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Als das Oberland noch «unberührt» war

TodestagEr hat das Berner Oberland erwandert und es begeistert, oft humorvoll-

Von seinen ausgedehnten Fahrten und Wanderungen im Alpenraum und im südlichen Nachbarland hat Josef Viktor Widmann (J.V.W.) immer wieder und ausführlich erzählt – in Artikeln der Tageszeitung «Der Bund», deren Feuilleton er von 1880 bis zu seinem Tod am 9.November 1911 leitete – und in sechs Büchern. Das letzte dieser Art erschien 1907 bei Huber, Frauenfeld, und trägt den Titel «Du schöne Welt!». Darin berichtet J.V.W. unter anderem von seinen Erkundungen in den Berner und Waadtländer Alpen, von der Grimmialp und vom Winter in Kandersteg. «Acht bis zehn Tage sind zu einer Erholungsreise völlig ausreichend, besonders, wenn man diese Zeit mit Fussgängerei zubringt», rät J.V.W. seinen Lesern, «drei, vier Wochen lang anhaltend Fusstouren ausführen ist nicht ratsam. Denn die sich summierende Ermüdung macht schon nach kurzer Zeit dumm.» Indianerreservat Diemtigtal? «Übrigens ist Dummheit eine Himmelsgabe, die sich allenfalls auch einmal zu Anfang einer Reise einstellen kann», gesteht J.V.W. danach ein. «Ich hatte vor, von Spiez nach Erlenbach zu fahren und von dort über Grimmialp nach der Lenk im Obersimmental hinüberzuwandern, setzte mich jedoch in den nach Frutigen zur Abfahrt bereitstehenden Zug.» Ins Kurhaus Grimmialp kam J.V.W. wenig später dennoch; und nach diesem Aufenthalt notierte er: «Fast möchte ich auf die Frage ‹Was ist die Grimmialp?› antworten: eine ‹Indianerreservation› für Schweizer.» Und dann: «Die Sommerlogiergäste finden sich von Jahr zu Jahr zahlreicher ein, sodass mancher Eingeborene angesichts dieser Völkerwanderung sich mit Verlegenheit nach einem stilleren Plätzchen umsieht, wo er selbst mit Weib und Kind ohne die nicht immer erwünschte Zugabe des geräuschvollen grossstädtischen Reisepublikums einen seinen einfachen Neigungen entsprechenden Sommeraufenthalt nehmen kann.» Winterliches Kandersteg Einer kleinen gelben Hahnenfussblüte aus dem Gasterntal, die er «in ein Anhängsel meiner Uhrkette, einen gläsernen Schneewittchensarg, legte», hatte J.V.W. versprochen, wieder nach Kandersteg zu kommen, «wenn alles in Eis und Schnee starrt». Wohl im Winter 1905/1906 löste J.V.W. das Versprechen ein: Von der Bahnendstation Frutigen aus fuhr er «im offenen Schlitten, den uns Herr Viktor Egger vom Hotel Viktoria in Kandersteg entgegengesandt und vorsorglich mit reichlichem Pelzwerk und Decken und sogar mit einer Wärmflasche ausgerüstet hatte, um zwei Uhr nachmittags in die beschneite Landschaft hinaus». Widmann traf in Kandersteg «in diesem Jahre noch ein in winterliche Stille gebettetes Dorf an» und rühmte, «dass mir diese verhältnismässige Unberührtheit der eingeborenen Bevölkerung von der touristischen Winterfrischlerei einen besonders angenehmen Eindruck machte». Aber: «Das kommt nun freilich anders, nachdem die Lötschbergbahn nicht nur beschlossen, sondern ihr Bau bereits in Angriff genommen ist . Mag man auch die Berechtigung dieser wichtigen Bahn voll anerkennen , so kann man sich doch einer wehmütigen Empfindung nicht erwehren bei dem Gedanken, dass wieder eines der schönsten Hochtäler unseres Alpenlandes des idyllischen Charakters nun auf immer beraubt ist.» Grimselpass: Punkt 1496 Auf diesen Punkt, den bewaldeten Felshügel südlich des Hotels an der Handegg, machten Gerhart Wagner (Stettlen) und Jakob Saurer (Innertkirchen) im Band 65/2008 der «Mitteilungen der naturforschenden Gesellschaft in Bern» aufmerksam. Sie befassten sich mit zwei prähistorischen Rutschungen im Berner Oberland – dem Ballenberg und der Widmannshöhe an der Grimsel. Sie zitieren dabei einen Feuilletonbeitrag, den Widmann im August 1911 – drei Monate vor seinem Tod – im «Bund» publiziert hatte: «Seit ich anlässlich einer Herbstwanderung über die Grimsel vor fünf Jahren das seitwärts der Poststrasse auf einem kleinen Hügel gelegene Hotel Handeck in all der Annehmlichkeit erfahren hatte, wollten Wunsch und Hoffnung, hier einmal für längere Zeit zu Gast zu sein, nicht mehr aus dem Herzenswinkel schwinden .» Weil er die Grimsel ein gutes Vierteljahrhundert vor Beginn der Kraftwerkbauten erwandert hatte, konnte J.V.W. noch schwärmen: «Dazu das wilde Rauschen der Aare, die nur hundert Schritt unterhalb des Handeck-Hotels den gewaltigen, donnernden Fall bildet, der einer der schönsten der ganzen schweizerischen Alpenwelt ist.» «Hinter dem Hause, durch einen tannenbewachsenen Hügel von der Poststrasse völlig abgeschieden, zieht sich in anfänglich sanfter Steigung ein weiter grüner Wiesenplan hinan», schrieb Widmann und fügte hinzu: «Alpenrosen konnte ich in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes wenige Minuten oberhalb des Gasthofes auf dem bereits erwähnten Hügel pflücken, den ich den Zypressenhügel nannte, weil die tiefschwarzen und oben scharf zugespitzten Tannen, die seinen Gipfel krönen, aus einiger Entfernung gesehen an jenen Baum des Südens erinnern.» Laut Wagner und Saurer ist diese Erhebung im Ortsnamensverzeichnis der Haslitalgemeinden als Handegghubel verzeichnet, die Landkarte 1:25000 führt sie als Widmannshöhe auf. Brauchte Widmann – so wie es die Kraftwerke Oberhasli heute tun – die Ortsbezeichnung Handeck, so ist auf dem Kartenblatt «1230 Guttannen» ausschliesslich die gg-Schreibweise zu finden: Handegg, Handeggli, Handegglauenen, Handeggstäfelti. André Hug>

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