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Bei Chemieunfall könnte es Tote geben

Die KVA Thun läuft seit der Inbetriebnahme vor gut sieben Jahren ohne grössere Zwischenfälle. Doch ein Restrisiko bleibt: Gemäss dem aktuellen Umweltverträglichkeitsbericht müsste bei einem Chemieunfall mit Toten und bis zu 60 Verletzten gerechnet werden.

Die Opposition gegen den Bau der KVA Thun war gross: Bei der Auflage des Projekts 1999 gingen Einsprachen mit insgesamt 3200 Unterzeichnern ein. 294 Beschwerden landeten schliesslich beim Bundesgericht, das diese im März 2001 jedoch ablehnte. Selbst der damalige Regierungsstatthalter Anton Genna wehrte sich mit einer Einsprache gegen das Projekt auf der Kleinen Allmend und stellte sich damit gegen den ihm vorgesetzten Regierungsrat. Grund für das ungewöhnliche Vorgehen: Für ihn war die Sicherheit nicht gewährleistet. Bei einem Brand im Kehrichtbunker und beim Auslaufen von Ammoniak müsste 300 Meter rund um die KVA sofort abgesperrt und evakuiert werden. «Diese Vorgabe kann in der Praxis niemals erreicht werden», erklärte Anton Genna damals. Er wies darauf hin, dass sich im gefährdeten Gebiet Kasernen, Kantinen, private Industriebetriebe mit Publikumsverkehr, aber auch öffentliche Strassen und die Allmend als Naherholungsgebiet der Stadt befinden. «Evakuierung nicht möglich» Im damaligen Umweltverträglichkeitsbericht zur KVA wurde die Wahrscheinlichkeit, dass ein mit Ammoniak beladener Lastwagen verunfallt, als sehr gering eingestuft. Deshalb sei das Risiko tragbar. Da war Genna anderer Meinung: Im Militärareal und dessen Umgebung sei es schon zu schweren Unfällen gekommen, die Wahrscheinlichkeit eines Verkehrsunfall mit Havarie eines Ammoniaktanks sei deshalb nicht vernachlässigbar. Auslaufendes Ammoniak könne zu einem grossen Fischsterben und einer Verschmutzung der Trinkwasserfassung im Aaretal führen. Seit der Inbetriebnahme der KVA Thun im August 2004 gab es jedoch keine Zwischenfälle dieser Art. Doch auch im neuen Umweltverträglichkeitsbericht (UVB), der im Rahmen der Änderung der kantonalen Überbauungsordnung von der Tensor Consulting AG in Bern ausgearbeitet wurde, werden die möglichen Störfälle detailliert beschrieben. Mit der Erhöhung der Verbrennungskapazität nehme das Risiko theoretisch zu. Per Lastwagen statt per Bahn Um das Risiko eines Unfalls zu minimieren, wurde in der damaligen Baubewilligung vorgeschrieben, dass die Anlieferung der giftigen Chemikalien wie Ammoniak und Natronlauge per Bahn erfolgen müsse. Da eine Bahnanlieferung machbar schien, wurde das Projekt entsprechend geändert und eine Entladestation mit Auffangwanne, Rückhaltebecken und Pumpleitungen zur KVA gebaut. Wie im UVB nun steht, stellte die Avag aber noch vor der Inbetriebnahme einen Antrag für die Anlieferung auf der Strasse. Grund: Die Bahnanlieferung hätte die Kapazität für Abfertigung der Kehricht-Bahncontainer «erheblich vermindert». Fazit: Seit nunmehr sieben Jahren werden die Chemikalien per Lastwagen angeliefert. Das sind pro Jahr 47 Gefahrentransporte (Zahl von 2009), mit der Erweiterung der Verbrennungskapazitäten könnten es künftig bis zu 55 sein. Statt wie bisher 310 Tonnen Ammoniak und Natronlauge würden künftig also bis zu 445 Tonnen angeliefert. Denn je mehr Kehricht verbrannt wird, umso mehr Chemikalien braucht es dazu. Diese werden für die Rauchgasreinigung und die Abwasserbehandlung benötigt. Mit einer Verfahrensumstellung und der Flugaschenwäsche habe der Verbrauch von Ammoniak und Natronlauge gegenüber der Annahmen im UVB von 1999 aber «erheblich reduziert werden können». Die Mengen seien gegenüber den Planungswerten um mehr als die Hälfte gesenkt worden, präzisierte Hans Ramseier von der Tensor Consulting AG. Beim Störfallszenario wurde das Auslaufen eines Zisternenwagens mit 23 Tonnen Chemikalien auf dem Containerumschlagplatz angenommen. Damit es zu einer Verunreinigung der Aare kommt, müssten laut UVB die Rückhaltevorrichtungen bei der Pumpstation, der KVA und der ARA versagen. Bei einem Auslaufen der Chemikalien entsteht aber auch eine giftige Gaswolke, die sich je nach Windlage verbreitet. «Bei ungünstigen meteorologischen Bedingungen können dabei bis zu einer Entfernung von ungefähr 100 Metern Konzentrationen auftreten, die zu ernsthaften Gesundheitsschäden führen», steht im UVB. Neben der Lache bestehe Lebensgefahr. Im schlimmsten Fall könne es zu ungefähr 60 Verletzten und einigen Todesopfern kommen. Der UVB kommt zu folgendem Schluss: «Wegen der sehr kleinen Eintretenswahrscheinlichkeit befindet sich das Szenario aber auch unter Berücksichtigung aller Unwägbarkeiten mit Sicherheit innerhalb des akzeptablen Bereichs.» Da im Bereich der Entladestation sehr langsam gefahren werde, sei das Risiko für eine schwere Kollision minim, ergänzte Ramseier. Der Hauptgrund dafür liege in der neuen Anlieferungsroute, die ab der Autobahn und der Allmendstrasse direkt zur Entladestation führe. Nicht untersucht wurde das Risiko eines Unfalls bei der Anlieferung ausserhalb des KVA-Geländes. «Dort liegt die Verantwortung bei den Strassenbesitzern und nicht bei der KVA», begründete Ramseier. Der heutige Regierungsstatthalter Marc Fritschi findet die Folgerungen im UVB plausibel. Das Risiko sei bekannt und bei durchschnittlich einem Chemietransport pro Woche überblickbar. « Da sind die Sicherheitsrisiken auf der Neat-Linie mit den täglichen Gefahrentransporten sicher grösser», so Fritschi.Roland Drenkelforth>

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