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Auf den zweiten Blick

Dick eingemummt, mit schweren Winterstiefeln an den Füssen und einer Tasche unter dem Arm, steht eine Dame älteren Jahrgangs auf die Gepäckwaage am Bahnhof Lenk. Für einige Sekunden bleibt sie still stehen, bewegt sich zuerst leicht nach links, dann nach rechts, den Blick immerzu auf die Anzeige gerichtet. Da gibt es nichts zu machen, nichts daran zu rütteln, nichts daran zu ändern: Die Kilogrammzahl ändert sich auch durch ihre Verlagerungen des Gewichts nicht. Auch dann nicht, als die Frau mit dem Zeigefinger die Zahl berührt, die ihr Gewicht anzeigt. Ich gebe es zu, die Situation hatte etwas Gemeines an sich: Nicht nur sass ich beim Beobachten der Frau bereits im warmen, wartenden Zug, sondern biss gerade genüsslich in ein «Schoggistengeli». «Um mit sich zufrieden zu sein, muss ein Mensch auch mal alleine sein», erzählte mir Karl Keller, seit 25 Jahren Leiter des Jugendskilagers an der Lenk, vor einigen Wochen. Sich selber – nicht nur den eigenen Körper, der zu dieser Jahreszeit oft ein paar Kilos zu viel wiegt – auszuhalten und in der Stille des Alleinseins Fragen zu stellen, die im Lärm des Alltags oftmals untergehen, ist nicht einfach. Sich ablenken, jemanden anrufen, viel arbeiten, an die nächste Party gehen, den Fernseher anschalten, die Musik aufdrehen und emsig die Agenda mit Terminen füllen, hingegen schon. Eine schwangere Freundin hat nach dem Blick auf ihre Waage der Zahl keinen Glauben geschenkt, das Gerät kurzerhand weggeschmissen und sich ein neues gekauft. Die Zahl ist – auch auf den zweiten Blick – indes die gleiche geblieben. Manchmal ist die eigene kleine Welt – wenn auch erst auf den zweiten Blick – vielleicht genau so gut, wie sie sich uns gerade zeigt: dies trotz den paar Extra-Kilos im Januar, der Sehnsucht nach Veränderungen zum Jahresbeginn, der gelegentlichen Lust auszubrechen, wenn der Himmel verhangen ist und uns die Kälte schon vor der Haustür durch Mark und Bein geht. Ist sie es trotzdem nicht, kommen die Antworten vielleicht beim zweiten, festen Blick auf die Waage – oder aber in der Stille des Alleinseins. s.fogal@bom.ch>

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