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«Es gibt ein Leben ohne die Mühle»

Die Mühle Hunziken verliert ihr Aushängeschild: Der Spiezer Peter Burkhart (69) alias «Mühli-Pesche» hängt nach über 30 Jahren seine roten Schuhe an den Nagel (siehe gestrige Ausgabe). Der Besitzer des Kulturlokals übergibt die Leitung seinem Sohn Thomas sowie dem Thuner Bluesmusiker Philipp Fankhauser und dessen Bruder Christoph. Burkhart selber wandert aus.

Peter Burkhart, schon lange machten Gerüchte die Runde, Sie würden der Mühle Hunziken den Rücken kehren. Warum haben Sie sich genau jetzt zum Rücktritt als Betreiber des Kulturlokals entschieden? Peter Burkhart: Gestern Abend, am 23.Juni, fand das letzte Konzert unter meiner Leitung statt. Vor 23 Jahren lernte ich meine Frau Pia kennen, sie ist 23 Jahre jünger als ich. Sie sehen, ich habe einen kleinen Zwang, was Zahlen angeht. Ich habe die Mühle an meinem Geburtstag, dem 28.Mai, übernommen und am vergangenen 28.Mai meine Kündigung eingereicht. Wie sieht die Zukunft von «Mühli-Pesche» ohne Mühle aus? Ich bin jetzt 69 und habe das Gefühl, mir läuft die Zeit davon. Jetzt habe ich noch die Möglichkeit, herauszufinden, wer ich bin, abgesehen von «Mühli-Pesche». Ich will mir selber auf die Schliche kommen. Ich bin ein typischer Zwilling, in meiner Brust schlagen zwei Herzen: Zum einen werde ich immer Heimweh haben nach der Mühle Hunziken, zum anderen habe ich Fernweh. Fernweh? Man sagte doch, Peter Burkhart sei noch nie im Ausland gewesen. Das stimmt, ich war 38 Jahre lang nie in den Ferien. Im Januar haben Pia und ich uns einen Camper gekauft und sind nach Paris gereist. Von da aus führte unser Weg zu Freunden, nahe an die spanische Grenze. Am 7.Tag dieser Ferien habe ich gemerkt, dass ich in diesem kleinen Dorf, wo Ruhe das Leben beherrscht, bleiben will. Nun habe ich ein altes, zerfallendes Bauernhaus gekauft. Das werden wir renovieren, und in diesem wollen wir leben. Muss das Auswandern sein, damit Sie wirklich loslassen können? Ich hatte nie geplant, auszuwandern. Doch ich habe geahnt: Wenn es mir irgendwo gefällt, dann bleibe ich da. Die Distanz zu Rubigen muss sein. Würde ich mich ins Seeland zurückziehen, würde ich jeden Abend auf die Uhr schauen und mir überlegen, ob ich mich ins Auto setzen und nach Rubigen fahren soll. Und ich will nicht als alter, verwirrter Mann um die Mühle schwirren und allen auf den Nerv gehen. Wird man «Mühli-Pesche» denn nie mehr in der Mühle Hunziken antreffen? In den nächsten Monaten wollen wir unsere Ruhe haben und endlich die Zeit zu zweit geniessen. Zuallererst werden wir ausschlafen. Ganz zurückziehen werde ich mich nicht. Meinen Nachfolgern stehe ich immer mit Rat zur Seite. Wenn die neue Saison beginnt, werde ich sicher das eine oder andere Konzert besuchen. Sie verlassen die Mühle Hunziken also mit Wehmut? Natürlich. So sehr ich mich auf mein neues Leben freue, so gross ist auch die Trauer und die Angst. Loslassen tut immer weh. Ich war ja über 30 Jahre mit der Mühle verheiratet. Pia, die Mühli und ich haben jahrelang eine Dreiecksbeziehung geführt. Die nächste Zeit gehört nun ausschliesslich Pia und mir. Ihre Nachfolge werden Ihr Sohn Thomas, Philipp Fankhauser und dessen Bruder antreten. Warum Fankhauser? Fankhauser und ich sind Seelenverwandte. Wir leiden beide an Selbstüberschätzung und Grössenwahn. Und wir sind beide besessen, von dem, was wir tun. Das hat dazu geführt, dass wir jahrelang zerstritten waren (siehe Kasten, Anmerk. der Red.). Wie gesagt, ich bin an einem Punkt, an welchem ich mein Leben aufräumen will. Dazu gehörte auch, mich mit Philipp zu versöhnen. Ich habe ihn gefragt, ob er sich engagieren will. Kann die Mühle überhaupt weiter bestehen ohne Sie? Der Konkurrenzkampf unter den Klubs ist hart heute. Als ich vor über 30 Jahren angefangen habe, da gab es nur das Bierhübeli und die Mahogany Hall. Heute spriessen die Klubs nur so. Aber meine Nachfolger haben einen wichtigen Vorteil: Sie sind zu dritt. So können sie ein Leben neben dem Klub führen. Deshalb ja, ich glaube an die Zukunft der Mühle Hunziken. Eigendynamik tut der Mühle gut. Mein Sohn muss nicht zum «Mühli-Thömu» werden. Welche Erlebnisse aus den vergangenen über 30 Jahren bleiben für Sie unvergessen? Ich kann Ihnen keine Namen nennen. Ein eindrückliches Konzert ist keine Frage des grossen Namens. Auch bei jungen, unbekannten Musikern mit einer Handvoll Zuschauern habe ich unvergessliche Momente erlebt. Ich will ja nicht nostalgisch klingen, aber: Heute wollen die Leute hauptsächlich grosse Namen. Ich glaube, sie sind mit Musik überfüttert. Werden Sie mit einem speziellen Akt Ihr Amt als «Mühli-Pesche» abgeben? Ja, aber das mache ich für mich alleine, ohne Zuschauer. Ich werde einen Nagel in einen Balken in der Mühle schlagen und meine roten Schuhe, die ich immer trage, an diesen Nagel hängen. Sie sind ein eigenwilliger Querkopf, der oft aneckt. Erinnern Sie sich an eine Auseinandersetzung, die Sie nicht vergessen? Langzeit- oder Kurzzeitgedächtnis? Was vor kurzem war, hab ich vergessen, ich werde alt. Nein, im Ernst. Ich hatte Streit mit einem Freund, weil er für einen Politiker als Wahlhelfer fungierte, Aber ich sage nicht, für wen. Welche Klänge werden Ihr Bauernhaus in Frankreich erfüllen? Vorerst keine. Nach 3000 Konzerten habe ich das Bedürfnis, die Stille der französischen Pampa zu geniessen. Dann, am 3.Dezember spielen I Solonisti in der Mühle. Sie spielten ihr erstes Konzert in Rubigen. Aha, der «Mühli-Pesche» geht Rubigen also doch nicht ganz verloren. Die Mühle Hunziken ist mein Herzblut, mein halbes Leben. Loslassen braucht Zeit. Aber es gibt ein Leben ohne die Mühle. Interview: Annina Hasler undAnnatina Foppa>

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