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«Für die anderen bin ich vielleicht ein Monster»

schachDas norwegische

Welches ist Ihre Lieblingsfigur? Magnus Carlsen: Ich habe keine Lieblingsfigur. Entscheidend ist, dass alle Figuren einzigartig und in Harmonie zusammenarbeiten. Haben Sie im Fussball einen Lieblingsspieler – den Norweger «Mini» Jakobsen etwa, den ehemaligen Publikumsliebling von YB? Klar kenne ich «Mini» Jakobsen, sein Markenzeichen war doch der Salto nach einem Tor. Ich habe ihn einmal getroffen. Wie die meisten Fussballinteressierten in Norwegen unterstützte ich zuerst Rosenborg Trondheim. Heute ist Real Madrid, die Königlichen, mein Lieblingsklub. Sie werden wegen Ihrer kreativen Spielweise mit Lionel Messi verglichen. Stört Sie der Vergleich – er spielt bekanntermassen bei Reals Konkurrent Barcelona? Ja, der Vergleich stört mich. Es gibt viele andere gute Fussballer, die gut kombinieren können und kreative Lösungen finden. Messi ist ein vorzüglicher Spieler, keine Frage, aber er spielt im falschen Team. Roger Federer sagte nach seiner Niederlage im Halbfinal des Australian Open 2008 gegen Novak Djokovic, dass er ein «Monster» geschaffen habe, von dem man verlangt, dass es jedes Turnier gewinnt. Zuvor hatte Federer acht der letzten zehn Grand-Slam-Finals gewonnen. Sind Sie für Ihre Gegner auch ein «Monster»? Für die anderen bin ich vielleicht ein Monster (schmunzelt). Seit ich die Weltnummer eins bin, spüre ich, wie meine Gegner mit grossem Respekt, ja fast mit Ehrfurcht am Brett sitzen. Oft fehlt ihnen die nötige Aggressivität, sie gehen vorsichtiger vor als noch vor einem Jahr und versuchen in erster Linie, Fehler zu vermeiden. Sie sind erstmals als Nummer eins der Welt in Biel am Start. Wie haben Sie sich vorbereitet? Vor dem Turnier war ich mit meiner Familie eine Woche in Zermatt in den Ferien. Dort habe ich mich auf meine fünf Gegner vorbereitet und darauf geachtet, viel an der frischen Luft zu sein. Eine gute körperliche Verfassung ist Voraussetzung, um erfolgreich Schach zu spielen. Welches Ziel verfolgen Sie in Biel? Ich will aggressiv spielen – und nicht wieder von der Bühne stürzen. Vor drei Jahren war ich, in Gedanken versunken, herumspaziert und auf einen Grossmeister gefallen, der unten im Saal am Openturnier mitspielte. Zum Glück habe ich niemanden verletzt. Eine Niederlage der Weltnummer eins wird stets als Sensation betrachtet. Eine solche Verlustpartie geht um die Welt. Spielen Sie in Biel mit dem letzten Risiko? Ja, das habe ich bewiesen (Carlsen hat bis gestern dreimal gewonnen und einmal remis gespielt, die Red.). Der Druck ist grösser geworden, alle wollen mich schlagen. Ich spiele Schach, um zu gewinnen. Ich mag es nicht, wenn ich meinen Gegnern zu einem unvergesslichen Sieg verhelfe. War die Zusammenarbeit mit Garri Kasparow, dem vermutlich besten Spieler der Geschichte, das letzte Mosaiksteinchen, um die Nummer eins der Welt zu werden? Vielleicht hätte ich es auch allein geschafft. Garri Kasparow hat aber zweifellos meinen Horizont erweitert. Er ist einer der wenigen Menschen, die Schach ebenso gut verstehen wie ich. Die Kooperation mit ihm hatte auch einen psychologischen Vorteil: Einige meiner Gegner waren eingeschüchtert, als sie hörten, dass ich mit Kasparow zusammenarbeite. Holen Sie sich immer noch Rat bei Kasparow? Wir pflegen nur noch losen Kontakt. Er hat mir jedoch seine Datenbank zur Verfügung gestellt. Dort hat es jede Menge unverbrauchter Ideen für Eröffnungen. Das ist enorm wertvoll. In der ersten Runde gegen Yannick Pelletier zauberten Sie im 15.Zug eine Neuerung aus dem Hut. Fanden Sie diesen Zug in häuslicher Analyse selber, oder half Ihnen der Computer dabei? (schmunzelt) Die Partie verlief sehr interessant. Pelletier überraschte mich als Erster, ich fand die Neuerung am Brett. Es war also «Hirnarbeit». Wenn man nur noch das macht, was einem der Computer vorschlägt, kann man nicht erfolgreich sein. Haben Sie gegen das stärkste Computerprogramm noch eine Chance? Eine einzelne Partie kann ich vielleicht gewinnen. In einem Wettkampf über zehn Runden bin ich aber chancenlos. Computer sind stärker als Menschen. Damit habe ich aber kein Problem. Für mich ist der Computer ohnehin nur ein Gerät, mit dem ich zu Hause gewisse Stellungen überprüfe. Sie verzichten als Weltnummer eins freiwillig auf einen möglichen WM-Kampf. Weshalb? Ich möchte nicht in die Details gehen. Ich kann mich einfach nicht motivieren, am WM-Zyklus teilzunehmen. Mir macht es viel mehr Spass, die Nummer eins der Welt zu sein und Turniere wie jenes in Biel zu spielen. Vielleicht werde ich mich in ein paar Jahren an einer Weltmeisterschaft beteiligen. (Carlsen konnte sich mit dem ständig wechselnden WM-Modus nicht anfreunden. Die Qualifikationsmatchs wurden vom Weltschachverband Fide nur über vier Partien angesetzt und damit stark dem Zufall ausgesetzt, die Red.) Haben Sie ein Leben jenseits des Schachs – oder ist das königliche Spiel Ihre Obsession? Ich liebe Schach, eine Obsession ist es aber nicht. Die Gefahr, in eine Parallelwelt abzurutschen, weil man den Bezug zur Realität verliert, besteht nicht. Nach einer Partie kann ich gut herunterfahren. So ging ich in Biel am Mittwoch mit Freunden Fussball spielen. In zwei Wochen wird Ihnen eine der höchsten Auszeichnungen Norwegens, der Peer Gynt Award, für Ihre Verdienste um das Land verliehen. Macht Sie das stolz? Ja, das macht mich stolz – gerade wenn man bedenkt, wer alles hätte gewinnen können: Künstler, Sänger, andere Persönlichkeiten. Es freut mich, meinen Sport in Norwegen bekannter zu machen. Ich bin glücklich, wenn ich sehe, wie Kinder beginnen, Schach zu spielen. Auch wenn ich auf der Strasse erkannt werde, gibt es in meiner Heimat populärere Sportler: Ich denke an den nordischen Skilangläufer Björn Dählie und die Skirennfahrer Lasse Kjus und Kjetil André Aamodt. Interview: Thomas WältiResultate/Rangliste Seite 20>

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