Wabern

Bienensterben: Imker gibt Handystrahlen die Schuld

WabernImker Kurt Härry aus Wabern verlor elf Bienenvölker. Er ist überzeugt, dass der Grund bei der Handystrahlung liegt, die die Bienen schwäche. Beim Forschungszentrum Agroscope bezweifelt man den Zusammenhang.

Imker Kurt Härry aus Wabern hat elf Bienenvölker verloren. Für ihn ist klar, dass die Ursache dafür der Elektrosmog ist.

Imker Kurt Härry aus Wabern hat elf Bienenvölker verloren. Für ihn ist klar, dass die Ursache dafür der Elektrosmog ist. Bild: Andreas Blatter

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Kurt Härry ist verzweifelt. Der heute 81-Jährige ist seit 1961 Imker. Und jetzt das: Zwischen Oktober und Dezember verliessen elf Jungvölker sein Bienenhaus am Rand von Wabern. «Kahlflug der Bienen» heisst dies in der Züchtersprache. Der finanzielle Verlust beläuft sich auf rund 5000 Franken.

Härry ist jedoch überzeugt, dass die Bienen nicht einfach ohne Grund aus ihrer ­Behausung ausgeflogen sind. Als Ursache vermutet er vielmehr den Elektrosmog, hervorgerufen durch die verstärkten Handyantennen in der Nachbarschaft. Denn: Im vergangenen Jahr sei die Handyantenne an der Seftigenstrasse – rund 150 Meter von Härrys Bienenhaus entfernt – verstärkt worden. «Die Aufgabenteilung der Bienen ist durch diese Strahlung gestört», mutmasst er.

Gestresste Bienen

Ein Bienenvolk ist perfekt durchorganisiert und geprägt von kollektiver Intelligenz. Die meiste Zeit ihres Lebens verbringen Bienen nicht als Sammlerinnen, sondern im Dunkeln des Bienenstocks als «Innendienstbienen». Jede Biene hat eine Aufgabe, die je nach Lebensalter wechselt. Und dieses fein ausgeklügelte System könne durch die Strah­len durcheinandergeraten, so die Vermutung von Härry.

«Der Dauerstress schwächt die Bienen und irritiert sie», sagt er. Härry kann sich auch einen Zusammenhang zwischen der stetigen Ausbreitung der Varroamilben – ein tödlicher Feind der Bienen – und den Handyantennen vorstellen. «Geschwächte Bienen sind an­fälliger auf Krankheiten und Parasiten.»

«Geschwächte  Bienen sind  anfälliger auf Krankheiten und Parasiten.»Kurt Härry, Imker

Für den Bienenzüchter ist nicht nur der Verlust der elf Bienenvölker ein Ärger. Sein Frust richtet sich gegen Bund und Kanton. «Sie schauen lieber weg als hin», wirft er den Forschern im Bundesamt für Landwirtschaft vor. Seit dreissig Jahren sei die Problematik mit den Varroamilben bekannt, doch es werde kaum etwas unternommen, und noch weniger finde eine offene Kommunikation statt. Bei der Strahlenproblematik sei es noch schlimmer. «Man setzt sich zwar nicht in den Bienenstock, aber ins Wespennest, wenn man hier hartnäckig nachfragt», so Härry.

Laut Studien kein Einfluss

Beim Forschungsinstitut Agroscope im Liebefeld, das dem Bundesamt für Landwirtschaft angegliedert ist und sich auch mit Bienen beschäftigt, wehrt man sich gegen die Vorwürfe. «Alle bisherigen Studien zu diesem Thema konnten nicht bestätigen, dass Elektrosmog für Bienen problematisch ist», sagt Jean-Daniel Charrière, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Agroscope.

Eigene Strahlenmessungen und Studien habe man zwar nie gemacht. Rund 20 Meter vom Bienenforschungszentrum entfernt habe es aber auch eine Handyantenne. «Unsere Bienen haben nie negativ darauf reagiert.»

Dass die Handyantennen die Ursache für den Verlust mehrerer Bienenvölker sind, bezweifelt Charrière. «Da bräuchte es eine enorme Strahlung.» In der Schweiz seien die Antennen von Gesetzes wegen rund zehnmal schwächer als etwa in Frankreich oder Deutschland. «Da müsste die Problematik aus diesen Ländern bekannt sein.»

«Einige Imker haben immer noch Mühe, an die tödliche Wirkung dieses Parasiten zu glauben.»Jean-Daniel Charrière, Agroscope

Eine Studie aus der Schweiz, bei der als Experiment Handys direkt in Bienenkästen platziert wurden, hat laut Charrière zwar gezeigt, dass die Tiere durchaus Magnetfelder wahrnehmen können. «Ein negativer oder schäd­licher Effekt konnte aber nicht nachgewiesen werden.» Char­rière betont, dass erfahrungsgemäss in 90 Prozent der Fälle beim Bienensterben letztlich die Varroamilbe die Ursache sei. «Einige Imker haben immer noch Mühe, an die tödliche Wirkung dieses Parasiten zu glauben.»

Bei der Swisscom bestätigt man zwar, dass an besagtem Standort an der Seftigenstrasse im Sommer 2016 tatsächlich die Antenne ergänzt worden sei, damit die Kunden schneller surfen könnten. «Die gemessene Strahlung hat sich dabei aber nicht verändert», heisst es auf Anfrage.

Bienenkästen aus Kupfer

Kurt Härry bleibt trotzdem skeptisch. Seines Erachtens wird die Strahlenbelastung ganz generell verharmlost. «Die Lobby der Netzwerkbetreiber ist halt sehr mächtig», sagt er. Wer nichts unternehme, der mache sich auch keine Feinde. Letztlich gehe es ihm aber einzig und allein um die «Beieli», betont er.

Im Kampf gegen die vermeintlich schädlichen Handystrahlen ist Härry deshalb inzwischen selbst aktiv geworden. Zusammen mit drei Imkerkollegen hat er spezielle Bienenkästen angeschafft, die mit Kupfer und Aluminium verkleidet sind – und in Zukunft allfällige Strahlung abschirmen sollen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.05.2017, 08:48 Uhr

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