeure! Überhaupt: Top 3 der hilfsbereiten Leute waren in dieser Zeit ältere Menschen, Mütter und – ich will sie höflich nennen – Randgruppen unserer Gesellschaft. Das gibt mir zu denken. Samstag in der Stadt mit Rollstuhl: Meinen vollen Einkaufssack an der Rückenlehne gehängt, rolle ich die Berntorstrasse runter. Da dieses Trottoir keine Ausnahme bildet, ist es «abhältig» Richtung Strasse wie alle anderen auch ich habe es jedoch diesmal unterschätzt und sause über den Randstein, holpernd auf dem Kopfsteinpflaster balanciere ich auf einem Rad, bevor ich mitten auf der Strasse zum Stehen komme Adrenalin einmal anders! Der Bahnhofplatz ist ein wahrer Hindernisparcours! Die meisten Randsteine sind nur für geübte Rollstuhlfahrer, da gehörte ich nicht dazu. Nach dreimaligem Drehen und Anlaufnehmen weichen mir die geschäftigen Samstagsshopper genervt, aber gekonnt aus. Das Geschehen verfolgte eine junge Mutter im Auto und ruft mir zu: «Ja hilft dir de niemer?» Nein, heute nicht, morgen vielleicht wieder Ich hoffe es. Nächste Aufgabe in der Bahnhofunterführung: Vor dem Runterrollen spricht mich eine Frau an, ob ich diejenige sei mit dem Audi by Swiss Ski vor dem Haus und ob der gut laufe Nickend beantworte ich die interessante Frage und meine dann: Da wir ja anscheinend Nachbarn seien und sie auch in diese Richtung laufe, könnte sie mir helfen, die Rampe raufzukommen. Oh leider nein sie habe einen schlechten Rücken. Okay, nächstes Mal werde ich ihr meine Fahrräder zeigen, das bringt Linderung. E-Mail: redaktion-tt@bom.ch >

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