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36 Rappen für einen Ceausescu

Valentin Ceausescu, letzter noch lebender Spross des am Weihnachtstag 1989 nach kurzem Schauprozess erschossenen rumänischen Exdiktators Nicolae Ceausescu, verklagt das Bukarester Odeon-Theater. Dort wurde im Dezember mit viel Medienecho das Doku-Drama «Die letzten Tage der Ceausescus» aufgeführt, das im Januar auch in Bern zu sehen war. Regisseur des Stücks ist der in Berlin lebende Berner Milo Rau. In den 80er-Jahren wagte in Rumänien kaum jemand, den Namen des Diktators in den Mund zu nehmen. Wenn das ein unvorsichtiger Besucher aus dem Westen doch einmal machte, schauten sich einheimische Gesprächspartner reflexartig nach möglichen Ohren des Geheimdienstes Securitate um. Über zwanzig Jahre später will nun Ceausescus Adoptivsohn Geld, wenn «sein» Name «missbräuchlich» fällt. Rumänische Intellektuelle haben dafür gar kein Verständnis. «Das beweist, dass Schamlosigkeit kein Verfallsdatum hat», sagt Nicolae Manolescu, der Vorsitzende des Schriftstellerverbands, in der Zeitung «Adevarul» (Wahrheit). In dem Theaterstück gehe es «um den Diktator Nicolae Ceausescu, nicht um die Marke ‹Ceausescu›». Regisseur Radu Gabrea nennt den Vorgang «eine Dummheit» und stellt klar, dass Ceausescu «eine historische Figur» sei und daher selbstverständlich Thema von Theaterstücken und Filmen sein dürfe. Tatsächlich hat Valentin die Marke «Ceausescu» vor eineinhalb Jahren schützen lassen – zusammen mit Mircea Oprean, dem früheren Mann der verstorbenen Ceausescu-Tochter Zoe. Angeblich um zu verhindern, dass Ceausescu verhöhnt wird. Nicht mit einer Klage rechnen müssen dagegen jene Unentwegten, die letzte Woche neben Ceausescus Grab in Bukarest und in dessen Geburtsort Scornicesti wie üblich mit viel Pomp und Lärm den Geburtstag ihres Idols gefeiert haben – diesmal den 92. Empfindlicher mag der Markenschutz jene unbescholtenen rumänischen Bürger treffen, die zufällig Ceausescu heissen – und die nur schon deshalb Anspruch auf Schadenersatz haben müssten. Gemäss «Adevarul» leben in Rumänien derzeit allein 35 Menschen namens Nicolae Ceausescu. Und die dürften also ihr Geschäft oder ihre Produkte – ob Getränk, Spielzeug oder Kosmetika – nicht so nennen, wie sie heissen. Das «Schlimmste», das dem Odeon-Theater oder dem Team von Milo Rau blühen kann, ist die Zahlung des von Valentin Ceausescu geforder-ten «symbolisch-moralischen» Schadenersatzes von einem Leu – nach gestrigen Kurs 36 Rappen. So viel muss ein Despot vom Schlag eines Ceausescu schon wert sein. Oder man bringt den Fall vor die nächste Gerichtsinstanz. Nicht «nur» um der Symbolik willen.Andreas Saurer >

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