Zum Hauptinhalt springen

Übung macht den Glasbläser-Meister

Bald werden die Tannenbäume wieder mit

Eine dicke, glitzernde blütenweisse Schneeschicht liegt auf den zierlichen Häusern und der kleinen Dorfkirche auf blauem, rotem, grünem oder goldenem Grund. Ein bisschen kitschig sind sie schon, die Weihnachtskugeln und Windlichter – eben so, wie Weihnachten gerne dargestellt wird. Ein Stück heile Welt, etwas Ruhe und Geborgenheit mitten in der grauen Alltagshektik wird den Passanten im Schaufenster der Glasbläserei Retegan im Gwatt präsentiert. «Unser Schaufenster wird wahrgenommen. Immer wieder halten Automobilisten an und schauen sich in unserem kleinen Geschäft um», sagt Ibolya Retegan. Dabei ziehen nicht nur die Weihnachtskugeln, Sektkelche und Glasblüten die Blicke auf sich; auch das Haus der Familie Retegan selber ist eine Augenweide. Glas blasen statt töpfern «Wir konnten das Haus vor zwei Jahren kaufen und die ehemalige Töpferwerkstatt zum Ladenlokal und und zur Produktionsstätte für Glaskunst umnutzen», sagt Ioan Retegan. Das rumänische Ehepaar wagte damals einen Neuanfang. «Dabei war alles ganz anders geplant», erinnert sich Ioan Retegan. 36 Jahre lang arbeiteten er und seine Frau für Sarner Cristal, zuerst in der Innerschweiz, dann in Uetendorf. Auf einmal war Schluss: Das Unternehmen stand vor dem Konkurs, die Produktionshallen in Uetendorf wurden geschlossen. «Ich habe geweint wie ein Kind und mir geschworen: Ich werde weiterhin in Thun meinem Handwerk als Glasbläser nachgehen», sagt Retegan. Die Glasbläserkunst, das sei sein Leben, während seine Frau Ibolya sich einen Namen gemacht hat als Spezialistin für Glasmalerei. Sämtliche Ersparnisse hat die dreiköpfige Familie investiert, um im Gwatt einen Neustart zu wagen. Der Ofen, in dem früher Keramik gebrannt wurde, dient heute dem Schmelzen von Kristallglas, aus dem Ioan Retegan innert weniger Minuten Fische, Vasen oder Lilien zaubert, oft assistiert von seiner Frau. «Ich habe selber probiert, Glas zu blasen. Aber das wollte nicht so recht klappen», sagt Ibolya Retegan und lacht. Nun beschränke sie sich aufs Zureichen und auf die Glasmalerei oder das Ritzen. 1213 Grad Celsius herrschen im Innern des kleinen Ofens; um die enormen Temperaturen halten zu können, läuft der Ofen Tag und Nacht. «Ich würde viel mehr Energie verbrauchen, wenn ich jeden Tag von neuem auf über 1000 Grad heizen müsste», sagt Ioan Retegan, während er eine kleine Kugel aus Kristallglas auf einem langen Metallrohr in den Ofenschlund schiebt (vgl. Kasten). Die eigene Kugel blasen Eher zufällig hat der Rumäne eine Marktlücke entdeckt. «Als ich bei Sarner Cristal in Uetendorf gearbeitet habe, haben mich immer wieder Kinder gefragt, wie das funktioniere und ob sie nicht selber eine Kugel blasen dürften», sagt Ioan Retegan. Schliesslich habe er seine Vorgesetzten gefragt und die Erlaubnis dazu erhalten. «In Uetendorf konnten bis zu 480 Kinder am Tag ihre eigenen Weihnachtskugeln blasen», blickt er zurück. Im Gwatt ist das nun wieder möglich. «Egal, ob Kindergeburtstag oder Firmenanlass – 25 Personen können nach 90 Minuten alle je eine Kugel in der Farbe ihrer Wahl mitnehmen», erklärt er und fordert Journalistin und Fotograf zum Selbstversuch auf. Und tatsächlich formt sich aus dem kleinen, glühenden Klumpen Glas innert weniger Sekunden eine ebenmässige Kugel. Name als Baumschmuck Nach und nach werden auch die Farben erkennbar, die in Form von Oxidpulver eingebrannt werden. Rubinrot, dunkelblau, orange, hellgrün oder weiss – alles ist möglich. «Ich erkläre Schritt für Schritt, was zu tun ist, halte die Stange und drehe diese so, dass je nach Wunsch Kugeln oder Vasen entstehen», führt Retegan aus. Mit nassen Holzkellen und Metallzangen sorgt er für den letzten Schliff oder gewünschte Zierungen, lässt die Kugeln im Muffelofen langsam auskühlen und fertig ist das Wunderwerk. Ibolya Retegan schleift die scharfen Kanten ab, fügt die kleine Metallfeder ein und ritzt auf Wunsch den Namen des Glasbläsers oder der Beschenkten ein. «Es gibt Familien, da blasen alle Familienmitglieder ihre eigene Kugel und lassen diese mit ihrem Namen verzieren, um damit ihre Weihnachtsbäume zu schmücken», sagt die Glasmalerin. Doch das Geschäft läuft nicht nur in der Weihnachtszeit. «Wir arbeiten mit dem Gwatt-Zentrum und dem Campingplatz zusammen und haben so das ganze Jahr über Gruppen, die ihre eigenen Vasen oder Kugeln blasen», erklärt die Rumänin. Auch wenn der Schritt zur Selbständigkeit nicht geplant gewesen sei: «Es hat sich gelohnt. Wir würden es wieder wagen.» HeinerikaEggermann Dummermuth Die eigene Weihnachtskugel blasen: Montag bis Samstag, Glasbläserei Retegan, Spiezstrasse 41 im Gwatt, Tel. 0333456574. •www.privatepro.ch/neluroxi >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch