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Basteln mit Fingerspitzengefühl

BlindenverbandSeit einem Jahrhundert nehmen der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) und allen voran die SBV-Sektion Bern auf ihrem Gebiet eine Vorreiterrolle ein. Ein Angebot der Berner ist das Atelier. Dort verwirklichen blinde und sehbehinderte Menschen ihre kreativen Ideen.

Willi Haaris (83) liebstes Arbeitsmaterial ist das Holz. Mit geschickten Händen leimt er Holzstücke zusammen, feilt, misst ab. Immer wieder gleiten seine Fingerspitzen über die Ecken und Kanten. Er arbeitet an einem Therapiebrett für einen Physiotherapeuten. Kaum zu glauben, dass Haari nur zehn Prozent davon sieht, was er macht. Die Zahlenangaben liest er mit einer Lupe ab; inzwischen klappe es zwar auch mit dieser nicht mehr gut. Trotz allem, das Gespür für Holz bleibt. Haaris erste Ausbildung war diejenige zum Schreiner. Im Raum nebenan bearbeitet Therese Bütikofer ein farbiges Filzknäuel. Mithilfe von Wasser und Seife soll daraus später eine Ente werden. Die 62-jährige Bernerin erlitt als junges Mädchen eine Netzhautablösung und ist seither blind. «Ich habe aus meinen ersten 15 Jahren durchaus noch Erinnerungen an die Farben», erklärt sie. So wählt sie diejenigen für die Ente selber aus. Höchstens mit Farben, deren Namen sie in ihrer Jugendzeit noch nicht kannte, tue sie sich schwer. So sind etwa Pastell- oder Neonfarben schwer vorstellbar für Bütikofer. Das Atelier gibt Tagesstruktur Holz und Filz sind nur zwei der Arbeitsmaterialien, die im Atelier Bern des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes zur Verfügung stehen (siehe auch Kasten). Daneben hat es in den grosszügigen Räumlichkeiten in der Nähe des Loryplatzes Staffeleien, Maschinen, um Speckstein zu schleifen, oder Wachs und Formen, um Kerzen zu giessen. Unter der Woche ist das Atelier, das auch Begegnungsstätte sein soll, ganztägig geöffnet. Dazwischen können die blinden und sehbehinderten Benutzerinnen und Benutzer völlig frei kommen und gehen. «Manche besuchen das Atelier monatlich, andere jeden Tag», erzählt Arbeitsagogin Lene Liechti. Und nicht alle suchen das Atelier aus den gleichen Beweggründen auf. Für einige seien das Malen oder die handwerklichen Tätigkeiten ein Hobby. «Doch für diejenigen, die nicht arbeiten, ist es eine Möglichkeit, eine Tagesstruktur aufrecht zu halten oder unter die Leute zu kommen.» Malen ist schwierig Bei Therese Bütikofer sind es drei oder vier Tage in der Woche, an denen sie das Atelier aufsucht. Die Freiheit, nur zu erscheinen, wenn sie Lust und Zeit hat, sei ihr sehr wichtig. Mit Filz arbeitet Bütikofer gerne. Malen liegt ihr weniger. «Das ist wirklich schwierig, wenn man vollständig blind ist. Ich überlasse es denjenigen, die noch ein bisschen etwas sehen.» Bei Materialien wie Filz oder Holz könne sie mit den Fingerspitzen alles ertasten, was Sehende mit den Augen erfahren. Beim Malen geht das nicht. Auch mit dem Speckstein arbeitet Bütikofer nicht gern. «Danach sind die Fingerspitzen sehr rau. Das ist nicht gut, ich brauche sie zum Spüren.» Willi Haari ist zwar nicht vollkommen blind, malen will er trotzdem nicht. «Solange ich kann, will ich mit Holz arbeiten.» Haaris Sehkraft begann sich 2004 in ungewöhnlichem Masse zu verschlechtern. Nach mehreren Untersuchungen zeigte sich, dass der Berner Oberländer an einer Makuladegeneration leidet. Therapierbar ist die Krankheit nicht, die Folge ist, dass Haaris Sichtfeld stark eingeschränkt ist und er an extremer Kurzsichtigkeit leidet. Lesen kann er schon lange nicht mehr, das tut seine Frau für ihn. Haari ist stolz, trotz der Sehbehinderung unabhängig zu sein: Ein bis zwei Mal in der Woche steigt er in Interlaken, seinem Wohnort, in den Zug und fährt alleine nach Bern, um dort seiner Leidenschaft, dem Holz, zu frönen. Annina Hasler>

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