Anfang und Ende des Rössli-Trams

Mürren

Der Bau einer Pferde-Rollbahn vor 125 Jahren verlieh dem Bergdorf einen Hauch grossstädtischen Flairs. Da anfänglich ohne Konzession unterwegs, musste deren Betrieb für kurze Zeit wieder eingestellt werden.

Der Wagen des ehemaligen Mürren-Trams heute in der Bahnstation Mürren. Foto: Hans Heimann

Der Wagen des ehemaligen Mürren-Trams heute in der Bahnstation Mürren. Foto: Hans Heimann

Die Anreise aus Lauterbrunnen nach Mürren wurde 1891 mit der Eröffnung der Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren (BLM) um vieles erleichtert. Die neue Bahn löste im Bergdorf eine richtige Bauwelle aus: Ein Hotel nach dem anderen wurde gebaut.

Im Mai 1874 eröffnete das im Schweizer Holzstil gestaltete Kurhaus Grand Hotel des Alpes. Die Besucherschar wurde immer mehr zu einem grossen blaublütigen Stelldichein. Es wimmelte von Prinzen, Fürsten, Baronen, Lords und Grafen.

Um seinen vornehmen Gästen eine noch komfortablere Reise zu bieten, liess Hotelier Sterchi 1893 durch die Firma Oehler aus Wildegg eine Rollbahn von seinem Hotel zum Bahnhof der Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren erstellen.

Das Rössli-Tram unterwegs mit drei Damen mit Hut vom Bahnhof Mürren zum Grand Hotel des Alpes. Foto: zvg

Ohne Bewilligung

Da er aber versäumt hatte, ein Konzessionsgesuch einzureichen, musste er den Bahnbetrieb wieder einstellen. Vor 125 Jahren, am 13. April 1894 stimmte die Bundesversammlung seinem Konzessionsgesuch zu, und der Bundesrat erteilte die Betriebsgenehmigung.

Von da an wartete Hotelier Sterchi jeweils mit dem «Tramway Mürren» beim Bahnhof auf seine eintreffenden Gäste. Die einspurige Rollbahn wies mit 50 Zentimeter die schmalste Spur aller schweizerischen Eisenbahnen mit eidgenössischer Konzession für Personenbeförderung auf.

Sechs Kilometer pro Stunde betrug die Höchstgeschwindigkeit, die Streckenlänge 455 Meter, und die Fahrt dauerte sieben Minuten. Gezogen wurde der achtplätzige Personenwagen, hergestellt in Paris, von einem Pferd. Zum Rollmaterial gehörten auch zwei offene Gepäckrollwagen, die von Hand gezogen oder gestossen wurden.

Krise beendete Bahnbetrieb

Während der Sommersaison wurden täglich drei bis fünf Fahrten ausgeführt. Die einfache Fahrt kostete 30 Rappen pro Person, was damals etwa dem Stundenlohn eines Arbeiters entsprach. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 blieben die Touristen aus, und die Rollbahn stellte den Betrieb ein. Erst als sich die Verhältnisse im schweizerischen Tourismus ab 1923 wieder normalisiert hatten, rollte das «Mürrener Rösslitram» wieder.

Die Weltwirtschaftskrise 1931 traf den Schweizer Tourismus hart und bedeutete nach 20000 transportierten Passagieren das endgültige Aus der Bahn. Die zwei Gepäckwagen blieben für immer verschollen, der Nostalgiewagen wurde aber 1941 im Schuppen eines Bauern wieder entdeckt.

Rückkehr nach Mürren

Vier Jahre später wird gleichzeitig mit der Schliessung des Hotels auch die Konzession gelöscht. Der Tramwagen wird dem Verein des Verkehrshauses der Schweiz in Luzern geschenkt und 1950 aus Mürren abtransportiert. Die Gleise blieben unbenutzt und wurden in den 1960er-Jahren bei Strassenbauarbeiten entfernt.

Der durch die SBB-Werkstätte in Meiringen restaurierte Wagen stand bis 1982 im Verkehrshaus der Schweiz. Zehn Jahre später wurde der Personenwagen wieder an seinen ursprünglichen Einsatzort zurückgeführt und erinnert seitdem im Bahnhofgebäude der BLM, auf einem Stück des originalen Geleises von 1893 stehend, als Leihgabe des Verkehrshauses an die Entwicklung des Tourismus im Bergdorf.

Berner Oberländer

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