Bern

«Bern dürfte mutiger sein»

BernNach hundert Tagen im Amt zieht der Berner Stadtbaumeister Thomas Pfluger eine erste Bilanz. Er würde gern ein bisschen am musealen Charakter Berns rütteln, sagt er.

Thomas Pfluger im Februar beim Spatenstich für das Schulhaus Brünnen.

Thomas Pfluger im Februar beim Spatenstich für das Schulhaus Brünnen. Bild: Andreas Blatter

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Herr Pfluger, leben Sie immer noch in Olten oder sind Sie inzwischen nach Bern gezogen?
Thomas Pfluger: Ich lebe noch in Olten. Einerseits unterliege ich wie alle Kader meiner Stufe einer einjährigen Probezeit. Andererseits hängt dies mit unseren drei schulpflichtigen Kindern zusammen, die wir vorläufig nicht aus ihrem bestehenden Gefüge herausreissen möchten. Bei meiner Anstellung war dies offen so besprochen worden.

Dann ist es nicht so, dass der eigene Stadtbaumeister Bern nicht für lebenswert hält.
Auf keinen Fall. Bern ist eine faszinierende Stadt, auf die ich mich voll einlasse. Ich habe auch mein bisheriges politisches Engagement beendet, um mich ganz auf Bern konzentrieren zu können.

Apropos Politik: Wem stehen Sie näher? Dem SP-Stadtpräsidenten, dessen Direktion Ihr Amt angegliedert ist, oder dem FDP-Finanzdirektor und dem SVPler Fernand Raval an der Spitze von Immobilien Stadt Bern (ISB)?
Ich bin ein Kind der Mitte und sass in Olten für die CVP im Parlament. Ich finde es wichtig, dass die Mitte gestärkt wird. Man kann nicht bereits Lösungen haben, bevor man das Problem diskutiert hat. Genau das ist bei den peripheren Parteien aber oft der Fall. Links wie rechts gibt es Denkverbote, die vieles von vornherein verunmöglichen.

Wie politisch ist denn Ihr Amt als Stadtbaumeister?
Die Verwaltung kann sich nie der Politik entziehen. Ich will und darf als Stadtbaumeister aber keine Politik machen, sondern versuche, die Aufträge zu erfüllen, die der Souverän uns gibt.

Hat Sie in den ersten hundert Tagen etwas besonders überrascht?
Die Rückführung der Stadtbauten ist mit der Herausforderung verbunden, gewisse Vorbehalte loszuwerden, die dieser Institution immer noch anhaften. Ich glaube aber, dass uns dies bisher nicht schlecht gelungen ist.

Sie leiten neu die Projektkommission für die Sanierung des Stadttheaters. Wann kommunizieren Sie das nächste Modul, das abgespeckt werden muss?
Zunächst ist es sicher sinnvoll, dass ich als Stadtbaumeister in dieser Kommission dabei bin. Wir durchleuchten momentan intensiv die verschiedenen Module und sind ein rechtes Stück weitergekommen. Ich bin entsprechend zuversichtlich.

Eine andere grosse Kiste sind die vielen Schulhaussanierungen und -neubauten, die anstehen.
Genau. In Brünnen hatten wir dieses Jahr Baustart. Im Schulbereich kommt aber noch einiges auf uns zu, wie etwa das kürzlich gestartete Expressprogramm, um mit Modulbauten kurzfristig Platzprobleme lösen zu können.

Gerade die Schulhausprojekte führen Sie in fast alle Quartiere. Wie gut kennen Sie Bern?
Ich lebte während eines neunmonatigen Architektenpraktikums in Bern. Sonst wohnte ich schon in Chur, Zürich, Basel, Lausanne. Ich bin ein Städter und kenne die Schweizer Städte relativ gut. Bern hat sich aber in den letzten Jahren verändert, ich entdecke die Stadt neu. Das ist auch eine Chance gegenüber jenen, die Bern schon mit der Muttermilch eingesaugt haben und gewisse Dinge gar nicht erst infrage stellen würden.

Was sind neben Schulhäusern Ihre weiteren Grossbaustellen?
Einmal sicher die Verwaltungsbauten, die saniert werden und viel Koordination erfordern. Hinzu kommt der Entsorgungshof Schermen, wo es demnächst losgeht. Ein weiteres Projekt ist der neue Werkhof im Forsthaus West, für den bald ein Wettbewerb gestartet wird. Das Forsthaus ist eine bedeutende Einfahrtsachse, an der ein städtebaulicher Akzent möglich wäre.

Sind Sie nicht viel zu oft mit Schnittstellenproblemen in der Verwaltung beschäftigt?
Wenn überall Sand im Getriebe wäre, könnte dies der Fall sein. Dem ist aber nicht so: Wir führen mit unseren Partnern in der Stadtverwaltung einen konstruktiven Dialog. Meine Zwischenbilanz fällt sehr positiv aus.

Aber Berns Immobilienorganisation ist schon sehr komplex.
Ja, auch im Vergleich mit anderen Städten. Bei uns sind vier Direktionen vom Bauen betroffen, das ist ziemlich einmalig.

Ist Bern nicht langweilig für einen Stadtbaumeister? Weil die Stadt kaum Industriebrachen hat, können Sie nicht viel mehr tun als Schulhäuser sanieren.
Bern ist sehr spannend und überhaupt nicht langweilig. Vielleicht hat die Stadt einen leicht musealen Charakter, an dem ich gern ein bisschen rütteln möchte. Mehr noch als Brachen fehlen Bern private Investoren wie Novartis und Roche in Basel oder beim Maag-Areal in Zürich. Bern hat aber eine extrem hohe Wohnqualität. Ein architektonisches Zeichen müsste hier nicht so laut sein wie ein Prime Tower in Zürich. Aber ich glaube, dass auch Bern ein bisschen mutiger sein dürfte.

Wo sehen Sie Ausdrucksmöglichkeiten für diesen Mut?
Zum Beispiel im Wankdorf, wo es um grössere Volumen geht. Da gibt es den nötigen Spielraum. Mit dem mittelalterlichen Erbe in der Aareschlaufe müssen wir sicher sehr sorgfältig umgehen, das ist gar keine Frage. Das heisst aber nicht, dass die Stadt ein Mausoleum werden darf. Hier verträgt es aber bloss kleine, qualitativ hochstehende Eingriffe. Das Viererfeld wiederum lässt Spielraum, ein bisschen Mut zuzulassen.

Was ist mit der Schützenmatte?
Da bin ich eher skeptisch. Die SBB hat zwar im Bollwerk vorgemacht, dass dort grössere Volumen möglich sind. In der Verbindung von Bahnhofeinfahrt und Altstadt verträgt es jedenfalls nicht einfach einen grossen Einzeleingriff.

Finden Sie die bisherige Planung Viererfeld denn mutig?
Es ist sicher kein Hochrisikovorgehen, das dort gewählt worden ist. Das ist aber auch das Resultat einer Mitwirkung. Grundsätzlich hat das Viererfeld bestimmt das Potenzial für eine städtebaulich hochstehende Lösung. Wir werden die Möglichkeit haben, in den Wettbewerben die Vorgaben zu konkretisieren. Ich gehöre übrigens nicht zu den lauten Architekten. Ruhige, feine Eingriffe haben oft mehr Gehalt. Gelegentlich braucht es aber auch mal ein Fortissimo.

Wo sehen Sie bereits Möglichkeiten für ein Fortissimo?
Wieso nicht im Forsthaus West? Allein die Nachbarschaft zur neuen KVA und die Art der Nutzung des Areals drängt sich doch auf dafür. Oder im Wankdorf, dort spielt schliesslich bereits ein ganzes Orchester ein bisschen lauter als gewöhnlich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.04.2014, 12:02 Uhr

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Zur Person

Der 48-jährige dipl. Architekt ETH Thomas Pfluger amtiert seit Anfang 2014 als Berner Stadtbaumeister. Vorher betreute er bei den SBB grosse Bahnhofsprojekte in St.Gallen, Winterthur sowie beim neuen Zürcher Bahnhof Löwenstrasse. Pfluger leitet innerhalb der Präsidialdirektion die neu geschaffene Abteilung Hochbau Stadt Bern (HSB). Diese setzt nach der Eingliederung von Stadtbauten Bern (Stabe) in die Verwaltung Hochbauprojekte für Liegenschaften im Verwaltungsvermögen um.

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