Bergtour als Meditation

Wildstrubel

In den kommenden Wochen haben die Bergführer Hochbetrieb. Wir begleiteten eine Gruppe während ihres Aufstiegs zum Wildstrubel.

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Bruno Petroni

Tagwache vor sechs, Abmarsch in der Dämmerung: Fünf Gäste vertrauen sich zur Winterbesteigung des Wildstrubels einem Bergführer an. Einem Bergführer, der schon 650-mal auf dem 3243 Meter hohen Gipfel gestanden ist und jeden Stein unter der fast vier Meter dicken Schneeschicht kennt: Christian Wäfler.

Die fünf sind Markus (55) und Mischa (45) aus dem Aargau, Juliana (34) aus Spiez und Kurt (51), der seiner Gattin Ursula zu ihrem 50. Geburtstag etwas ganz Besonderes bieten will. Letztere wollte an ihrem runden Geburtstag einfach nicht zu Hause im appenzellischen Heiden bleiben.

Übrigens: Da man traditionsgemäss in alpinen Kreisen untereinander per du verkehrt, seien hier bewusst nur die Vornamen aufgeführt. Bergsteigervergangenheit hat niemand des Quintetts.

Immerhin stand Stadtpolizist Markus schon auf dem Weissmies und dem Piz Palü, und Juliana blickt auf ein Annapurna-Trekking und eine Sustenhorn-Besteigung zurück. Sie und Kurt sind denn auch Mitglieder des SAC.

Bereits vor dem Aufbruch rät Christian dem Gruppetto, sich nicht allzu warm anzuziehen: «Eine alte Bergsteigerweisheit besagt, dass man beim Aufbruch leicht frösteln soll.»

«Enorme Glücksgefühle»

Geredet wird kaum ein Wort während des knapp dreistündigen Aufstiegs von der Lämmerenhütte bis zum Wildstrubelgipfel. An der Kälte kann es nicht liegen, denn die Temperatur liegt über dem Gefrierpunkt.

Jeder hängt bei der Bewältigung der 740 Höhenmeter seinen eigenen Gedanken nach. Aber welchen Gedanken? «Es sind ganz einfach enorme Glücksgefühle; ein wichtiges Puzzleteil für meine Zukunft», sagt Mischa, der dabei ist, nicht nur sein berufliches Leben neu aufzugleisen.

Für seinen Kollegen Markus vom Theaterverein Mägenwil, aber auch für Juliana hat der Aufstieg in der hochwinterlichen Landschaft viel mit Meditation zu tun. «Diese Ruhe da oben ist etwas, das du in der Zivilisation unten nirgends erleben kannst.» Und Geburtstagskind Ursula hat ganz einfach «eine pure Riesenfreude».

Selten so gute Fernsicht

Die Gipfelfreude auf dem Mittelgipfel ist intensiv – aber kurz, denn vom nahen Waadtland her bläst ein beissender Wind über den Wildstrubel. Doch es soll nicht beim einen Gipfel bleiben. Nein, Bergführer Christian will seine Gäste gleich noch zum gleich hohen Lenker Gipfel führen – eine zusätzliche halbstündige Grat­traversierung, die schliesslich mit einem Blick über den ganzen ­Plaine-Morte-Gletscher belohnt wird.

«Schon lange hatten wir nicht mehr eine so geniale Weitsicht wie heute. Dort unten könnt ihr sogar die Häuser von Martigny sehen», schwärmt Christian. Geduldig war der 53-jährige Lämmeren-Hüttenwart nicht nur im Aufstieg. In aller Ruhe zeigt er seinen Gästen sämtliche Berggipfel, die von hier aus zu sehen sind.

Ein bisschen Ausdauer

Dann steigt die Gruppe wie­der über den windgeschützten Wildstrubelgletscher ab Richtung Gemmipass, wo Christian seinen Gästen noch eine begeh­bare Eishöhle zeigt.

Was braucht es überhaupt für eine solche geführte Schneeschuhtour? «Eine gewisse Grundfitness ist sicher hilfreich. So sollte ein Teilnehmer in der Lage sein, problemlos eine fünfstündige Wanderung bewältigen zu können», sagt Bergführer Christian, der jeden Winter drei Schneeschuhtouren ausschreibt und Skitouren nur auf Anfrage führt.

«Die Nachfrage für Schneeschuhtouren ist grösser, weil dafür keine alpinistischen Kenntnisse nötig sind, während die ‹Skitüüreler› in der Regel eher auf eigene Faust losziehen und bereits etwas Erfahrung aufweisen.»

Diesen Frühling ist keine weitere Schneeschuhtour geplant; «aber auf Anfrage und bei guten Witterungsbedingungen ist eine solche jederzeit durchführbar, so Christian. Wildstrubel-Hochsaison ist für ihn aber vor allem in den Sommermonaten. Da bietet er die Strubel-Besteigung seit 26 Jahren jeden Donnerstag an.

Berner Oberländer

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