«20 Millionen reichen für den Bau»

Bern

Mäzen Hansjörg Wyss will dem Kunstmuseum Bern 20 Millionen Franken für einen Anbau bereitstellen. Ein überraschendes Geschenk – das Fragen ­aufwirft.

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1. Wie reagiert das Museum?«Wir sind elektrisiert von dieser Chance!», sagt Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern. Sie erfuhr am Freitagmorgen aus dieser Zeitung, dass der Berner Medizinaltechnikunternehmer Hansjörg Wyss dem Kunstmuseum 20 Millionen Franken für einen Anbau zur Verfügung stellen will. Die Spende ist an eine Bedingung geknüpft: Realisiert werden soll das Projekt «an_gebaut», das schon 2006 als Sieger aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangen ist. Zimmer garantiert: «Wir suchen nun so schnell wie möglich das Gespräch mit Hansjörg Wyss.»

2. Warum will Wyss 20 Millionen Franken spenden? Wyss will dem «fast zwanzig­jährigen Trauerspiel» um einen Erweiterungsbau «ein Ende setzen», sagt er. In «an_gebaut» sehe er nach wie vor ein wegweisendes Projekt, das den Altbau mit moderner Architektur verbinden würde. Bereits 2006 wollte Hansjörg Wyss das Projekt finanzieren. Doch es kam zum Bruch mit dem Museum, weil dieses das Projekt fallen gelassen hatte, ohne ihn darüber zu informieren.

3. Lässt sich das elfjährige Architekturprojekt einfach aus der Schublade holen? «Ja», sagt Architekt Cédric Bachelard des Basler Büros Bachelard Wagner Architekten. «Es ist im Bauwesen nicht unüblich, dass Projekte zehn Jahre schlummern, bevor sie realisiert werden.» Er geht davon aus, dass die 20 Millionen Franken, die Hansjörg Wyss ins Spiel gebracht hat, reichen würden für den Bau. Aber ist es denn noch zeitgemäss? «Das Projekt ist nach wie vor aktuell», sagt Bachelard.

4. Was sagt die Denkmal­pflege? Der Denkmalpfleger der Stadt Bern, Jean-Daniel Gross, äussert sich noch nicht zum Projekt. Wie die Museumsleitung erfuhr auch er erst gestern von Wyss’ Vorhaben und will sich nun erst einmal ein Bild machen. Letztlich ist es an Stadtpräsident Alec von Graffenried, die Einwände des Denkmalpflegers gelten zu lassen oder zu ignorieren. Auch er will sich noch nicht äussern.

«an_gesagt» wurde 2006 fallen gelassen, weil sich der damalige Denkmalpfleger Bernhard Furrer daran störte, dass die Rück­seite des Stettler-Baus verdeckt würde. Architekt Bachelard ist skeptisch, dass sich diese Meinung grundsätzlich verändert habe. In den letzten elf Jahren habe in der Denkmalpflegepraxis keine rasante Entwicklung stattgefunden. «Bauen in der Schweiz ist ein Kompromissakt», so Bachelard.

5. Was hält der Kulturminister von alldem? Regierungsrat Bernhard Pulver rät, diesmal die städtische Denkmalpflege früh einzubeziehen: «Sehr oft lassen sich Bedenken durch Anpassungen in den Bauplänen ausräumen.» Er freue sich natürlich über das Millionen­geschenk. «Der Moment stimmt, jetzt müssen wir zusammen ins Gespräch kommen.» Er biete dem Museum gern an, sich ebenfalls einzubringen – immerhin ist der Kanton Hauptsubventionsgeber des Museums. Nach mehreren missglückten Anläufen beim Anbau ist für ihn klar: «Die nächste Runde muss funktionieren.»

6. Falls der Bau realisiert wird: Drohen dafür Folgekosten für die öffentliche Hand? Klar: Mehr Ausstellungsfläche bedeuten auch höhere Betriebskosten. Es ist allerdings viel zu früh, abzuschätzen, ob das Kunstmuseum diese selber finanzieren könnte oder auf eine Subventionserhöhung angewiesen wäre.

7. Wofür braucht es den Anbau eigentlich? Das Kunstmuseum verfügt nicht nur über eine Sammlung, die Werke von der Gotik bis in die klassische Moderne umfasst, sondern auch eine umfangreiche Gegenwartssammlung. Angekauft wurden die Werke unter anderem durch die Stiftung Gegenwart, die ebenfalls durch Hansjörg Wyss ­finanziert wird. Zeitgenössische Werke sprengen aber oft den Rahmen klassischer Ausstellungsräume: Installationen, Videoarbeiten oder raumgreifende Skulpturen brauchen eine moderne, grosszügige und vor allem wandelbare Architektur. Da es im Berner Kunstmuseum, eröffnet 1879, an solchen fehlt, fristen die entsprechenden Arbeiten ein Depotdasein. Ein Anbau soll dies ändern.

8. Was geschieht mit dem ­Sanierungsprojekt? Vieles im Kunstmuseum ist veraltet, etwa die Klimaanlage. Derzeit evaluiert die Institution, welche Massnahmen am dringendsten zu treffen sind. Geplant ist eine Teilsanierung ab Sommer 2018. Diese ist nicht lange aufschiebbar – Anbau hin oder her.

9. Wann wird der Anbau eröffnet? Das weiss die Glaskugel. Eine Prognose zu wagen, wäre mutig. Und Regierungsrat Pulver gibt zu bedenken: «Das Museum muss das Geschenk erst einmal an­nehmen.»

Berner Zeitung

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