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Baronesse und Bohémienne

Barbara Meyer Cesta erhält heute Abend für ihr Projekt «about blood I–V» den Frauenkunstpreis 2009. In ihrem Atelier erzählt sie, wie aus virtuellen Blutspritzern Kunst wird.

Cuk schläft und hat keine Lust, sich umzudrehen, wenn Besuch kommt. Die rothaarige Katzendame macht auch sonst, was ihr passt rund um das Bieler Wohnatelier von Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner: zum Beispiel Mäuse fangen, die dann von Steiner fotografiert und zu einer Serie verarbeitet werden, die bei manchen Betrachtern heftige Abscheu hervorruft. Die Arbeit wurde prämiert, aber mittlerweile von Youtube im Internet zensuriert. «Man wird gern missverstanden, wenn man ernsthaft Kunst macht», kommentiert Meyer Cesta die Anekdote. «Wir machen vielschichtige Sachen, die den Betrachter verstricken sollen, und keine rein ästhetische oder Wohlfühlkunst.» Pferd am Kirchturm Mit «wir» meint sie sich und ihren Lebenspartner Rudolf Steiner, mit dem sie seit 1997 unter dem Label «Haus am Gern» mit Aktionskunst für Schlagzeilen sorgt. 2008 liessen sie in Wabern ein aus Weide geflochtenes Pferd an einen Kirchturm hängen und spielten so auf ein Abenteuer des Lügenbarons Münchhausen an. Dabei wollten die beiden nicht einen Skandal provozieren, sondern Irritation erzeugen. Genau das beabsichtigt Barbara Meyer Cesta auch mit ihrem Projekt «about blood I–V», das schon länger existiert und das sie nun dank dem mit 10000 Franken dotierten Frauenkunstpreis vollumfänglich realisieren konnte. Ob es einen Kunstpreis für Frauen braucht, kontert Meyer Cesta kurz und knapp: «Ich habe nichts gegen Frauen.» Wer allerdings beim Stichwort Blut an «Frauenkunst» à la Pipilotti Rist denkt, die ihre Filmheldin in «Pepperminta» Menstruationsblut trinken lässt, liegt falsch. «Dieser Film ist eine Katastrophe», enerviert sich Barbara Meyer Cesta. Bei ihrer eigenen Arbeit löst Blut vielmehr eine ambivalente Assoziationskette aus. Die Serie besteht aus vermeintlichen Blutspritzern. Am Blut hat sie die kulturübergreifende Bedeutung gereizt. «Egal, wer man ist, man hat Blut.» Der Entstehungsprozess ist kompliziert: Meyer Cesta hat digitale Blutspritzer vergrössert und deren Konturen mit dickflüssiger chinesischer Tusche ausgemalt. Das Resultat liess sie fotografieren und mit Inkjet auf Japanpapier drucken. Die Vorlagen für die «Blutspritzer» stammen aus der Effektbibliothek einer Animationssoftware und werden eingesetzt, wenn virtuelles Blut spritzen soll. Vorlautes Kind Vom virtuellen Blut zur eigenen Herkunft: Die 1959 in Olten geborene Tochter eines Verlagsdirektors und einer adeligen Berlinerin war das siebte Kind einer ungewöhnlichen Familie. Der Ururgrossvater mütterlicherseits war der bekannte Maler der deutschen Romantik Julius Schnorr von Carolsfeld (1794– 1872), dessen Kinderbibel mit hundert Bildern bis heute in vielen Haushalten zu finden ist. «Das hat mich als Kind schon fasziniert. Dass man mit wenigen Linien so viel erzählen kann», erinnert sich die Absolventin der Hochschule der Künste in Bern. Auch dass ihre Mutter eine Baronesse war und somit auch sie blaues Blut hatte, übte als Kind eine gewisse Faszination auf Meyer Cesta aus. «Ich wurde dazu erzogen, zu sagen, was ich denke. Deshalb galt ich oft als vorlautes Kind.» Ein Müeti, das sei ihre Mutter auch mit 86 Jahren nicht. Die Berlinerin hatte den Krieg erlebt, und als am Ende die Russen kamen, musste sie sich verstecken und mitansehen, wie einer der Soldaten mit dem Stiefel in das Ölgemälde von Julius Schnorr trat, mitten in den nackten Po des mit dem Löwen kämpfenden Herkules. Heute hängt das Bild in einem Zimmer des Wohnateliers von Meyer Cesta, zwischen vielen angepinnten Notizen, gestapelten Büchern und der anderen Katze, die hier wohnt. Elmo, benannt nach einer fiktiven Stadt aus der Serie «Men in Trees». Helen LaggerAusstellung: bis 13.Februar, Galerie ArchivArte, Breitenrainstr. 47, Bern. Preisverleihung: heute, 18 Uhr, ArchivArte. >

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